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26.10.2014

08:35 Uhr

40 Jahre Fiat 131

Miracoli aus Mirafiori

VonWolfram Nickel
Quelle:Spotpress

Wäre er nicht ein Weltmeisterauto legendärer Rallye-Champions, hätten ihn sogar seine Fans längst vergessen. Konservativ, kleinbürgerlich und unauffällig wirkt der Fiat 131. Aber das hat den Italienern auch gut getan.

Sparsame Diesel-Motoren, stärkere Benziner und schnelle Sportversionen machten die Fiat-Tifosi glücklich Fiat

Sparsame Diesel-Motoren, stärkere Benziner und schnelle Sportversionen machten die Fiat-Tifosi glücklich

Infernalisch gut ging der Fiat 131 Mirafiori nach Meinung des zu seiner Zeit weltbesten Rallyefahrers Walter Röhrl. Bis es soweit war und der Regensburger Racer im Jahr 1980 auf einem Fiat 131 die Rallye-WM für sich entschied, musste das Mittelklasse-Modell allerdings erst einmal Licht in die bis dahin dunkelste wirtschaftliche Epoche des italienischen Industriegiganten bringen. Eine Aufgabe, die die als Weltauto auf gleich vier Kontinenten gebaute, kantig gezeichnete und bieder konstruierte Baureihe verblüffend bravourös löste - um am Ende auf eine Produktionszeit von 36 Jahren zurückzublicken.

Dafür genügten dem vor 40 Jahren vorgestellten Familien- und Firmenauto-Fiat drei Facelifts und eine vorübergehend beispiellos breite Motorenpalette mit Leistungswerten von 41 kW/55 PS bis 158 kW/215 PS (als 131 Abarth Rally). Allein in Italien wurden insgesamt über 1,5 Millionen Fiat 131 ausgeliefert, dies als betuliche zwei- oder viertürige Stufenhecklimousine sowie als gefällig gezeichneter Kombi 131 Panorama. 

Als echte Miracoli („Wunder“) bewerteten Medienvertreter deshalb die Erfolge des nach dem Turiner Fiat-Stammwerk benannten Modells Mirafiori. Hatte doch der stockkonservative Nachfolger des vielfach preisgekrönten und innovativen Fiat 124 nichts vom anfänglichen Charme seines Vorgängers bewahrt.

Allerdings war das gewinnende Lächeln des Fiat 124 längst verflogen als der 131 Mirafiori seine  betont schlichte Premierenparty auf dem Turiner Salon feierte. Einer Autoshow, die 1974 noch ganz von der Depression der ersten Ölkrise gezeichnet war. Dabei sollte doch der Mirafiori eigentlich bereits bei seinem Debüt alle Probleme des Vorgängers vergessen lassen.

Denn dieser machte seit 1970 auch als billiger russischer Shiguli- bzw. Lada-Lizenzbau Karriere und Fiat sich so auf manchen Märkten selbst Konkurrenz. Hinzu kam ein Problem, mit dem damals viele Hersteller kämpften, das aber Fiat besonders heftig traf: Rascher Rostbefall aufgrund minderwertigen Recycling-Stahls.

Die Turiner konterten mit einem umfassenden Korrosionsschutzprogamm und ab 1975 mit einer Garantie gegen Durchrostungsschäden. Maßnahmen, die beim Mirafiori relativ rasch griffen, aber der Rufschaden für die Marke konnte erst Jahre später gelöscht werden.

Modellhistorie Fiat 131 Mirafiori

1974:

Weltpremiere des Fiat 131 Mirafiori auf dem Turiner Salon. Nachfolger des Fiat 124. Anfänglich gab es den Fiat 131 mit 1,3- und 1,6-Liter-Benzinern und in drei Karosserieformen (zwei- und viertürige Limousine und Kombi Panorama). Normal-Ausführung mit Rechteckscheinwerfern, Special mit Doppelscheinwerfern

1975:

In Spanien läuft der Seat 131 an, in Polen der Polski Fiat 131p. Die CKD-Produktion des Fiat 131 Mirafiori erfolgt in zwölf Ländern

1976:

In Kooperation zwischen Fiat, Bertone (Karosserie) und Abarth (Mechanik) entstehen 400 Einheiten des Fiat 131 Rally Abarth als Homologationsserie für den Einsatz bei der Rallye-WM. Erster Sieg bei der 1000-Seen-Rallye in Finnland mit Markku Alén

