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16.06.2000

07:21 Uhr

Aufschwung der Gaswirtschaft

Atomkonsens bereitet der Energiebranche keine Probleme

Der zwischen Bundesregierung und Atomwirtschaft gefundene Atomkonsens löst aus Sicht der Branche einige Probleme. Die an den Gesprächen beteiligten Unternehmen begrüßten vor allem die Planungssicherheit, die ihnen der gefundene Kompromiss bietet. Erleichterung herrscht auch über die Lösung der Frage des Atommülls.

Reuters DÜSSELDORF. RWE-Chef Dietmar Kuhnt hatte wiederholt vor einem Entsorgungsinfarkt gewarnt und von einer "Zeitbombe" in dieser Frage gesprochen. Der Konsens legt für die 19 deutschen Atomkraftwerke die Menge Atomstrom fest, die noch produziert werden darf, erlaubt die freie Verteilung der Kontingente auf die Kraftwerke und regelt die Entsorgungsfrage.

Direkten wirtschaftlichen Schaden fügt der Atomkonsens den deutschen Energieversorgern offenbar erst einmal nicht zu. Über einen Zeitraum von 32 Jahren - der sich aus der Umrechnung der Strommengen auf die Betriebsdauer der Anlagen ergibt - könne es in der Energiewirtschaft viele, heute nicht vorhersehbare Entwicklungen geben, heißt es in den Konzernen. So sei beispielsweise der Aufschwung, den gegenwärtig die Gaswirtschaft nehme, auch nicht in diesem Ausmaß vorhergesehen worden. Mit jedem vom Netz genommenen Kernkraftwerk entsteht den Besitzern insofern aber ein Schaden, als die Anlagen dann meist schon Jahre lange abgeschrieben sein dürften, Strom daher sehr kostengünstig produziert werden kann.

RWE stellt nach Angaben eines Sprechers bereits "Probeplanungen" auf, welche Menge Atomstrom von welchem Kraftwerk bis wann erzeugt werden soll. Konkretes wollte er aber noch nicht sagen. Der künftige Fusionspartner VEW war da schon deutlicher. Sein Kraftwerk Emsland in Lingen dürfte das letzte sein, das vom Netz geht, hieß es in Dortmund. Die Lingen zugeteilte Strommenge bedeute noch eine Laufzeit von 22 Jahren. RWE plane aber, einen Teil des für den Verzicht auf die Wiederinbetriebnahme des Kraftwerks Mülheim-Kärlich ausgehandelten Stromkontingents auf Lingen zu übertragen. Damit dürfte sich die Laufzeit von 22 Jahren noch verlängern. RWE-Energie-Vorstand Gerd Jäger kündigte in Mülheim-Kärlich an, in Kürze einen Antrag auf Stilllegung des Kraftwerks zu stellen.

RWE betreibt noch je zwei Reaktorblöcke in Biblis und in Gundremmingen. Nach den nunmehr für jedes Kraftwerk festgelegten Strommengen würden Biblis A im Jahr 2008 und Biblis B zwei Jahre später vom Netz gehen. Gundremmingen müsste, wenn die Kontingenten nicht anders verteilt werden, 2017 und 2018 abgeschaltet werden. Der Kernenergieanteil am Gesamtstromaufkommen des größten deutschen Energieversorgers beträgt gut 20 % und ist damit von den großen Atomstromerzeugern der geringste.

Bei der Düsseldorfer Veba will man noch nicht sagen, inwieweit bereits Verteilungs-Szenarien entwickelt werden. Es wird aber darauf verwiesen, dass sich in den Konsensgesprächen schon seit längerem eine Lösung über Mengenkontingente abzeichnete und man daher schon hin- und her gerechnet habe. Veba kommt bei ihrer Energie-Tochter PreussenElektra derzeit auf einen Kernenergieanteil an der gesamten Stromproduktion von rund 46 %. Bei der Viag-Tochter Bayernwerk liegt dieser Anteil bei rund 60 %. Viag und Veba werden in Kürze fusionieren.

Den größten Kernenergieanteil hat die Hamburger HEW AG mit rund 76 %. Ein Ausstieg aus der Kernenergie trifft dieses Unternehmen mithin schwerer als solche mit vergleichsweise geringem Atomenergie-Anteil. Die HEW war nicht zu den Konsensgesprächen eingeladen gewesen. Das hatte von Anfang an zu einer Mißstimmung innerhalb der Atomwirtschaft geführt. An den eineinhalb Jahre laufenden Konsensgesprächen beim Bundeskanzler waren die Chefs der vier größten deutschen Energieunternehmen, RWE, Veba, Viag und EnBW Energie Baden-Württemberg beteiligt gewesen. HEW begrüßte daher die Einigung zwar grundsätzlich, weil sie Planungssicherheit gebe. Man behalte sich aber eine eigenständige Entscheidung noch vor, hieß es.

Allen Unternehmen gemeinsam ist die Erleichterung über die Lösung der Frage des Atommülls sein. Im Herbst sollen die Transporte wieder aufgenommen werden, die monatelang verboten waren. Beschlossen wurde auch, bis spätestens 2005 auf Atommülltransporte in Wiederaufbereitungsanlagen zu verzichten. Stattdessen soll zügig mit dem Aufbau von Zwischenlagern an den Kraftwerken begonnen werden.

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