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24.01.2002

10:48 Uhr

Auswanderersohn William Boeing gründet Weltkonzern – Weit verzweigte Familie aus dem Sauerland

Wilhelm Böing wagte den Start mit 60 $

VonSusanna Ray

Der US-Konzern Boeing ist noch immer der mit Abstand größte Flugzeughersteller der Welt. Dass die Wurzeln des Unternehmens nach Hohenlimburg im Sauerland reichen, wissen nur wenige.

HAGEN-HOHENLIMBURG. Manchmal wünschen sich die Bewohner von Hohenlimburg im Sauerland, Wilhelm Böing hätte seine Heimatstadt nie verlassen. 130 Jahre ist es her, da verließ er mit vielen seiner Landsleute die Heimat, um das Glück in Amerika zu suchen. Sein Startkapital: 60 Dollar. In Detroit stieg Böing in den Holzhandel ein.

Doch es war erst sein Sohn, der schon gut amerikanisch William Boeing hieß, der eine der uramerikanischen Geschichten begründete, in denen aus armen Auswanderern große Unternehmer werden. William gründete die Firma, die heute der mit Abstand größte Flugzeughersteller der Welt ist.

Hätte Wilhelm Böing die heimatliche Scholle nicht verlassen, dann wäre der Luftfahrtgigant vielleicht im Sauerland entstanden - und nicht in Seattle, im US-Bundesstaat Washington. In Hohenlimburg, heute ein Stadtteil von Hagen, gibt es gleich zwei getrennte Böing-Familienstämme, die sich als direkte Verwandtschaft des berühmten US-Zweiges fühlen. Ganz genau lässt sich der Stammbaum der Familie allerdings nicht mehr zurück verfolgen. Denn kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten ausgerechnet B-17-Bomber, gebaut vom Boeing-Werk in den USA, das kleine Städtchen und damit das Geburtsregister der Gemeinde.

Übel haben es die deutschen Böings der amerikanischen Verwandtschaft nicht genommen, dass Hohenlimburg im Zweiten Weltkrieg von Boeing-Bombern in Schutt und Asche gelegt wurde. "Ich kann mich erinnern, wie wir im Luftschutzkeller waren", sagt Wulf Böing, der die Bombardierung 1945 als kleines Kind erlebte, "aber es wurde nie gesagt, dass es Flugzeuge von unseren Verwandten waren. Wir wussten es zwar, aber für uns waren es die Flugzeuge der Engländer oder der Amerikaner, nicht der Verwandschaft."

Auch die Hohenlimburger Stadtväter sind nicht nachtragend. Sie haben eine Straße nach dem Konzerngründer William Boeing benannt und dabei die amerikanische Schreibweise des Namens übernommen. Am Geburtshaus von Wilhelm Böing - das heute komplett umgebaut als türkisches Kulturzentrum dient - erinnert eine Gedenktafel an den Auswanderer und seinen berühmten Sohn.

Keine Heimatgefühle gegenüber Deutschland

William Boeing besuchte seine deutschen Verwandten nur ein einziges Mal. "Er sprach nicht einmal Deutsch", sagt sein Sohn William "Bill" Boeing junior. Heimatgefühle gegenüber Deutschland habe er auch nicht gehabt." Bill Boeing hat übrigens nichts mehr mit dem Flugzeughersteller zu tun, den sein Vater gründete. Denn William Boeing verkaufte seine Anteile 1934, als US-Präsident Roosevelt aus Wettbewerbsgründen die Zerschlagung des Boeing-Konzerns verlangte.

Eberhard Böing (47), der in Hohenlimburg aufgewachsen ist und bis heute dort lebt, kennt umgekehrt seine berühmten Verwandten in den Staaten auch nicht. Die Böings leben inzwischen in aller Welt. Neun Böing-Familien stehen heute im Hohenlimburger Telefonbuch. Einige leben an der deutsch-holländischen Grenze, die anderen sind verstreut über mindestens drei Kontinente. Einer von ihnen, José Boing aus Brasilien, schrieb vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel: "Böing, Boeing oder Boing: Ein Namen, eine Familie, eine Geschichte." Er glaubt, dass bis zu 1 000 Boeings - ohne "e" im Familiennamen - in Südamerika leben, alles Nachfahren eines weiteren Böings aus Hohenlimburg, der 1860 nach Brasilien auswanderte. Das war vor der großen Industrialisierung und der Ära des Ruhrgebiets, in einer Zeit also, in der Millionen der Heimat den Rücken kehrten - weil sie glaubten, keine Perspektive zu haben. Heute sind die Fabriken geschlossen, Hohenlimburg erinnert mit seinen schmalen kopfsteingepflasterten Straßen, den restaurierten alten Häusern und seiner Burg wieder an die scheinbar gute alte Zeit.

Eberhard Böing ist zwar stolz auf seinen Familiennamen - mehr aber auch nicht. "Der wurde ja in Amerika geboren", sagt er. Daher fühlt er nur eine lockere Verbindung zu den US-Boeings. Das sehen seine beiden Söhne Stephan (17 Jahre) und Markus (15) anders. "Die Jungen sind unheimlich stolz auf die ganze Geschichte", berichtet ihr Großvater Friedhelm Böing. Im Jugendzimmer hängen überall Poster und kleine Boeing-Flugzeugmodelle. Stephan denkt darüber nach, später einmal Pilot zu werden.

Ein Foto zeigt die Brüder im Cockpit einer alten Boeing. Sie steht im Museum von Everett, einem Vorort von Seattle, das Gründersohn Bill Boeing leitet. Eberhard Böing und seine Frau Heidrun besuchten vor fünf Jahren mit ihren Söhnen das Museum, das zu dieser Zeit eigentlich schon geschlossen war. Sie fragten einen Wärter nach den Öffnungszeiten für den nächsten Tag. Als der aber hörte, dass er Verwandte der Boeing-Gründer vor sich hatte, öffnete er ihnen die Räume zu einer Sonderführung. Drei Stunden lang durften die jungen Böings auf den Oldtimern herumklettern.

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