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17.01.2003

09:56 Uhr

Ausnahmezustand in den Alpen

Davos - der Gipfel aller Gipfel

VonUlf Böhringer und Thomas Knüwer (Handelsblatt)

Die Sehnsucht nach Davos ist groß für manchen deutschen Manager: "Die Umgebung ist nicht alltäglich, und das öffnet die Menschen und animiert, anders miteinander umzugehen", sagt Wilhelm Haarmann, Gründungspartner der großen Anwaltssozietät Haarmann, Hemmelrath & Partner.

Von Donnerstag (23.1.) bis Dienstag (28.1.) herrscht wieder Ausnahmezustand in Davos. Beim jährlichen Treffen des World Economic Forum (WEF) trifft sich alles, was Rang und Namen hat in Wirtschaft, Politik und Kultur. Für normale Touristen bleibt in dieser Zeit kein Bett frei, sie hätten auch wenig Spaß an Davos: Die Promenade ist einen Kilometer lang gesperrt, Hallenbad und Bibliothek sind geschlossen, überall Sicherheitskontrollen, sogar die Bewohner der umliegenden Dörfer haben oft genug Probleme heimzukommen.

Im vergangenen Jahr jedoch ging es nach New York - aus Solidarität mit der anschlagswunden Stadt und auch aus Angst vor weiteren Terrorakten. "Da hat man gemerkt, wie sehr Davos die richtige Atmosphäre hat", erinnert sich Haarmann. Er weiß, wovon er redet: Zehnmal bereits besuchte er das Weltwirtschaftsforum. Ähnlich sieht das auch Schering-Vorstandschef Hubertus Erlen. Er schätzt "die politische Welt in einer Nussschale".

"Wenn man in Davos ist, ist man in Davos. Man macht nichts anderes", erklärt Paul Anderson die besondere Atmosphäre. Der Senior Vice President bei Booz Allen Hamilton kennt WEF-Gründer Klaus Schwab seit den 70ern. "In Davos verhalten sich all diese mächtigen Leute nicht als Besitzer eines Rangs, sondern als Individuen."

Nobelpreis-Gewinner an der Bushaltestelle

An der Optik der 13 000-Einwohner- Stadt liegt das weniger: "Davos liegt schön, ist aber architektonisch nicht wirklich schön. Andere Orte sind da heimeliger. Aber in Davos fühlt man sich einfach wohl und geborgen", urteilt der Jurist. Schering-Chef Erlen gibt zu: "Privat bevorzuge ich andere Skiorte."

Promenade heißt die zentrale Straße, dort liegen viele Hotels und die meisten Geschäfte. Rechts und links davon geht es schnell bergauf. Booz-Allen-Automotive-Experte Anderson sieht darin aber auch Vorteile: "Alle gehen die Straße rauf und runter, und dabei trifft man sich. Sie stehen neben einem Nobelpreis-Gewinner an der Bushaltestelle und reden einfach miteinander."

Wer regelmäßig zum Gipfel fährt, hat zumindest einen Vorteil: Die Sekretärin ist es gewöhnt, frühzeitig ein Hotel zu buchen. Denn Luxus-Schlafstätten hat Davos nicht viele: Nur 6 000 der 24 0000 Gästebetten entfallen auf Hotels und Pensionen; Ferienwohnungen stellen mit 16 000 Betten das Hauptkontingent.

Wer dicht an das Geschehen will und auf ein exzellentes Preis-Leistungsverhältnis Wert legt, mag Morosanis Posthotel. Es liegt an der Promenade und gehört zu den wenigen Häusern der Stadt, die mit dem Qualitätsgütesiegel der Stufe 2 ausgezeichnet sind, der höchsten Auszeichnung des Schweizer Hoteliervereins für ausgezeichneten Service. Doch auch der Meierhof, ebenfalls eines der insgesamt 15 Vier-Sterne-Häuser und an der Promenade gelegen, ist sein Geld wert. Zur selben Kategorie gehört das Waldhotel Bellevue.

Unter den 31 Hotels der Drei-Sterne- Kategorie finden sich drei Häuser mit außergewöhnlichem Preis-Leistungsverhältnis: Das Hotel "Bahnhof-Terminus" liegt gegenüber dem Bahnhof Davos-Platz, das "Casanna" besitzt nur 26 Zimmer und wird von der Besitzerfamilie geführt; es befindet sich in äußerst ruhiger Lage im Horlauben- Wohnquartier. Auch das einzige Chalet-Hotel der Stadt, das "Larix", kann überzeugen. Alle genannten Häuser mit Ausnahme des Meierhof liegen in Davos-Platz. "Es gibt aber kein Hotel, dessentwegen ich extra nach Davos fahren würde", sagt Berater Anderson.

