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23.10.2016

18:16 Uhr

Abschied vom Zebrastreifen

Dem Straßen-Zebra geht es an den Kragen

Pferdestärken, Starenkästen, Zebrastreifen – auf deutschen Straßen geht es mitunter recht artenreich zu. Doch ein Bewohner des Straßenzoos könnte bald auf die Rote Liste kommen – denn er wird zu teuer.

Beatles-Fans auf dem wohl bekanntesten Zebrastreifen der Welt in der Londoner Abbey Road.

Legendärer Zebrastreifen

Beatles-Fans auf dem wohl bekanntesten Zebrastreifen der Welt in der Londoner Abbey Road.

Trier/BerlinEin Eimer weißer Farbe und ein Pinsel waren früher alles, was man für einen Zebrastreifen brauchte. Heute ist das anders. Eine im Beamtendeutsch R-FGÜ genannte Verordnung macht Zebrastreifen zu ausgeklügelten Systemen – mit Markierungen auf der Straße, einer Mindest-Streifenbreite, Schildern über der Fahrbahn, abgesenktem Bürgersteig für Rollstuhlfahrer, Auffindstreifen für Blinde und ausreichend Beleuchtung.

Längst nicht alle Städte rüsten die Zebrastreifen entsprechend nach. Manche überpinseln lieber. Trier zum Beispiel hat genau 253 Zebrastreifen, das sind auf die Einwohnerzahl gesehen besonders viele in Deutschland. Dementsprechend teuer wäre die Nachrüstung für die Stadt, die ein Schuldenberg von 672 Millionen Euro drückt.

Amtliches zum Zebrastreifen

Zebrastreifen

Zebrastreifen, im Behördendeutsch Fußgängerüberwege oder kurz FGÜ genannt, dürfen nur nach festgelegten Kriterien aufgemalt werden. Geregelt ist das in einer besonderen Verordnung, der R-FGÜ 2001. Hier die wichtigsten Kriterien.

Wo?

Zebrastreifen sind dort empfohlen, wo 100 bis 150 Fußgänger pro Stunde auf 300 bis 600 Autos pro Stunde treffen. In der Verwaltungsvorschrift heißt das: „Fußgänger-Querverkehr“ tritt „hinreichend gebündelt“ auf.

Wo nicht?

„In der Nähe von Lichtzeichenanlagen (LZA)“, also bei Ampeln. Und „auf Straßenabschnitten mit koordinierten LZA“, im Volksmund auch Grüne Welle genannt. Außerdem darf die Straße für den „Kraftfahrzeug-Längsverkehr“ nicht breiter als 6,50 Meter sein.

Wie breit?

Die Streifen sollten nicht schmaler als drei Meter und rechtwinklig zur Fahrtrichtung sein.

Wie hell?

Auch eine Laterne muss am Zebrastreifen leuchten, und zwar nach „DIN 5044 und DIN 67 523“. Außerdem muss der Überweg mit Schildern gekennzeichnet sein: „An FGÜ ist das Zeichen 350 StVO rechts und links der Fahrbahn ... anzuordnen.“

Allein die Kosten für die Installation von Laternen an einem bisher unbeleuchteten Zebrastreifen dürften bei 20.000 bis 25.000 Euro liegen, schätzt die Stadt. Seit Anfang des Jahres überprüft Trier alle weißen Streifen. Bald soll es eine Liste geben, in der steht, wo sie bleiben und wo sie wegkommen.

„Unsere Angst ist, dass die Kommunen sagen: Brauchen wir den Zebrastreifen wirklich, oder können wir das Geld lieber für etwas Anderes verwenden?“, sagt Stefan Lieb vom Fachverband Fußverkehr (Fuss). Die Verwaltungsvorschrift, die Lage und Ausstattung von Zebrastreifen regelt, sei zwar schon ein paar Jahre alt. Aber erst jetzt überprüften die Kommunen, ob sie die Normen wirklich einhalten.

Für den Verband Fuss ist klar: Je mehr Zebrastreifen, desto besser. Dieser Aussage widerspricht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der eine Untersuchung zur Sicherheit von Zebrastreifen erstellt hat.

„Wenn die Vorgaben nicht eingehalten werden, vermittelt ein Zebrastreifen nur eine Scheinsicherheit“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung bei der GDV. Richtig geplante und ausgestattete Zebrastreifen seien hingegen so sicher wie Ampeln.

Daran wiederum glaubt man im Ammerland nicht. Im ganzen Landkreis im Nordwesten von Niedersachsen sind die Zebrastreifen entfernt worden. „Wir hatten viele Unfälle oder Fast-Unfälle, weil die Autofahrer sich nicht darauf eingelassen haben, dass die Fußgänger Vorfahrt haben“, sagt Landrat Jörg Bensberg.

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