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02.03.2006

12:20 Uhr

Auto

Familienkutschen besetzen neue Nischen

Was hat ein eher biederer Kombi den trendigen Crossover-Geländewagen oder praktischen Kompaktvans groß entgegenzusetzen? Die Autobranche hat die traditionelle Familienkutsche trotzdem noch lange nicht abgeschrieben.

Kombi-Studie des Mini  dpa

So könnte eine zukünftige Serienversion aussehen. (Bild: Geiger/dpa/gms)

dpa/gms GENF. Was hat ein eher biederer Kombi den trendigen Crossover-Geländewagen oder praktischen Kompaktvans groß entgegenzusetzen? Die Autobranche hat die traditionelle Familienkutsche trotzdem noch lange nicht abgeschrieben.

Vielmehr versuchen sie, ihr Nischenkonzept auch innerhalb dieses Segments umzusetzen, wie sich beim Genfer Automobilsalon (2. bis 12. März) zeigt: Statt eines Allround-Lastesels wie früher, entwerfen sie zunehmend Kombimodelle für ganz spezielle Fälle.

Gleich zwei Beispiele dafür bietet in Genf Audi. Neben den normalen Kombis gibt es dort den Allroad quattro zu sehen - die geländegängige Variante des A6 Avant. Der Allradler erhielt eine Luftfederung, mit der sich die Bodenfreiheit auf 19 Zentimeter erhöhen lässt, einen Unterfahrschutz sowie wuchtige Stoßfänger und Radläufe. Als Antrieb stehen zwei Benziner und zwei Diesel mit sechs oder acht Zylindern und Leistungen von 132 kW/180 PS bis 257 kW/250 PS zur Wahl.

Während der Allroad aus seiner Geländetauglichkeit keinen Hehl macht, setzt Audis zweite Kombi-Neuheit eher auf Understatement. Denn bei dem RS4 Avant handelt es sich im Grunde um einen als Kombi getarnten Sportwagen: Der aus der RS4-Limousine übernommene 4,2-Liter-V8 mit 309 kW/420 PS beschleunigt den Kombi in nur 4,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer (km/h).

Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 250 km/h begrenzt. Äußerlich deuten das nur größere Lufteinlässe, breitere Schweller und Sonderräder an. „Das ist Sportlichkeit in praktischer, dezenter Verpackung“, sagte Audi-Marketing- und Vertriebsvorstand Ralph Weyler bei der Premiere.

Alfa Romeo wiederum hat in Genf mit dem 159 Sportwagon auf ein Neues zu beweisen versucht, dass eine Familienkutsche nicht langweilig aussehen muss. Der Kombi soll zeigen, dass ein sportliches Design ebenfalls gut für stattliche Transportaufgaben ist. So hat der Sportwagon zwar mit einer Länge von 4,66 Metern und 2,70 Metern Radstand das selbe Format wie der Viertürer, bietet aber ein Kofferraumvolumen von 445 bis 1 235 Liter. Für Vortrieb sorgen je drei Benzin- und Dieselmotoren mit 88 kW/120 PS bis 191 kW/260 PS.

Auch die BMW-Marke Mini widmet sich in Genf dem Segment - mit dem kleinsten Kombi der Messe. Beim Concept Geneva, einer dritten Abwandlung der Kombi-Studie von der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) 2005 in Frankfurt/Main, stehen die Punkte mehr Innenraum und mehr Funktionalität im Vordergrund. Die Studie im Aussehen eines Rallye-Begleitfahrzeugs verfügt über Türen mit so genannter Parallelogramm-Kinematik, die beim Öffnen nach vorn und zur Seite schwenken. Dadurch soll ein bequemerer Zugang möglich sein.

Was von dieser Idee letztlich bei der Serienversion übrig bleiben wird, ist laut Mini-Sprecherin Sandra Schillmöller ungewiss. Bereits abgesegnet habe BMW lediglich die Karosserieform, die als dritte Karosserievariante des Mini „innerhalb der nächsten drei Jahre“ beim Händler stehen soll. Damit soll sie eine Neuinterpretation der Kombimodelle Traveller und Countryman aus den sechziger Jahren geben.

Der historische Bezug war laut Schillmöller aber nur einer der Gründe, warum Mini die Modellpalette mit einem Kombi erweitert - und nicht etwa mit einem ebenfalls diskutierten Fun-Mobil á la Mini Moke: Ein Kombi habe letztlich einfach größere Marktchancen, als ein solches „Nischenfahrzeug für die Nische“.

Noch ein Stück weiter in die Zukunft blickt Renault nach eigenen Angaben mit der Studie Altica. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen Sportkombi mit großen Flügeltüren. Trotz der flach gehaltenen Silhouette des Altica lässt sich im Innenraum dank versenkbarer Rücksitze 1 300 Liter an Zuladung verstauen. Für bessere Sichtverhältnisse sollen eine Panorama-Scheibe, ein transparentes Dach und ein von Mosaik-Fenstern durchbrochenes Heck sorgen.

Näher an einer Serienumsetzung dürfte die rumänische Renault-Marke Dacia sein, die in Genf die Kombistudie „Steppe“ auf Basis des „Billigautos“ Logan zeigt. Branchenkenner verstehen sie als Ausblick auf den bereits angekündigten Logan Kombi und eine Großraumlimousine, an der Dacia angeblich ebenfalls arbeitet. Im 4,47 Meter langen „Steppe“ gibt es Platz für bis zu fünf Personen. Durch eine geteilt umklappbare Rückbank kann das Ladevolumen auf bis zu 1 700 Liter erweitert werden.

Es gibt also beim Kauf eines Familientransporters auch im Kombisegment noch Alternativen zu SUV, SAV, MPV und Co. Einen Vorteil gegenüber den Trendmobilen haben sie für Hersteller wie Käufer gleichermaßen, sagt Branchenexperte Nick Margetts vom Marktforschungsinstitut Jato Dynamics: „Mit einem Kombi kann man eigentlich nichts falsch machen.“ Dagegen müssten die Hersteller bei der Spezialisierung in den Nischen langsam aufpassen, dass sie es nicht übertreiben.

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