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13.06.2015

09:07 Uhr

24 Stunden von Le Mans

Starke Favoriten, ungewöhnliche Herausforderer

VonFrank G. Heide

Samstag Nachmittag startet das härteste Langstreckenrennen der Welt. Die Favoritenrollen bei den 24 Stunden von Le Mans sind fest verteilt: Audi und Porsche sind Seriensieger. Doch das Event hat seine eigenen Gesetze.

Auf ein ungewöhnliches Experiment setzt Nissan. Zuletzt vor 16 Jahren aktiv in Le Mans vertreten, tritt man nun mit einem Frontmotor und Frontantrieb an. Das Fahrzeug mit der ungewöhnlich langen Schnauze bekommt viel Aufmerksamkeit, hat aber keine realistischen Aussichten auf den Gesamtsieg. PR

Nissan GT-R LM Nismo

Auf ein ungewöhnliches Experiment setzt Nissan. Zuletzt vor 16 Jahren aktiv in Le Mans vertreten, tritt man nun mit einem Frontmotor und Frontantrieb an. Das Fahrzeug mit der ungewöhnlich langen Schnauze bekommt viel Aufmerksamkeit, hat aber keine realistischen Aussichten auf den Gesamtsieg.

Düsseldorf/Le MansLe Mans ist fest in deutscher Hand. 16 mal siegte beim härtesten und prestigeträchtigsten Langstreckenrennen der Welt Porsche, Audi war 13 mal bei den 24 Stunden von Le Mans ganz vorn. Toyota fährt dem Sieg seit 30 Jahren hinterher, oft mit unglaublichem Pech. Peugeot hat sich sogar ganz zurückgezogen von der einzigen französischen Veranstaltung im Rahmen der Langstreckenweltmeisterschaft WEC.

Und jetzt greift Nissan mit einem Konzept an, wie es der Motorsport noch nicht gesehen hat. Nach 16 Jahren Abwesenheit von dem materialmordenden Event. Kann das gutgehen?

Wenn am kommenden Samstag um 15 Uhr die Ampel auf Grün wechselt, werden unter den 56 Fahrzeugen, die in vier verschiedenen Rennklassen starten, auch drei Nissan GT-R LM Nismo das härteste Langstreckenrennen der Welt unter die Räder nehmen.

Zwei Besonderheiten ragen bei den mit Superlativen gespickten Boliden heraus: Das radikal konzipierte Hybrid-Modell, das in der in der LM P1+H-Kategorie startet, tritt mit Frontmotor und Frontantrieb an, und neben erfahrenen Piloten wie Michael Krumm und Alex Buncombe sitzen auch Youngster aus der hausinternen Nachwuchsschmiede GT Academy hinterm Lenkrad. Sehr junge Rennfahrer, die vor kurzem noch an Sonys Playstation mit Gran Turismo 6 ihre virtuellen Runden drehten.

Eine ungewöhnliche und recht experimentelle Kombination, bei der noch vieles schief gehen kann, wie verschiedene technische Pannen und Probleme bei der Zulassung und in der Vorbereitungsphase zeigten.

Zwar kehrt Nissan erstmals wieder offiziell und nach 16 Jahren Abwesenheit an den „Circuit des 24 heures“ zurück, doch sind die experimentierfreudigen Japaner an der rund 13 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke keine Unbekannten. Das vom Werkstuner Nismo unterstützte Team war in vergangenen Jahren mit dem Rennsportexperiment Nissan Xeod RC zumindest Ehrengast in Frankreich. Und drehte außer Konkurrenz die erste vollständig elektrisch gefahrene Rennrunde auf dem Kurs.

Die drei Wagen, mit denen Nissan diesmal ernsthaft gegen die besten Sportwagenteams antritt, nennt Motorsportchef Darren Cox „eine mutige Interpretation des technischen Reglements“, das den Entwicklern in Le Mans einige Freiheiten lässt.

Welche Regeln in Le Mans gelten

Rennklassen

Die Fahrzeuge beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans sind in 4 Klassen unterteilt. Die Prototypen werden in die beiden Klassen LM P1 und LM P2 unterteilt, wobei in der LMP1 Klasse noch mal zwischen LM P1-H und LM P1-L unterschieden wird. In den Klassen der GT Fahrzeuge wird zwischen GTE Pro und GTE Am unterschieden.

Teilnahmebedingungen

Für die Teilnahme sind maximal 56 Fahrzeuge zugelassen. Um am Rennen von Le Mans teilnehmen zu dürfen, muss man einen Antrag beim Veranstalter ACO stellen, ein Auswahl-Komitee entscheidet, wen es zum Rennen einlädt. Die Teams die bereits an der Langstrecken-WM FIA WEC teilnehmen, werden automatisch eingeladen. Die eingeladenen Wettbewerber müssen dann ihr Eintragungsformular inkl. der Teilnahmegebühr von 50.000 Euro bezahlen.