1977:

Der Fiat 131 Abarth setzt seine Karriere fort als erfolgreiches Rallyefahrzeug der Gruppe 4. In den Jahren 1977, 1978 und 1980 gewinnt er die Markenwertung in der Rallye-WM

1978:

Erstes Facelift, optisch zu erkennen an kräftigeren Stoßfängern und am neu gestalteten Kühlergrill. Neu ist außerdem der Supermirafiori als Nachfolger der einstigen leistungsstarken Fiat 124 Special T und 125 Special mit 71 kW/96 PS starker 1,6-Liter-Maschine. Außerdem präsentiert Fiat Diesel-Versionen der Modellreihen 131 und 132.

1978:

In Deutschland lieferbar wird der Fiat 131 Diesel 2.0 mit 44 kW/60 PS Leistung, auf anderen Märkten startet der 131 auch mit 53 kW/72 PS entwickelnder 2,5-Liter-Maschine.

Sportliche Topversionen der 131-Baureihe sind nun der Fiat 131 Sport (hintere Starrachse wie fast alle Fiat 131) mit 85 kW/115 PS aus zwei Liter Hubraum und der 103 kW/140 PS (16-Ventil-Technik, hintere Einzelradaufhängung) abgebende Fiat Abarth 131 Rally, der nur auf ausgewählten Märkten angeboten wird. In den USA startet der Fiat 131 als Fiat Brava

1980:

Walter Röhrl gewinnt die Fahrerwertung in der Rallye-WM. Gewürdigt wird dieser Sieg durch eine limitierte Sonderserie Fiat 131 Sport Walter Röhrl

1981:

Vertriebsstopp für den amerikanischen Fiat Brava. Im März Markteinführung des facegelifteten Fiat 131 der dritten Serie. Auch mit 1,4-Liter-Benziner lieferbar und in Deutschland mit LPG-Flüssiggasanlage im Angebot.

Produktionsende für den Fiat 131 Sport bzw. Racing (Bezeichnung variierte je nach Markt), allerdings liefen die Abverkäufe bis 1982. Im Juni wurde die mittels Kompressor aufgeladene Version Volumetrico Abarth auf einigen Märkten eingeführt (103 kW/140 PS). Produktionsende für den Polski Fiat 131p

1983:

Produktionsende in Italien für die 131 Limousine

1984:

Auch für den 131 Kombi Produktionsauslauf in Italien nach 1.513.800 Einheiten. Nachfolger wird der Fiat Regata, eine Stufenheckversion des Fiat Ritmo. In Spanien wird der Seat 131 eingestellt und 1985 ersetzt durch den Seat Malaga

1986:

Produktion in der Türkei als Murat 131, Dogan, Sahin und Kartal

1991:

Produktion in Ägypten bis 2009

2002:

Fertigungsende in der Türkei

2006:

In Äthiopien wird der Murat 131 bis zum Jahr 2010 von Holland Car gefertigt

Rost und wirtschaftliche Rezession waren aber nicht die einzigen Probleme, mit denen die Italiener Mitte der 1970er Jahre kämpften. Als wäre dies nicht genug, wurden die Fiat-Werke jahrelang von Streikwellen erschüttert, die die unglaubliche Zahl von 2.100 Ausständen allein im ersten Halbjahr 1975 mit sich brachten. Zur Strategie der Gewerkschaften zählte es, besonders gefragte und profitable Baureihen am heftigsten zu treffen, mithin das neue Modell Mirafiori.

Innerhalb kurzer Zeit ging Fiats Marktanteil in Italien von rund 70 auf knapp 50 Prozent zurück, zumal die Fiat-Kleinwagen zusätzliche Konkurrenz erhalten hatten durch neue  französische und deutsche Cityflitzer.

Der gefällig gezeichnete Kombi hieß 131 Panorama Fiat

Der gefällig gezeichnete Kombi hieß 131 Panorama

Eine Situation, der Fiat auch hierzulande Tribut zollen musste, denn Renault verdrängte Fiat vom ersten Platz der Importeurcharts. Eine Mammut-Aufgabe für die neuen Mirafiori-Modelle also. Wunder dauern ja bekanntlich immer etwas länger und so kam der ersehnte Aufschwung für den Fiat-Konzern nach dem ersten großen Facelift für die 131-Flotte.

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