Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.01.2003

09:09 Uhr

Aufstieg und Fall von Lazio Rom und Präsident Cragnotti

Ausverkauf eines Meisterklubs

VonMarcello Berni (Handelsblatt)

So hat sich Sergio Cragnotti seinen 63. Geburtstag nicht vorgestellt. Versteinert sitzt der Unternehmer in seiner dunklen Limousine und starrt ins Leere. Eben haben ihm seine bislang besten Freunde und Geschäftspartner deutlich gemacht, dass nun das Maß voll sei und er sich zum Teufel scheren solle.

Also: Rücktritt vom Chefposten des überschuldeten Büchsentomatenmultis Cirio Del Monte und - wichtiger für Cragnotti - der Präsidentschaft seines faktisch zahlungsunfähigen Fußballvereins Lazio Rom. "Brutta figura", murmelt ein Fan und meint damit, dass der Mann nun auch beim Volk der "Tifosi" in Ungnade gefallen ist. Längst sind die glorreichen Tage des Meisterschaftsgewinns 2000 vergessen. Cragnotti muss lernen: Ruhm ist hier noch vergänglicher als anderswo.

Aber immerhin noch ein Anreiz für die Lazio-Spieler: Stefano Fiore läuft wie ein Besessener. Seine Bananenflanke landet auf dem Kopf von Claudio Lopez, der das Leder kraftvoll im Netz versenkt. "Wir bekommen zwar alle seit Monaten kein Geld mehr, trotzdem macht es einen riesigen Spaß, für Lazio zu spielen", diktiert Fiore später in die Notizblöcke der Reporter.

Fußball absurd. Obwohl die "Himmelblauen" fast alle Superstars verloren haben, spielen die Nobodys von Lazio Rom in dieser Saison auf wie jene Millionentruppe, die vor drei Jahren das "Scudetto" holte. Tabellenplatz drei - hinter den beiden Mailänder Prominentenklubs - ist der Lohn für den wohl schönsten Fußball der Liga.

Cragnotti kann dies nicht nur als Fan sondern auch als Eigentümer des Vereins recht sein. Denn er sucht in diesen Wochen verzweifelt einen Käufer für seinen Klub, den er 1998 als ersten Verein Italiens an die Börse brachte. Der Sohn des Libyschen Diktators Gaddafi soll interessiert sein. Mehr als ein Vertrag über die Nutzung des Trainingscamps Formello für eine halbe Million Dollar ist bislang aber nicht dabei herausgekommen.

Aufstieg und Niedergang des Sergio Cragnotti besitzen etwas Modellhaftes, Typisches für die italienische Nachkriegszeit. Denn es ist die Geschichte eines Self-Made-Manns, der ganz hoch hinaus wollte, dies dank seiner Intelligenz und Skrupellosigkeit schaffte, dann aber das Maß für die Dinge, vor allem für die eigenen Grenzen verlor, und nun vor dem Scherbenhaufen seines Handelns steht.

Ähnliche Fälle hat Italien viele gesehen - der wohl Spektakulärste war jener des Cragnotti-Paten Raul Gardini, der angesichts der Pleite des riesigen Agrochemie-Konglomerats Ferruzzi Anfang der 90er Jahre Selbstmord beging. Gardini war Cragnottis bester Lehrer: Bei ihm studierte er, wie man waghalsige Finanzkonstruktionen entwirft, die politische Klasse gewinnt und - vor allem - sich selbst immer im richtigen Licht erscheinen lässt.

Deshalb war es mehr eine Kopf- als eine Gefühlsentscheidung, dass Cragnotti 1992 Lazio für umgerechnet 30 Millionen Euro gekauft hat. Denn er wusste: Nur Fußballmäzene steigen in die Riege der wichtigsten italienischen "Businessmen" auf. Medienmogul und Premier Silvio Berlusconi besitzt den AC Milan, die Agnelli-Dynastie Juventus Turin; der Ölindustrielle Massimo Moratti ist der "Padrone" von Inter Mailand, Ferrari-Chef Luca di Montezemolo der des AC Bologna.

"Es ist eine Mischung aus Eitelkeit und Kalkül, mit der sich das Engagement der führenden Geschäftsleute des Landes im Fußball erklären lässt", analysiert der Mailänder Soziologe Guido Sorani. Diese Verquickung zwischen Großindustrie und Sport hat die italienische Serie A zum Hollywood des Fußballs gemacht. Der seltsame Wettlauf der "Padroni" um Pokale und Titel hat zu den höchsten Ablösesummen und Gehältern sowie einer einzigartigen Ansammlung der schillerndsten Stars geführt.

Die Quittung: Außer Juventus machen alle Erstligavereine seit Jahren hohe Verluste. Allein die größten fünf Klubs haben im letzten Geschäftsjahr bei einem Umsatz von rund 700 Millionen Euro netto 225 Millionen verbrannt - bei Lazio waren es 103 Millionen. Haben die großzügigen Präsidenten bislang stets die Fehlbeträge aus ihrer Privatschatulle ausgeglichen, so zeigt das System nun erste Aussetzer. Schwierigkeiten beim Verkauf der Fernsehrechte tragen ihren Teil zur zunehmenden Dramatik der Lage bei. Haben die konkurrierenden Pay-TV Sender Stream und Telepiu bis vor kurzem noch die Preise für Exklusivverträge mit den Top-Teams nach oben geschaukelt, so ist der Boom nach der Ankündigung ihrer Fusion vorbei.

Folge: Im Sommer ist bereits der Traditionsklub AC Florenz des bankrotten Filmhändlers Vittorio Cecchi Gori unter der Schuldenlast zusammengebrochen und in die vierte Liga abgestiegen. Auch Cragnotti musste damals unter dem Protest der Lazio-Fans seine Spitzenspieler Alessandro Nesta und Hernan Crespo verscherbeln - sonst hätte der Klub vom Fußballbund keine Lizenz mehr bekommen.

Ironie des Schicksals: Lazios Trainer Roberto Mancini war vorher bei der Fiorentina und hat zurzeit ein echtes Deja-vu-Erlebnis. Er hofft aber: "Es wird nicht enden wie in Florenz".

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×