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21.08.2013

13:36 Uhr

"911" von Ulf Poschardt

Porsche-Fahrer auf der Couch

VonFrank G. Heide

Andreas Baader hat ihn geklaut, Jerry Seinfeld gesammelt, Walter Röhrl getestet, und Ferry Porsche hat ihn erfunden. Der 911 ist ein Mythos, und zum 50. Geburtstag bekommt er eine ungewöhnliche Liebeserklärung.

Fahrzeug-Montage des Typ 911 2,0 bei Porsche im Jahr 1965. PR

Fahrzeug-Montage des Typ 911 2,0 bei Porsche im Jahr 1965.

DüsseldorfMan kann das mutig nennen: Ein Porsche-Buch, erschienen passend zum 50. Geburtstag der Sportwagen-Ikone, und darin nur elf Bilder. Alles Motive, die man kennt, und die noch in Schwarz-Weiß. Die erste Botschaft ist klar: Autor Ulf Poschardt legt andere Maßstäbe an als die meisten anderen Autoren, und neue 911er-Publikationen gab es reichlich in diesem Jubeljahr der Boxer-Legende aus Zuffenhausen. Das macht auch das Format des schwarzen Hardcovers klar: Es ist nicht größer als ein Taschenbuch, passt also sogar in ein Porsche-Handschuhfach.

Um es gleich vorweg zu sagen: Poschardts nur 296 Seiten starkes Werk mit dem simplen Titel "911" ist eine der besten Publikationen, die man sich zu dem Thema nur wünschen kann. Und dabei spielt es noch nicht einmal eine Rolle, ob man nun ausgewiesener Selbstfahrer oder passiver Bewunderer ist.

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Das Lesevergnügen kommt zustande, weil der promovierte Philosoph, Porsche-Fahrer und Journalist ziemlich konsequent umsetzt, was wir oft von Sportwagen-Herstellern fordern: bewusster Verzicht, gekonnte Reduktion, intelligente Beschränkung auf das Wesentliche. Dieses Prinzip kommt den zehn Kapiteln des Buches, von denen sich sieben den bisherigen 911er-Generationen widmen, sehr zugute.

Poschardt hat tief, ausgiebig und unter professioneller Anleitung im Firmenarchiv gegraben und dabei teils skurrile Fakten, stets aber Unterhaltsames zutage gefördert. Er bettet unzählige wunderbare Zitate von ausgewiesenen 911-Fans wie Jerry Seinfeld und Udo Lindenberg in seine philosophisch geprägten Analysen ein und hält so den Lesefluß lebendig.

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Die Modellgenerationen vom Ur-Elfer 901 bis zum aktuellen 991 werden aus berufenen Mündern kritisch bewertet. Entstehung. Verkaufs- und Rennerfolge sowie technischer Fortschritt wird stets im historisch und gesellschaftlich relevanten Kontext analysiert. Das Ganze kommt aber zum Glück nur selten akademisch abgehoben daher, Poschardts Stilpalette ist dafür zu umfassend.

So werden Technikfans teils neue Erkenntnisse über die Lackdicke des legendären 909 Bergspyder finden, oder man erfährt, warum Wendelin Wiedeking selber mit der Flex durchs Werk lief und Regale auf ein Meter dreißig kürzte. 996-Hasser werden endlich wieder einmal etliche Passagen über Spiegeleier-Scheinwerfer finden, und historisch Interessierte erhalten teils intime Einblicke in die Anfänge des Unternehmens, dessen Wurzeln bis in den braunen Morast deutscher Geschichte reichen.

Anhand der Entstehungsgeschichte des Elfers belegt der Autor, dass "form follows function" bei Porsche nie modisches Dogma war, sondern Ausdruck urschwäbischen Pragmatismus. Aufgeräumt wird auch endlich einmal mit dem in der Elfergemeinde ebenso weit verbreiteten wie falschen Mythos, die Porsche-Ingenieure hätten möglichst lange am luftgekühlten Triebwerk festgehalten.

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Was trübt den Lesespaß? Wenn Poschardt zu sehr den Philosophen raushängen lässt, und Metaphern ("die Gusseisernen") zu oft wiederholt. Verschwurbelte Schwärmerei trägt den Autor das ein ums andere Mal beinahe aus der Kurve, um im Sprachbild zu bleiben, aber immerhin hat er uns Leser ja vorgewarnt: Er lege den Porschefahrer auf die Couch des Psychologen, sein Werk sei ein "für manch PS-ferne Leser, wohl auch ein kaum nachvollziehbarer Liebesdienst", geben Poschardt und sein Verlag Klett-Cotta zu.

Für Porsche-Fans und -Fahrer ist diese eigenwillige Hommage an den besten aller (deutschen) Sportwagen nicht weniger als Pflichtlektüre. Die Fahrer aller Geburtsjahrgänge und Modellgenerationen werden ihre Schätzchen und auch sich selber wiedererkennen. Dabei wird ihnen nicht alles gefallen, was sie über sich erfahren. Aber Selbsterkenntnis ist ja nicht die schlechteste Therapie.

Ulf Poschardt: "911",
Klett-Cotta Verlag,
Stuttgart 2013,
296 Seiten

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