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29.04.2013

15:05 Uhr

Autos mit Oldtimer-Potenzial

Graue Maus oder Froschkönig?

Quelle:dpa

Der Golf prägt Deutschlands Straßenbild wie kaum ein anderes Auto. Und schon bald können noch gut erhaltene Exemplare aus zweiter Generation als automobiles Kulturgut gelten.

Bis der begehrte VW Golf II GTI G60 als Oldtimer zugelassen werden kann, dauert es noch mindestens sieben Jahre. Dagegen haben Exemplare des Basis-Golf aus zweiter Generation von 1983 jetzt schon die nötige Reife von 30 Jahren. PR

Bis der begehrte VW Golf II GTI G60 als Oldtimer zugelassen werden kann, dauert es noch mindestens sieben Jahre. Dagegen haben Exemplare des Basis-Golf aus zweiter Generation von 1983 jetzt schon die nötige Reife von 30 Jahren.

BerlinDer Audi 100 C3 und der Baby-Benz Mercedes 190 feierten im vergangenen Jahr ihren 30. Geburtstag. Haben Autos dieses Alter erreicht, können sie in gutem Originalzustand mit H-Kennzeichen als Oldtimer zugelassen werden, was unter anderem Vorteile bei Kfz-Steuer und Versicherung bringen kann. In diesem Jahr sind der Golf II, Fiat Uno oder auch der Peugeot 205 an der Reihe, und im nächsten Jahr zum Beispiel der Opel Kadett E und der Renault Espace. Doch ob all diese häufig gebauten, technisch fortschrittlichen, optisch aber eher unauffälligen Automobiljahrgänge als Oldtimer pflegende Liebhaber finden werden, bleibt abzuwarten.

Ein Audi 100 C3 von 1982 könnte sich als Oldtimer ganz gut machen. «Auch wenn er heute unspektakulär wirkt: Er kam damals als Hingucker mit extrem stromlinienförmiger Leichtbaukarosserie auf den Markt», berichtet Holger Drews vom Youngtimer Club Berlin. Vor allem der Audi Quattro und der Avant TDI gelten als Favoriten für Oldtimer-Freunde.

Mit verzinkter Karosserie und G-Kat kam 1983 der Golf II auf den Markt. Bis 1991 produzierte Volkswagen 6,4 Millionen Einheiten, davon 735 575 GTI. «Insbesondere der seltene GTI G60 mit 1,8-Liter-Motor erfährt große Wertschätzung», weiß Martin Stromberg vom Marktbeobachter Classic Data. «Während ein Golf II CL noch ein Dasein als graue Maus am Straßenrand fristet, erfährt der GTI schon einen Boom, bevor er überhaupt 30 ist.» Doch lohnt es sich, auch in eine graue Maus zu investieren?

Eine zumeist kostenintensive Erhaltung trägt nicht immer zu einer Wertsteigerung bei. Die ersten Standardexemplare einer jeden Baureihe verschwinden meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren von der Straße, weil sie verschlissen sind. «Entscheidend bei der Erstellung eines Oldtimer-Gutachtens, das zur Erteilung des H-Kennzeichens erforderlich ist, sind Kriterien wie der Original- und der aktuelle Pflegezustand des Fahrzeugs», erklärt Stromberg weiter. Geringe Laufleistung, gute Pflege und wenige Vorbesitzer seien beste Voraussetzungen, um aus einem Youngtimer einen Klassiker zu machen.

Sogar ein Mercedes-Benz 190 könnte das gewisse Etwas haben. Er zählte beim Verkaufsstart 1982 zu den sichersten Autos seiner Klasse. «Als Liebhaberautos der Baureihe gelten zum Beispiel der 190 E 16-Ventiler mit 185 PS bis 235 PS oder die Tuning-Modelle wie der 190 E 3.2 AMG», erläutert Michael Arlt, der eine Fanseite zum Mercedes 190 betreibt. «Ich bin mir sicher, dass der 190er ein würdiger Oldtimer wird.»

Wie viel Oldtimer-Potenzial im Audi 100 C3 steckt, muss sich noch zeigen - vor 30 Jahren war er jedenfalls ein Hingucker. PR

Wie viel Oldtimer-Potenzial im Audi 100 C3 steckt, muss sich noch zeigen - vor 30 Jahren war er jedenfalls ein Hingucker.

Doch auch die gute Haltbarkeit von Fahrzeugen der 80er und 90er Jahre garantiert keine Rettung hinüber in den Oldtimer-Status. «Politische Hürden wie verschärfte Emissionsstandards, damit einhergehende höhere Steuern, Konjunkturimpulse wie Abwrackprämie oder Steuererleichterungen für Neufahrzeuge als Kaufanreiz verhindern den Effekt, seinen Youngtimer möglichst lange am Laufen zu halten», sagt Classic-Data-Chef Stromberg. «Die in den 80er Jahren meistverkauften Autos Fiat Uno und Peugeot 205 oder der Opel Kadett E sind heute, wohlgemerkt in gutem Zustand, kaum noch zu finden.»

