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22.01.2003

16:00 Uhr

„Aufschrei der Provinz“

Krisenstimmung am Finanzplatz Frankfurt

Die Krisenstimmung an der Börse und im Kreditgewerbe kratzt zunehmend am Selbstbewusstsein des Finanzplatzes Frankfurt. Nach Jahrzehnten des Aufstiegs zum wichtigsten inländischen Börsen- und Bankenzentrum mit Bundesbank und Europäischer Zentralbank (EZB) machen sich seit einigen Jahren Katzenjammer und Selbstzweifel breit.

Die Bürotürme der Dresdner Bank und der Commerzbank in Frankfurt. Foto: dpa

Die Bürotürme der Dresdner Bank und der Commerzbank in Frankfurt. Foto: dpa

HB/dpa FRANKFURT. Der mutige Angriff auf die europäische Finanzmetropole London ist längst abgeblasen. Es geht mittlerweile nur noch darum, auf dem Kontinent Paris Paroli zu bieten. Aber auch Interessen der Bundesländer verhindern Reformen.

Wie blank inzwischen die Nerven am Main liegen, zeigt die nervöse Reaktion auf ein Papier aus dem Hause der Unternehmensberatung McKinsey. Dort wird auf die Ertragskrise der deutschen Banken, die Wachstumsschwäche der Bundesrepublik, die Ratlosigkeit der Politik mit allen Konsequenzen für den Finanzplatz Deutschland hingewiesen. Ausländische Banken würden sich zurückziehen. "Die Frankfurter Community befindet sich in Auflösung", lautet das Fazit. Seit Tagen erregt dies die Gemüter in den Banktürmen und auf dem Börsenparkett.

In der Düsseldorfer McKinsey-Zentrale wird heftig abgewunken. Das fünfseitige Papier sei keine Studie des Hauses, lediglich ein "persönliches Memo" der beiden Experten für Finanzdienstleistungen, Frank Mattern und Clara Streit, an Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz und den Vorstandsvorsitzenden der Deutsche Börse AG, Werner Seifert. Schon wenige Tage zuvor hatte der Vorstandschef der Deutschen Bank beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt die kollektive Seele geschockt. Nach Meinung des Schweizers Josef Ackermann wird die Bundesrepublik vom Ausland nicht mehr als Land des Wirtschaftswunders, vielmehr als Gesellschaft im Niedergang - gar als nächstes Japan - gesehen. Ackermann plädiert für grundlegende Reformen und ein Ende des Dauerwahlkampfes.

Dabei haben gerade die besonders beäugten Großbanken in den 90er Jahren verpasst, eine Konsolidierung der Bankenlandschaft vorzunehmen. Der - mittlerweile wieder zusammengebrochene - Aktienboom mit Riesengewinnen hatte die Kostenprobleme des Kreditgewerbes lange Zeit verdeckt.

Neben dem Heer der Kassandra-Rufer gibt es allerdings auch einige hoffnungsvolle Stimmen für Frankfurt. Die Rhein-Main-Region habe es bislang nicht verstanden, die Vorzüge wie "Hauptstadt des Euro", kurze Wege, eine paradiesische Infrastruktur sowie ein attraktives Umfeld zu einer internationalen Marke zu entwickeln, moniert der ehemalige Chef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper.

In Frankfurt werde es schon als Verlust empfunden, wenn die Dresdner Bank von der Allianz-Zentrale in München gesteuert werde. Wichtiger sei allerdings, dass die Handelsaktivitäten der Bank am Main konzentriert seien. Dass alle fünf großen britischen Investmentbanken von ausländischen Finanzhäusern aufgekauft wurden, habe das Selbstbewusstsein der Londoner City nicht erschüttert.

Die Bedeutung des Bankenplatzes wird ohnehin zu stark an den Großbanken festgemacht. Daneben haben aber auch das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken - die DZ Bank - sowie die größte deutsche Förderbank KfW ihren Sitz in Frankfurt. Die Sparkassen sind mit ihrem Investmenthaus Deka-Bank vor Ort. Schließlich definieren auch Bildungseinrichtungen, Forschungsabteilungen sowie PR-Agenturen und bedeutende Wirtschaftsmedien die Stellung eines Finanzzentrums.

Auch der Deutschland-Chef der US-Bank Morgan Stanley, Lutz Raettig, hält wenig von negativen Übertreibungen. Frankfurt habe gegenüber London auch Stärken wie etwa ein hoch entwickeltes Handels- und Abwicklungssystem für Wertpapiergeschäfte. Die deutsche Tochter des amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs wertet die Debatte über den Standort als überzogen und denkt nicht an Rückzug.

Nicht zuletzt die EU-Osterweiterung könnte auch eine Chance für den Finanzplatz am Main bedeuten. Dazu müsste aber auch die Politik Weichenstellungen vornehmen. Entsprechende Vorschläge des hessischen Wirtschaftsministers Dieter Posch stoßen jedoch bei seinen Länderkollegen auf Widerstand. Eine zentrale Börsenaufsicht für Deutschland hält er für unabdingbar, ebenso wie die Gründung einer Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen. Auch der Umzug der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht von Bonn nach Frankfurt sei zwingend.

Freunde macht sich der FDP-Politiker damit nicht. Die negativen Reaktionen kritisiert er als "provinziellen Aufschrei". Den eigenen Kirchturm fest im Blick werde das übergeordnete Interesse des Wirtschaftsstandorts Deutschland - mit international konkurrenzfähigem Finanzplatz - außer Acht gelassen.

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