LMP1

Man erkennt sie an den weißen Scheinwerfern und der weißen Startnummer auf rotem Grund: In der obersten Prototypen-Klasse starten die innovativsten Fahrzeuge. Viele mittlerweile serienmäßige Fahrzeugteile wie Scheibenwischer, Bremsscheiben, Turbolader und FSI-Benzineinspritzung hatten ihre Tests bei den 24h von Le Mans in dieser Klasse.
In dieser Klasse ist fast alles erlaubt. Die Fahrzeuge können diesel- oder benzinangetrieben sein, einen Saug- oder Turbomotor besitzen und auch über neueste Hybrid-Technologien verfügen. Die Fahrzeuge die über einen Hybridantrieb verfügen, werden in der LM P1 mit dem “H”-Zusatz gekennzeichnet.

LMP2

Die LMP2 Prototypen haben einiges mit den LMP1-Fahrzeugen gemeinsam, zum z.B. das Carbon-Chassis. In der LMP2 gibt es aber sehr strenge Regelungen die Kosten betreffend. Das Chassis darf maximal 362.100 € kosten und der Motor maximal 78.750 €. Die eingesetzten Motoren sind entweder Saug- oder Turbomotoren.

Ein LMP2-Wagen muss auch von mindestens einem Amateur-Fahrer pilotiert werden. Die Boliden haben weiße Scheinwerfer und weiße Startnnummern auf blauem Hintergrund.

GTE Pro

In dieser Klasse dürfen nur GT- Fahrzeuge starten, die auf einem Serienfahrzeug basieren das mindestens 100 Mal produziert wurden. Die Rennversion muss die gleiche Karrosserie wie das Straßenfahrzeug besitzen und die Position des Motors darf nicht verändert werden. Lediglich in Fahrzeugen mit einer Serienproduktion von mindestens 2.500 pro Jahr darf der Motor innerhalb des Motorraums nach hinten versetzt werden. Das “E” am Ende von GTE steht für Endurance und der Zusatz “Pro” für Professional. Diese Fahrzeuge werden in der Regel ausschließlich mit Profi-Rennfahrern besetzt.

Das Mindestgewicht der GTE Pro Fahrzeuge liegt bei 1.245 kg. Sie besitzen gelbe Frontscheinwerfer und weiße Startnummern auf grünem Hintergrund.

GTE Am

Seit 2011 gibt es diese Klasse, die vor allem Amateur- oder Gentleman-Fahrer den Einstieg nach Le Mans ermöglichen soll. Das führte vor allem dazu, dass einige Prominente wie Patrick Demspey teilnehmen. GTE Am- Fahrzeuge müssen mindestens ein Jahr alt sein, wodurch sie nicht durch die neusten technischen Innovationen profitieren, ihre Kosten aber dafür auch in Grenzen gehalten werden. Die Fahrzeuge haben weiße Startnummern auf orangefarbenem Hintergrund.

Anzahl der Motoren

Für die LMP1 gibt es keine maximale Anzahl von Motoren die verwendet werden dürfen. Die GTE Fahrzeuge dürfen dagegen nur maximal 2 Motoren im freien Training, Qualifying, Warum-up und Rennen einsetzen. Die Verwendung eines dritten Motors wird in der ersten Rennhälfte mit einer Stop-and-go Strafe von 5 Minuten bestraft.

Fahrerwechsel und Fahrtzeit

In der LMP2 und der GTE Am müssen die Fahrer jeweils mindestens 4 Stunden fahren. Fährt ein Fahrer während des Rennens überhaupt nicht, wird das Fahrzeug vom Rennen ausgeschlossen. Für alle Klassen gilt, dass ein Fahrer innerhalb von 6 Stunden nicht mehr als 4 Stunden fahren darf. Ebenso darf kein Fahrer insgesamt mehr als 14 Stunden fahren.

Energiegewinnung

In der obersten Fahrzeug-Kategorie, der LMP1-H treten 2015 Audi, Porsche und Toyota gegeneinander an. Audi setzt in seinen R18 e-tron quattro auf Diesel-Hybrid-Antrieb, Porsche im 919 Hybrd ebenso wie Toyota im TS040 auf Benziner plus Elektromotor. Das neu angepasste Reglement basiert auf Messung und Zuteilung einer bestimmten Energiemenge pro Runde. Jedem Hersteller bzw. Fahrzeugtyp zugeteilt werden demzufolge bestimmte Tankgrößen, Durchflussmengen, Rekuperationsgrößen und Vortriebslimitierungen.

So ist Porsche beispielsweise als erstes Werksteam in der Rekuperations-Topklasse angekommen und darf pro Le Mans-Runde mit seiner Kombination aus kinetischer und thermodynamischer Energie-Rückgewinnung acht Megajoule speichern und wieder in Vortrieb investieren. Dafür darf der 2-Liter-Turbobenziner mit 500 PS asber nicht mehr als 4,6 Liter Sprit pro 13-km-Runde verbrauchen.

