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10.12.2015

13:02 Uhr

Automatischer Notruf

Auto verpfeift Fahrerin nach Unfallflucht

Quelle:Spotpress

Autos werden immer intelligenter. Für den Fahrer muss das nicht immer ein Vorteil sein, wie eine Verkehrssünderin in den USA nun feststellen musste.

Automatischer Notruf - Auto verpfeift Fahrerin nach Unfallflucht Ford

Achtung, das Auto hört mit. Und zeichnet Daten auf.

Mit der Zunahme der Datenflut im Auto und der besseren Vernetzung müssen sich auch Verkehrssünder darüber klar sein, dass alte Ausreden künftig möglicherweise nicht mehr ziehen.

Lucie/USA. Das eigene Auto ist einer unfallflüchtigen US-Amerikanerin jetzt zum Verhängnis geworden. Die 57-Jährige hatte bei einem Auffahrunfall in Port St. Lucie, Florida, zwei Fahrzeuge beschädigt und dabei eine Insassin leicht verletzt. Anschließend hatte sich unerlaubt vom Unfallort entfernt.

Allerdings hatte ihr Fahrzeug laut einem Bericht des TV-Senders ABC bereits einen automatischen Notruf zur örtlichen Polizei abgesetzt und eine Sprechverbindung zur Leitstelle hergestellt.

Die Unfallflüchtige leugnete gegenüber der Beamtin am anderen Ende der Leitung zwar zunächst den Vorfall, konnte aber später von der Polizei problemlos als Unfallverursacherin ermittelt werden, da bei dem automatisierten Notruf auch die GPS-Koordinaten übermittelt wurden.

Bei dem Auto der Fahrerin handelte es sich um einen amerikanischen Ford Focus, der mit dem sprachgesteuerten Infotainment-System Sync ausgestattet war. Zu den Funktionen der Technik zählt unter anderem ein automatischer Notrufassistent, wie er ab 2018 in Europa unter der Bezeichnung E-Call Pflicht wird.

E-Call: Fragen und Antworten

Was ist E-Call?

Ein automatisches Notrufsystem für Autos. Wenn ein schwerer Unfall geschieht, wählt es automatisch die 112 und übermittelt den Standort des Fahrzeugs sowie die auf Autobahnen wichtige Fahrtrichtung. Außerdem baut es eine Gesprächsverbindung mit der Leitstelle auf. Auch manuell per Knopfdruck lässt sich der Notruf auslösen.

Warum braucht man das?

Die Technologie soll Leben retten. Denn sie könnte einen automatischen Notruf auch dann absetzen, wenn schwer verletzte Unfallopfer nicht mehr telefonieren können. Die EU-Kommission schätzt, dass das System die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes erheblich verkürzen kann. 2.500 Leben pro Jahr könnten so gerettet werden.

Was kostet es?

Wenn E-Call erst großflächig eingeführt ist, soll es laut EU-Kommission „deutlich weniger“ als 100 Euro je Neuwagen kosten. Bei Mercedes in der E-Klasse schlägt es derzeit (inklusive Mehrwertsteuer) mit rund 3.000 Euro zu Buche - dann ist es wie bei vielen Herstellern allerdings auch Teil eines umfassenden Audio- und Navigationssystems.

Wenn solch ein System an Bord ist, mache E-Call nur „ein paar Euros“ aus, erklärt ein Experte der EU-Kommission. Auch die Rettungsleitstellen müssten in einigen EU-Staaten noch für den Datenempfang ausgerüstet werden.

Wird der Autofahrer dadurch überwacht?

Darüber wird gestritten. So warnt der Deutsche Anwalt Verein vor dem „gläsernen Autofahrer“ und der Automobilclub von Deutschland (AvD) sieht in E-Call „die technische Grundlage für eine flächendeckende Überwachungsstruktur“. Die Mahner fürchten, dass Daten zu Fahrweise, Tempo und Bremsverhalten nach einem Unfall gegen den Nutzer verwendet werden könnten.

EU-Abgeordnete wollen dem vorbeugen: Sie möchten E-Call als „schlafendes System“ einführen, dass nur bei einem Unfall Daten sendet. Diese Informationen sollen etwa Angaben zur Fahrtrichtung, genutzten Sicherheitsgurten, dem Fahrzeugtyp und dem Unfallzeitpunkt enthalten.

Gibt es das nicht schon?

Ja. Etwa 0,7 Prozent aller Fahrzeuge in der EU haben laut EU-Kommission schon vergleichbare Technik an Bord. Die Opel-Mutter General Motors nimmt für sich in Anspruch, 1996 unter dem Namen Onstar das erste solche System ab Werk eingebaut zu haben. Onstar bot neben Verkehrsinformationen von Anfang an auch die Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Dank eines eingebauten GPS-Senders ließ sich das Fahrzeug bereits damals orten. Während der Erfolg in Deutschland eher verhalten war, zählt Onstar in den USA, Kanada und inzwischen auch in China mehr als sechs Millionen Kunden. Ford bietet - auch in Deutschland - ein ähnliches System namens Sync an. Mercedes Benz hat im Juni 2012 ebenfalls einen automatischen Notruf eingeführt.

Was kommt noch?

Noch fehlen die verbdinlichen EU-Vorgaben. Das Europaparlament hat am 26. Februar 2014 in Straßburg lediglich seine Position für die anstehenden Verhandlungen mit den EU-Staaten beschlossen. Die Gespräche könnten im Herbst beginnen. Ob die serienmäßige Einführung von eCall bei Autos und leichten Nutzfahrzeugen auf dem europäischen Markt wie geplant im Oktober 2015 klappt, bleibt abzuwarten.

Warum muss es europäische Vorgaben geben?

Die automatischen Notrufsysteme der einzelnen Hersteller decken nicht unbedingt alle EU-Länder ab. Außerdem geht der Anruf derzeit erst an eine Leitstelle, die im Auftrag der Hersteller und dann bei Bedarf an die 112 weiter verbindet, wie die EU-Kommission erläutert. Das ist ein Umweg. Deshalb basteln die EU-Gesetzgeber an Regeln für ein einheitliches System.

Derartige Systeme regieren ohne Zutun des Fahrers auf die Auslösung von Airbag oder Gurtstraffer. Bei Ford in den USA stellen sie unmittelbar eine Verbindung zur örtlichen Polizeidienststelle her, in Deutschland wird die Notrufnummer 112 gewählt.

Andere Hersteller mit ähnlichen Diensten schalten zurzeit noch ein Call Center zwischen, Mercedes etwa nutzt einen entsprechenden Service von Automobilzulieferer Bosch. In der Regel wird versucht, eine Sprechverbindung zu den Fahrzeuginsassen aufzubauen, darüber hinaus werden immer die Standortdaten des Unfallfahrzeugs übermittelt.

Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass die deutsche Polizei auf ähnliche Weise Wind von einer Fahrerflucht bekäme, ist aber nicht nur vom Anbieter des Notruf-Assistenten abhängig.

Es hat auch mit dem Bundesland zu tun. So erhält in einigen Ländern die Polizei immer auch bei 112-Unfall-Notrufen eine Mitteilung und rückt aus, in anderen bleiben sie bei offensichtlichen Bagatellfällen auf der Wache.

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