Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.08.2011

09:47 Uhr

Mel Ramos: Mit dem Gemälde "Kar Kween" von 1964 orientiert sich der Amerikaner an Gebrauchsgraphik und Herrenmagazinen. Quelle: Pro Litteris, Zürich/Lee Stalsworth/VG Bild-Kunst, Bonn

Mel Ramos: Mit dem Gemälde "Kar Kween" von 1964 orientiert sich der Amerikaner an Gebrauchsgraphik und Herrenmagazinen.

DüsseldorfDa schlagen Männerherzen höher: beim röhrigen Sound von acht Zylindern, beim Geruch von Gummi und Schweiß, bei den Rundungen der Formel-1-Strecken wie denen der Boxenluder. Der Faszination von Geschwindigkeit und Chromglanz, von Powergefühl und Sexappeal erliegen auch die Künstler.

Vorreiter waren vor 100 Jahren die dynamikverliebten Futuristen. Diese Malergruppe erklärte das Automobil zum Schönheitsideal, die Geschwindigkeit gleich zur Religion. Doch der Blick der Künstlerinnen und Künstler ist nicht ausschließlich affirmativ. In ihrer Gesellschaftskritik waren sie bislang der Industrie voraus. Das zeigen - 125 Jahre nach Erfindung des Automotors - gleich vier Kunstausstellungen, die dem Idol und dem Fetisch Auto auf die Spur kommen.

Ob Panamera oder BMW i8 - jedes Auto erzählt etwas von Prestige und sozialer Distinktion, von Ästhetik und Leidenschaften, schreibt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme im Katalog der wegweisenden Ausstellung "Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich" im Basler Museum Tinguely.

Für die Erfolgreichen ist das Auto Schmuck und Requisit der Ich-Ausstattung. Bei der rasanten Beschleunigung verleibt sich der Fahrer das Fahrzeug ein. Gleichzeitig verkörpert das Auto auch seinen Besitzer. "Dieser ekstatische Zusammenfall von Seele, Körper und Gerät" enthält nach Böhme "die höchsten Lustprämien, die man sich von technischen Artefakten denken kann". Begehren und Lust treiben den Auto-Fetischismus an.

Auf dem Gemälde "Kar Kween" von Mel Ramos in Basel räkelt sich ein Pin-up an der phallischen Form einer Zündkerze. Der Amerikaner nutzt die von der Werbung in Szene gesetzte Nähe zwischen Motorleistung und männlicher Potenz, zwischen makellosem Lack und perfektem Chassis zu weiblichen Rundungen. Die Fotografin Katharina Bosse zeigt auf einem Farbfoto im Katalog der Galerie Abtart hohe Hacken und schwarze Reizwäsche hinter einer geöffneten schwarzen Autotüre - und schon läuft ein Film im Kopf des Betrachters ab. Die Künstlerin spielt hier bewusst mit kollektiven Fantasien.

Rasante Runden: „Geschwindigkeit ist eine der Ekstaseformen, bei denen Hingerissenheit und Kalkül, Rausch und Bewusstsein, Selbstvergessenheit und Geistesgegenwart koagieren“, schreibt der Mentalitätsforscher Hartmut Böhme. Der Geschwindigkeitsrausch fasziniert viele Künstler. 1963 fängt der Fotograf Horst Baumann „Jim Clark“ beim Großen Preis von England ein – als sich Auto, Reifen und Rennfahrer im Bild in fast abstrakte Farbstreifen auflösen. In deutschen Landen gibt es 13.000 Autobahnkilometer und keine generelle Obergrenze für Geschwindigkeit auf der Autobahn. Hier verfolgt ein Millionenpublikum die rasanten Runden der Formel-1-Rennen und den Spaß mit den Boxenludern. Quelle: Museum Tinguely, Courtesy of the Artist

Rasante Runden: „Geschwindigkeit ist eine der Ekstaseformen, bei denen Hingerissenheit und Kalkül, Rausch und Bewusstsein, Selbstvergessenheit und Geistesgegenwart koagieren“, schreibt der Mentalitätsforscher Hartmut Böhme. Der Geschwindigkeitsrausch fasziniert viele Künstler. 1963 fängt der Fotograf Horst Baumann „Jim Clark“ beim Großen Preis von England ein – als sich Auto, Reifen und Rennfahrer im Bild in fast abstrakte Farbstreifen auflösen. In deutschen Landen gibt es 13.000 Autobahnkilometer und keine generelle Obergrenze für Geschwindigkeit auf der Autobahn. Hier verfolgt ein Millionenpublikum die rasanten Runden der Formel-1-Rennen und den Spaß mit den Boxenludern.

Diese lustvollen Aspekte des Autos halten dem Alltag aber nicht stand. Der steigende Ölpreis, fehlende Parkplätze und ständige Staus sind die Daueraufreger. Deutsche Autobauer produzierten 2010 11,6 Millionen Pkws, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Statt schneller und größer zu bauen, gilt es mittlerweile, neben Fahrspaß und Markenstärke auch zeitgemäße Problemlösungen auf die Straße zu bringen. Diesen Wertewandel verkörpern u.a. Kleinwagen im Premiumsegment. Ob Audi A1, Smart oder Sportwagen - das Auto durchdringt wirtschaftliche, soziale, juristische, ästhetische und symbolische Systeme. "Ich glaube, dass das Auto heute das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen ist", schreibt der französische Philosoph Roland Barthes. "Ich meine damit: eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde."

Poppiger Siegeszug der Kutsche: 1886 stattet Carl Benz ein Gefährt mit drei Rädern mit einem Verbrennungsmotor aus, Gottlieb Daimler eine Kutsche mit vier Rädern. Andy Warhol verherrlicht diesen Siegeszug des Automobils mit poppigen Farben und dem Nebeneinander von Skizze und Foto-Siebdruck. Quelle: Daimler Kunstsammlung

Poppiger Siegeszug der Kutsche: 1886 stattet Carl Benz ein Gefährt mit drei Rädern mit einem Verbrennungsmotor aus, Gottlieb Daimler eine Kutsche mit vier Rädern. Andy Warhol verherrlicht diesen Siegeszug des Automobils mit poppigen Farben und dem Nebeneinander von Skizze und Foto-Siebdruck.

Früher als die Autoindustrie üben Künstler Kritik an der gängigen Verherrlichung von Macht und Motor. 1997 verstört die junge Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist mit einem Video über Auto-Vandalismus. In "Ever Is Over All" zerstört ein braves Mädchen in Zeitlupe die Scheiben parkender Autos lustvoll mit einer Lilie. In rauschhaft intensive Farben getaucht, wirkt jeder Schlag wie eine Befreiung der Heldin. Von was, das muss jeder Besucher im Museum Tinguely selbst beantworten.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

HaHeBo

14.08.2011, 12:40 Uhr

"Auf dem Gemälde "Kar Kween" von Mel Ramos in Basel räkelt sich ein Pin-up an der phallischen Form einer Autobatterie."

typisch Frau (und Handelsblatt): kann eine Autobatterie nicht von einer Zündkerze unterscheiden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×