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02.05.2014

10:43 Uhr

30 Jahre Renault Espace

Völlig losgelöst

VonWolfram Nickel
Quelle:Spotpress

Als er in den Schauräumen der Renault-Händler landete, wurde er bestaunt wie ein Raumschiff aus einer anderen Galaxie. Es dauerte, mit dem Erfolg. Dann aber löste der Espace ein regelrechtes Van-Fieber aus.

Renault Espace ab 1984 Renault

Renault Espace ab 1984

Renault war schon für manche praktische Überraschung gut. Mit dem unkonventionellen R4 hatten die Franzosen im Jahr 1961 den ersten Kleinwagen mit Kombiheck und variablem Innenraum vorgestellt, mit dem Renault 16 vier Jahre später die Heckklappe und das Schrägheck in die Mittelklasse eingeführt. Aber der Espace übertraf alles.

Als im Mai 1984 die erste Pressemitteilung den Espace als neuen Großraum-Pkw von Matra (damals ein französischer Sportwagenspezialist) und Renault ankündigte, wussten selbst Fachmagazine nicht richtig, wie sie das fremdartig und futuristisch aussehende Auto einordnen sollten. War es ein Transporter, Kleinbus, Kombi oder doch eine Limousine? Völlig losgelöst von bestehenden Karosseriekonzepten schien der neue Franzose konzipiert worden zu sein.

Andererseits gab es vergleichbare Raumschiffe bereits seit einigen Jahren. Die Japaner und Amerikaner hatten schon ab Ende der 1970er Jahre verschiedene Konzepte im heute so populären One-Box-Design, also ohne optische Trennung von Passagier,- Gepäck- und Motorraum präsentiert, aber erst der Renault Espace machte die Raumgleiter in Europa zum Volumensegment. Mittlerweile in vier Generationen, mit der fünften gerade auf der Startrampe.

Ideen haben häufig viele Väter, vor allem wenn sie sich im Nachhinein als gut herausstellen. Und die Idee, Pkw-Passagieren und ihrem Gepäck mehr Platz durch eine neue Raumaufteilung zuzugestehen, war geradezu genial. Denn damit war der Van geboren, ein Crossover aus Kleinbus und Limousine. Viele wollen hier der Vorreiter gewesen sein. Genannt seien etwa Plymouth (Chrysler) Voyager, Mitsubishi Space Wagon oder Nissan Prairie.

Sicher ist nur, dass Renault die europäische Autowelt revolutionierte, als der spacig aussehende Espace (= Raum) vor 30 Jahren zum Inbegriff des Familien- und Freizeittransporters wurde. Wobei sich diese Revolution anfangs überraschend still und leise vollzog, auf die übliche lautstarke Premierenparty bei einer  Automobilmesse verzichteten die Franzosen nämlich.

Stattdessen schickte Renault den Espace passend zum französischen Ferienbeginn in die Schauräume der Händler, also zu einer im Autogeschäft traditionell ruhigen Zeit. So konnten sich Händler und Kunden ganz allmählich an den fremdartigen Espace mit futuristischer Linie im Stil eines Space Shuttles oder des Hochgeschwindigkeitszugs TGV gewöhnen.

Tatsächlich aber verlief der Marktstart des Trendsetters so ruhig, dass er bei Renault für eine Schrecksekunde sorgte: Im ersten Verkaufsmonat gingen lediglich neun Bestellungen ein. Am Ende des Jahres waren es dann immerhin 5.923 Einheiten des neuartigen Minivans, die Renault-Kooperationspartner Matra baute.

Was damals noch niemand für möglich gehalten hatte: Der erste Espace erlebte einen gemächlichen, aber stetigen Höhenflug, der ihm erst im letzten Verkaufsjahr vor dem 1991 erfolgten Generationenwechsel sein Allzeitabsatzhoch bescherte. Beste Basis für den Nachfolger, das neue Marktsegment weiter auszubauen und für Renault Anlass, das Monospace-Konzept auf andere Klassen zu übertragen. So folgten 1992 der kleine Twingo und 1996 der Scénic als erste kompakte Raumlimousine.

Welcher neue Trend wurde von Renault und Partner Matra damit erkannt? Es war das sich wandelnde Freizeitverhalten der Bevölkerung. Erst in den 1980er Jahren wurde der Sport in alle Winkel der Gesellschaft getragen. Doch die Automobilhersteller waren auf all die Golfbags, Surfboards und Fahrräder, die in den Kofferräumen plötzlich Platz verlangten, mit konventionellen Kombis nicht ausreichend vorbereitet.

Die innere Größe bei bescheidenen äußeren Abmessungen wurde ein Wohlfühlmaßstab für Autos. Am besten noch in Kombination mit neuen Komfort-Ausstattungen und schickem Design. An letzterem fehlte es den japanischen und amerikanischen Van-Vorreitern noch, die bisweilen an Mannschaftstransporter erinnerten, ebenso den Pkw-Versionen von Transportern wie VW Bulli und Ford Transit.

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