Oldtimer und ihre Bewertung

Kein Oldie ohne Bewertung

Bei der Oldtimerbewertung wird der Wert des Fahrzeugs ermittelt werden, der auch als Grundlage für die Versicherungseinstufung benötigt wird. Sie ist auch Voraussetzung, um ein gültiges Kennzeichen zu erhalten. Für den Kauf und Verkauf historischer Fahrzeuge bietet das Untersuchungsergebnis neben der aktuellen Ankaufsuntersuchung die gebräuchlichste und aussagekräftigste Grundlage.

Während bei einer “normalen” Gebrauchtwagenbewertung in erster Linie Baujahr und Laufleistung von Bedeutung sind, ist bei Oldtimern das entscheidende Kriterium der Pflege- und Erhaltungszustand des Fahrzeugs. Die Fahrzeugbewertung erfolgt in Form von Noten von 1 bis 5, die zuletzt 2007 von Classic Data überarbeitet wurden.

Note 1

Makelloser Zustand. Keinerlei Mängel an Technik, Optik und Historie. Ein (dokumentiert!) originales Fahrzeug der absoluten Spitzenklasse. Oder ein komplett und perfekt restauriertes Spitzenfahrzeug im Zustand wie neu (oder besser). Sehr selten!

Die Anmerkung "oder besser" ist ein Hinweis auf die Möglichkeiten modernster Restaurierungsmethoden. Duch die heutigen technischen Möglichkeiten (Schweißarbeiten, computergestützte Messtechniken) sowie den veränderten Materialien (Lack, Oberflächenveredelung) und einen umfangreichen Korrosionsschutz kann ein komplett restauriertes Fahrzeug den Zustand der Erstauslieferung übertreffen. Für Originalitätsliebhaber ist dies aber nicht erstrebenswert.

Note 2

Entweder seltener, unrestaurierter Original-Zustand oder fachgerecht restauriert. Technisch und optisch mängelfrei, aber mit leichten (!) Gebrauchsspuren. Keine fehlenden oder zusätzlich montierten Teile. Ausnahme: Wenn es die StVZO verlangt.

Leider kommt es gerade bei der Note 2, immer wieder zu Missverständnissen, weil viele Anbieter - teils aus Berechnung und teils aus Unwissenheit - ihrem Wagen eine viel zu gute Note geben, die vermeintlich der Schulnote "gut" entsprechen soll. Klar ist unter Experten aber, dass der "Zustand 2" ein nahezu optimal erhaltenes Fahrzeug charakterisiert.

Note 3

Gebrauchter Zustand. Normale Spuren der Jahre. Kleinere Mängel, aber voll fahrbereit und verkehrssicher. Keine Durchrostungen. Kein Reparaturstau und keine sofortigen Arbeiten notwendig. Nicht schön, aber gebrauchsfähig.

Note 4

Verbrauchter Zustand, eventuell teilrestauriert. Nur bedingt fahrbereit. Sofortige Arbeiten notwendig zur erfolgreichen Abnahme gem. § 29 StVZO. Leichtere bis mittlere Durchrostungen. Fahrzeug komplett in den Baugruppen aber nicht zwingend unbeschädigt. Einige kleinere Teile können aber fehlen oder defekt sein. Aber: immer noch relativ leicht zu reparieren (bzw. restaurieren).

Note 5

Nicht fahrbereit Schlecht restauriert bzw. teil- oder komplett zerlegt. Größere Investitionen nötig, da umfangreiche Arbeiten in allen Baugruppen erforderlich, aber grundsätzlich noch restaurierbar. Fehlende Teile, d.h. das Fahrzeug ist nicht zwingend komplett.

Ergänzungen

Wie auch bei Schulnoten sind "+" und "-" gestattet und üblich. Alle Noten müssen durch Sachverständigen-Gutachten belegt sein, und diese sollten möglichst aktuell sein. Im Zweifelsfall lieber ein neues Gutachten beauftragen bei den bekannten Prüf-Organisationen wie TÜV, Dekra, oder Classic Data.

Die Frage, ob ein Fahrzeug durch einen schweren Defekt (nicht fahrbereit) gleich um mehrere Noten fallen kann, ist umstritten. Im Zweifelsfall ist es besser, die notwendigen Reparaturkosten zu ermitteln, um sie dann vom Kaufpreis abzuziehen. Zugrunde gelegt wird dann der Marktwert ohne den wertmindernden Schaden.

Restauration

Auf den Wert eines Fahrzeuges hat auch die Art der Restauration einen entscheidenden Einfluß. Je originalgetreuer, desto höher die Chance einer Wertsteigerung. Umfangreiche Recherchen stehen am Anfang, um eine
fachgerechte Wiederherstellung zu garantieren. Eine saubere Dokumentation macht die Arbeiten transparent, die richtige Philosophie (ob in “Concours-Qualität, Wiederherstellung der technischen Funktion oder Modifikationen, um die Sicherheit etwa bei historischen Rennen zu verbessern) beeinflusst die Wertsteigerung.

