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09.01.2003

13:00 Uhr

Aussteller- und Besucherschwund

Abschied von der goldenen Zeit

VonRudi Kulzer und Siegfried Grass (Handelsblatt)

Das vergangene Jahr hat den großen Messen für die Informations- und Kommunikationsindustrie - wie der Cebit in Hannover oder der Comdex in Las Vegas - spürbare Einbrüche beschert. Angesichts schmaler Budgets sowie einer wachsenden Präsenz im Internet stellt sich die Frage, wie sinnvoll aufwendige Live-Messen noch sind.

HB MÜNCHEN. Die Comdex steht vor der Pleite, die Cebit in Hannover räumt ein, dass zahlreiche Aussteller ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Die Münchener Systems reagierte bereits mit einem neuen Messekonzept auf die nachlassende Nachfrage. Auch der bislang vom Erfolg verwöhnten Branche der Informations- und Telekommunikation (ITK) bläst ein rauer Konjunkturwind ins Gesicht. Die ITK-Ausrüster spüren die Zurückhaltung der Anwender bei der Anschaffung von neuen Computern und neuen Programmen. Die Kunden nehmen auch weniger ITK-Dienstleistungen in Anspruch. Folglich kürzen ITK-Anbieter ihre Budgets für Messeauftritte.

Derzeit machen sich die Planer in zahlreichen ITK-Unternehmen Gedanken über ihren Auftritt auf der Cebit, der größten Branchenausstellung weltweit. Das "Centrum für Büro- und Informations-Technik", das vom 12. bis 19. März 2003 in Hannover stattfindet, sieht sich zu Beginn dieses Jahres mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert. Eine Mammutschau von Firmen und Produkten genügt nicht mehr. Die Warteliste der Firmen, die gerne auf der Cebit präsent sein wollen, ist leer. Zudem zieht es nicht mehr ganz so viele Besucher nach Hannover. Vielleicht bekommt es der Großveranstaltung an der Leine auch einmal ganz gut, wenn sie etwas übersichtlicher wird. Das könnte beispielsweise auch durch das Angebot lösungsorientierter Sonderschauen erreicht werden.

Wie brenzlig die Situation für die Messeveranstalter ist, belegen konkrete Zahlen der wichtigen Veranstaltungsorte München, Hannover und Las Vegas. So räumte die Comdex Mitte November ein, dass die berühmte Technologie-Show im Spielerparadies um das Überleben kämpft. Jahrzehntelang war die "Computer Dealer Expo" trotz der deutlich größeren Cebit die weltweit wichtigste Ankündigungsveranstaltung der Branche. Hier konnte man erfahren, was sich im Folgejahr in den USA, dem Computermutterland, und in den kommenden zwei Jahren in Europa tun würde.

Damit ist es vorbei! Von den IT-Messe-Veranstaltern leidet gerade der einstige Star derzeit am stärksten. Nach einem verheerenden Quartalsergebnis überlegt der unter Key3Media Group Inc. firmierende Konzern, ob man sich nicht unter den Schutz des US-Insolvenzparagrafen "Chapter 11" begeben will. Bei der Veranstaltung Mitte November 2002 stürzte nicht nur die Zahl der Aussteller im Vergleich zum Jahr 2000 von 2300 auf 1000 ab, auch die Besucherzahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren von 215 000 auf die Hälfte reduziert. Die Comdex 2001 lief dagegen wieder etwas besser - trotz der Terroranschläge in New York und Washington. Die Rekordzahlen von 265 000 Besuchern während des Booms Ende der 90er-Jahre werden wohl nie wieder erreicht.

Auch die Hannoveraner verkündeten Anfang Dezember in einer Nachlese zur Cebit 2002 wenig Erfreuliches. So nahmen an der vergangenen Cebit 7962 Aussteller teil. Davon hatten 698 für ihren Auftritt nicht gezahlt und damit Millionen-Einbußen verursacht. Innerhalb von zwei Jahren hat die Cebit rund 15 Prozent ihrer Aussteller verloren. Zur Veranstaltung in diesem Jahr wird die Ausstellungsfläche um rund neun Prozent auf 362 000 Quadratmeter schrumpfen. 2002 hatten 674 000 Menschen die Messe besucht. Auch diese Zahl wird 2003 keinen Bestand haben.

Dennoch: Die Organisatoren der großen Computer- und Internetmessen in Deutschland sehen laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur DPA optimistisch in die Zukunft. Die Aussteller der Cebit, der Systems und der Internet World in Berlin seien zufrieden gewesen, sagte Ulrich G. Schneider, Geschäftsführer des Branchenverbands Bitkom. Und nach Angaben der Münchner Messe haben für die kommende Systems vom 14. bis 18. Oktober 2003 in München zumindest schon mal alle Marktführer zugesagt. Genaue Ausstellerzahlen wollte Messe-Sprecherin Ellen Richter-Maierhofer noch nicht nennen.

Auch der Veranstalter der Internet World in Berlin, ComMunic, zog trotz Besucher- und Ausstellerrückgang noch eine positive Bilanz zum Ende der dreitägigen Messe. "Wir haben jetzt schon Reservierungen fürs nächste Jahr", sagte eine Sprecherin der Internet World (24. bis 26. Juni 2003). Insgesamt zählte die aus mehreren Einzelmessen (Internet World, Streaming Media, ISPCON / ASPCON, Mobile Word und Call Center Trends) zusammengefasste Internetschau im vergangenen Jahr 32 500 Besucher. 2001 waren es allerdings noch rund 74 000 Besucher. Auch die Zahl der Aussteller war um 350 auf 550 Unternehmen rückläufig.

Grundsätzlich zuversichtlich bleibt auch die Deutsche Messe AG in Hannover. Cebit-Chef Ernst Raue will sich nicht mehr allein auf die Zugkraft hier zu Lande verlassen und startet im Juni 2003 erstmals eine Messe in New York. Raue sieht die Hannoveraner Veranstaltung dadurch keineswegs gefährdet: "Wir führen mittlerweile Cebit-Veranstaltungen auf allen Kontinenten durch." Das erhöhe nur den Bekanntheitsgrad und werte die Mutterveranstaltung in Hannover auf.

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