Das ungeschriebene Motto aller Konferenzen gilt auch während des WEF: "Nach dem Essen ist vor dem Essen." Das Problem kennt Schering-Chef Erlen: "In Davos hatte ich bisher immer nur die Sorge, dass ich zu viel esse, weil ein Meeting das andere jagt. Ans Skifahren habe ich nicht gedacht."

Empfänge und Gala-Essen könnten spärlicher werden

Die meisten Teilnehmer gönnen sich die Empfänge und Gala-Essen der großen Unternehmen. In diesem Jahr jedoch könnten sie spärlicher werden: Denn zu den Sponsoren zählten bisher die teils angeschlagenen Wirtschaftsprüfungs-Riesen wie KPMG, Andersen und Pricewaterhouse-Coopers."Verpflegung und Logistik sind ausgezeichnet", lobt Davos-Anhänger Haarmann. Als Alternative zu den Einladungsessen empfiehlt er "Hublis Landhaus" in Laret, das einen Michelin-Stern und 16 Punkte bei Gault Millau vorweisen kann. Auch die Schatzalp hat es ihm angetan: "Das ist wirklich eine Zauberberg-Atmosphäre." Booz Allens Vizepräsident Anderson hat es dagegen mehr mit dem Süßen: "Meine Frau und ich gehen mindestens einmal in die Confiserie Schneider. Dort gibt es eine wunderbare Terrasse, tollen Kuchen und Kaffee mit Schlag."

Nur für eins bleibt den Forumsbesuchern entgegen allen Klischees keine Zeit: Skifahren. "Ich nehme meine Ski nicht mit", sagt Schering-Vorstandschef und Buckelpisten-Fan Hubertus Erlen. "Zeit bleibt nur am Sonntagvormittag. Und dann schlafe ich lieber aus und mache einen Spaziergang um den See", plant Anderson. Auch Sozietätschef Haarmann mag für den halben Tag Luft im Kongressprogramm seine Ski nicht mitschleppen. Aber er weiß auch: "Die Pisten sind gut."

Die Skiberge Pischa und Rinerhorn werden von jenen bevorzugt, die stets freie Pisten lieben; an Jakobshorn und Parsenn ist der Andrang größer. Wer die wenigen prominenten Gipfelbesucher beim Wedeln beobachten will, hat auf der Parsenn nach Insider-Meinung die besten Chancen. Dieses Gebiet ist leichter erreichbar als bisher: Für 18 Millionen Franken wurde ein neuer Schrägaufzug gebaut, der sein Ziel in wenig mehr als vier Minuten und damit in der halben Zeit erreicht.

Das Forum denkt an die Ehepartner

Wer genug von der Natur hat, der findet in Davos auch ein wenig Kultur. "Das Kirchner-Museum ist exzellent", rät Jurist Haarmann zum Besuch. Bis zu seinem Tod lebte Ernst Ludwig Kirchner in Davos, heute beherbergt ein moderner Bau auf der Promenade die weltweit größte Sammlung seiner Werke.

So mancher Gipfelteilnehmer, der ohne Ehefrau oder-mann angereist ist, vergisst bei all diesem Angebot schnell die Heimat. "Wer zum ersten Mal nach Davos reist, kommt meist ohne Partner. Aber beim zweiten Mal ändert sich das", beobachtet Davos-Veteran Anderson. "Das Programm ist sehr partnerfreundlich, Ehemänner und-frauen können viele der Sessions besuchen." Auch seine Frau war bereits mehrmals in Davos mit dabei.

Und deshalb ist so mancher Premierenbesucher am letzten Tag des WEF auf der Promenade zu sehen - auf der Suche nach einem Mitbringsel. Damen eher bei Blaser, dem wohl exklusivsten Bekleidungsgeschäft der Stadt. Vielleicht aber auch bei Adank, dem Spezialisten für handgemachte Pasta und Konfitüre oder der Metzgerei Werth, wo es das dünnste Bündnerfleisch der Stadt gibt.

Die Herren greifen wohl eher zum Goldigen: Auf kurzer Strecke ballen sich auf der Promenade die Schmuck- und Uhrengeschäfte Bucherer (Nr. 69), Stäuble (71), René Schaad (84), Barth (49) und Christ (55). Wer dagegen nicht nur in Davos allein ist, gönnt sich vielleicht selbst etwas: Auch das Casino liegt direkt an der Promenade.

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