Die Zeiten

Das Freie Training für den 24-Stunden-Klassiker findet am Mittwoch, 10. Juni, von 16 bis 20 Uhr statt. Im Anschluss daran steht von 22 Uhr bis Mitternacht das erste Qualifying auf dem Programm. Zwei weitere Qualifikationstrainings folgen am Donnerstag, 11. Juni, von 19 bis 21 Uhr und von 22 Uhr bis Mitternacht. Die Startflagge für die 56 Autos fällt am Samstag, 13. Juni, um 15 Uhr.

Nur zweimal geöffnet

Eine große Herausforderung für die Ingenieure und Rennfahrer: Die Abstimmung der Sportwagen auf einen Kurs, der - anders als andere Rennstrecken - nur zwei Mal im Jahr befahren werden kann – am einzigen offiziellen Testtag (14 Tage vor dem Rennen) und in der Rennwoche.

Gewicht

Gerade mal 870 Kilo dürfen Fahrzeuge der obersten Klasse LMP1 noch wiegen, bei bis ca. 1.000 PS Leistung. Beim experimentellen Nissan GT-R LM Nismo entfallen schon rund 40% des Gewichts auf Motor, Hybridtechnik und Antriebsstrang. Jeder Reifen, die ausschließlich von Michelin kommen, wiegt 12 Kilo.

Reifen

Auf die Pneus kommen gerade in der LMP1 besondere Belastungen zu. Zu den ca. 500 PS der konventionellen Motoren kommen bis zu ca. 600 PS Schub aus dem Elektromotor. Die Geschwindigkeiten von durchschnittlich rund 225 km/h werden fünf mal pro Runde auf bis zu 350 km/h steigen. Und bei den Hybriden sind die Reifen nur 18 Zoll groß, bei Audi, Porsche und Toyota auch nur 310 mm breit. Nissan setzt wegen des Frontantriebs unterschiedliche Reifengrößen an Vorder- und Hinterachse ein. Alle Rennreifen kommen von Michelin.

Anders als die Formel 1

Über allem steht: Ein Fahrer muss sein Auto trotz Defekt irgendwie zurück zur Box manövrieren können. Ein Formel-1-Auto darf theoretisch nach 300 Kilometer auseinanderfallen, ein LMP muss satte 24 Stunden unter voller Last aushalten muss, bzw. noch fast 5.000 Kilometer weiterfahren. Formel-1-Fahrzeuge sind daher in puncto Gewicht und Bauteilkomplexität kompromissloser gestaltet.

Strategie

Speziell in der kühleren Nacht, wenn in Le Mans die schnellsten Rundenzeiten gefahren werden und oftmals die Entscheidung über Sieg oder Niederlage fällt, reduzieren die Teams aus taktischen Gründen die Anzahl der Fahrer- und Reifenwechsel. Hintergrund: Laut Reglement darf Nachtanken und der Tausch der Pneus nicht zeitgleich erfolgen, sondern nur nacheinander. Denn aus Sicherheitsgrpünden dürfen immer nur zwei Mechaniker in der Box am Auto arbeiten. Auch dauert der Platzwechsel der Piloten länger als das Treibstoff-Nachfassen. So kommt es vor, dass einzelne Fahrer bis zu vier Stints am Stück hinter dem Steuer sitzen. Dies entspricht einer Einsatzzeit von gut vier Stunden und Renndistanzen von mehr als 750 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 225 km/h.

Übertragungen

Auf Eurosport ist das Rennen fast in kompletter Länge live zu sehen. Unterbrochen wird die Direktübertragung lediglich durch zwei Ausgaben des Magazins „24 Minuten von Le Mans“ am Samstagabend und Sonntagmorgen. Audi überträgt komplett mit einem eigenen Livestream. Die Website www.lemanslive.com informiert, wie einige spezielle Motorsportseiten ebenfalls, rund um das Rennereignis ausführlich mit News, Videos, Livestream und Hintergründen. Die Website MotorsportTotal.com hat einen Liveticker eingerichtet.

Web-Links

WEC-Reglement 2015 für drei Rennklassen als pdf: http://www.motorsport-total.com/wec/wec-reglement-2015.html

Seit der Saison 2014 gilt in der LMP1-Kategorie ein besonders fortschrittliches Technikreglement: Es beschränkt die Energiemenge, die von den Werksautos pro Runde eingesetzt werden darf. Zugleich ist für Hersteller mindestens ein Hybridsystem Pflicht.

Welcher Art dies ist und wie die zurückgewonnene Energie zwischengespeichert wird, stellt das Reglement ebenso frei wie die Wahl des Motorkonzepts, des Hubraums und der Kraftübertragung. So entstehen große kreative Freiräume für die Ingenieure. Allerdings unterliegen alle Lösungen dem radikalen Grundgedanken des Reglements: Je mehr Energie aus Rückgewinnungssystemen eingesetzt wird, desto weniger Kraftstoff darf verbrannt werden.

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