Originalität

Entscheidend für die Originalität ist das richtige Fahrgestell. Matching Numbers (gleiche Nummern bei Motor und Chassis) sind bei Rennfahrzeugen weniger wichtig für den Wert als bei Strassen- und Sportwagen, weil bei Rennen und Grand Prix Veranstaltungen der Verschleiß höher war und während einer Saison auch leistungsgesteigerte Aggregate eingesetzt wurden. Wichtig: Dokumentierte Historie und Wartungsunterlagen des Fahrzeugs müssen langjährig und glaubhaft belegt sein.

Prominenz

Der Wert jedes Fahrzeuges wird durch seine Einzigartigkeit und Geschichte jedes einzelnen Automobils geprägt. Das gilt insbesondere für historische Rennwagen, bei denen Teilnahme, Erfolg an bedeutenden Rennen und bekannte Fahrer zählen, die sie bei solchen Veranstaltungen gesteuert haben. Entscheidend bei Vorbesitzern oder prominenten Fahrern für die Wertentwicklung ist die Beziehung zum Fahrzeug im Kontext mit der Geschichte von Markt, Marke und Fahrzeug.

Ebenso rar macht sich der Renault Espace I, Europas erste Großraumlimousine, der im kommenden Jahr 30 Jahre alt wird. Der Berliner Club PeReCi für klassische französische Automobile sieht für den Kult-Van nur eine sehr kleine Nachwuchs-Fangemeinde. Nur Sondermodellen und Exoten wie dem Renault Avantime, dem Renault 30 oder dem Safrane stünden rosige Zeiten bevor.

Aber auch Alltagsmodelle können im Laufe der Jahrzehnte durchaus im Wert steigen, stellt der Verband der Automobilindustrie (VDA) fest. «Die durchschnittlichen Werte der Oldtimer sind 2012 um 4,2 Prozent gewachsen», berichtet VDA-Präsident Matthias Wissmann. «Wir haben festgestellt, dass auch frühere Großserienmodelle wie etwa der Käfer deutliche Wertsteigerungen erfahren haben.»

Baby-Oldtimer: Der Mercedes-Benz 190 (li.) wirkt neben seinen Zeitgenossen - der mittleren Baureihe W 124 und der S-Klasse - mickrig. PR

Baby-Oldtimer: Der Mercedes-Benz 190 (li.) wirkt neben seinen Zeitgenossen - der mittleren Baureihe W 124 und der S-Klasse - mickrig.

Beim Opel Kadett E, der im nächsten Jahr seinen 30. feiert, gelten «ganz klar die GT/GSI Versionen als 8- oder 16-Ventiler und eventuell noch die Cabriolets ab 1987 mit dem schicken Henkel à la Golf I Cabrio» als Favoriten, sagt Youngtimer-Experte Drews. «Bei den anderen Varianten bedarf es schon einer gehörigen Portion Sympathie.» Es ist also nicht ausgeschlossen, das sich ein unscheinbarer Kadett E oder ein Golf II CL in vielleicht 10 bis 20 Jahren auch als Froschkönige erweisen - wenngleich es dafür keine Garantie gibt.

Alt genug ist er ab dem nächsten Jahr - doch ob der Opel Kadett E tatsächlich pflegende Liebhaber in der Oldtimer-Szene findet, bleibt abzuwarten. PR

Alt genug ist er ab dem nächsten Jahr - doch ob der Opel Kadett E tatsächlich pflegende Liebhaber in der Oldtimer-Szene findet, bleibt abzuwarten.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

29.04.2013, 21:12 Uhr

Ich weiß nicht, wie es den Mitlesern geht, aber ich habe meine drei Oldies nicht wegen des Status' als Oldtimer und auch nicht wegen einer Wertsteigerungsoption gekauft, sondern weil ich sie in ihren jeweiligen Klassen für mich passender fand, als JEDES moderne Auto. Ich war blutiger Schrauberneuling und mittlerweile fahre ich zwar immer noch lieber, aber wenns was zu schrauben gibt, bin ich lern- und wißbegierig und schraube mit Freude. Ich würde auch jederzeit wieder einen Golf I oder II kaufen, weil sie in einem Maße problemlos waren, wie man es heute nicht mehr findet. Klar: Aus dem Laden heraus sind die heutigen Autos sicher problemloser als ein Kämpe, der schon 25 Jahre auf dem Buckel hat, davon 10 mit Wartungsstau. Aber ich will diese heutigen Neuwagen mal in 10 Jahren sehen, wenn die Elektronik anfängt zu spinnen. Da ist nix mehr mit Schrauben, sondern nur noch was mit Tauschen.

Account gelöscht!

01.05.2013, 11:37 Uhr

ich denke das die Bedeutung von Autos in den nächsten Jahrzehnten nachlassen wird; Fahrzeuge die heute 40-50 Jahre alt sind werden ihren Wert behalten; heutige Youngtimer werden diesen Status von richtigen Oldtimern größtenteils nie erreichen; und die die das Glück haben kann man an einer Hand abzählen. Und dazu gehört für mich weder ein Audi 100, noch ein Uno oder der in Massen gefertigte Golf.

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