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19.09.2014

08:38 Uhr

Bilanz des Blitz-Marathon

„Jetzt fahren die ja extra langsam“

Ob von Kindern im Ruhrgebiet, von Polizeiprofis bei Hannover und in Stuttgart, oder in Minister-Anwesenheit: Beim lange angekündigten Blitz-Marathon erwischt zu werden, war für einige Fahrer besonders peinlich.

Mit einer Laser-Pistole messen am 18.09.2014 in Essen (Nordrhein-Westfalen) Schüler der Franz Dinnendahl Realschule die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Autos. dpa

Mit einer Laser-Pistole messen am 18.09.2014 in Essen (Nordrhein-Westfalen) Schüler der Franz Dinnendahl Realschule die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Autos.

DüsseldorfBeim zweiten bundesweiten Blitz-Marathon, den die Polizei heute Morgen um 6 Uhr offiziell beendete, sind erneut tausende Autofahrer zu schnell in die Tempokontrollen gerast. Spitzenreiter war laut Zwischenbilanz ein Fahrer in Reutlingen (Baden-Württemberg), der mit Tempo 238 statt der erlaubten 100 Stundenkilometer unterwegs war. In Brandenburg wurde auf der A2 zwischen Netzen und Lehnin ein Autofahrer mit 219 statt der erlaubten 120 Stundenkilometer gemessen.

Bei der breiten Masse der Autofahrer zeigten die Ankündigungen der Großaktion aber Wirkung. Sie seien deutlich langsamer als sonst unterwegs gewesen, berichtete stellvertretend die Berliner Polizei am Donnerstag. An fast 7.500 Stellen im gesamten Bundesgebiet wurde geblitzt und gelasert. Mehr als 13.000 Polizisten waren im Einsatz.

In Nordrhein-Westfalen waren auch Kinder bei den Kontrollen im Einsatz: An einer Schule in Düsseldorf ertappte ein Junge seine eigene Mutter, die zu schnell im verkehrsberuhigten Bereich unterwegs war. Auch eine Lehrerin durfte sich von ihren Schülern wegen zu schnellen Fahrens Einiges anhören.

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In Münster berichtete ein Vater gegenüber den Beamten, dass er seinem Sohn am Morgen noch einen Warnzettel auf den Tisch gelegt habe: „Halte Dich an die Geschwindigkeit, es ist Blitz-Marathon!“ Der Vater war dann mit 130 statt erlaubten 100 Stundenkilometern erwischt worden.

Es gehe nicht darum, möglichst viele Bußgelder zu verhängen, sondern darum, die Autofahrer zu langsamerer Fahrweise zu bewegen, betonte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD), der auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz ist. „Das schönste wäre, wenn heute kein einziger ein Knöllchen kriegen würde, sondern alle mal reflektieren, was wir tun“, sagte er. „Wir wollen die Köpfe erreichen, nicht die Portemonnaies.“

Mit dem Blitzlicht-Gewitter reagiert die Polizei in diesem Jahr auch auf die Trendwende, die sich bei der Zahl der Verkehrstoten abzeichnet. Nach jahrzehntelangem Rückgang war im ersten Halbjahr dieses Jahres ein Anstieg bei den Todesopfern registriert worden.

Das Konzept überzeuge immer mehr, sagte Jäger. „Auch in Polen, auch in Frankreich, sogar in Australien“, erläuterte er. In Nordrhein-Westfalen durften dieses Mal Kinder die Messstellen vorschlagen. Fast 18 000 Kinder und Jugendliche hätten sich beteiligt und mehr als 3000 Stellen angeregt. Sie verteilten selbst gebastelte „Denkzettel“ an die Autofahrer.

In Essen im Ruhrgebiet geriet am Morgen eine Autofahrerin prompt in Anwesenheit des Ministers mit Tempo 59 statt 30 in die Tempofalle. Weil Kinder das Messgerät bedienten, kam sie um 120 Euro Bußgeld herum, aber nicht um eine eindringliche Ermahnung.

Bei Twitter rangierte das Stichwort #Blitzmarathon am Donnerstag schnell auf Platz eins der Topthemen: „Extra noch schnell beim Friseur gewesen, falls es blitzt“, hieß es etwa. Oder: „Kinder belohnen langsame Autofahrer mit Süßigkeiten. Ich dachte, die sind um diese Zeit in der Schule.“

Die Ermahnung durch die Polizei wollte sich ein 46-jähriger Raser bei Essen ersparen, indem er auf der Autobahn 52 Gas gab, anstatt anzuhalten. Er fuhr der Polizei über den Standstreifen davon, bis er in eine Leitplanke krachte. Er blieb unverletzt.

Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), verteidigte den Blitz-Marathon: „Die Wahrheit ist: Wenn die Polizei nicht blitzt, sterben mehr Menschen!“
Kritik am Blitz-Marathon kam von der Gewerkschaft der Polizei (GdP): Deren Bundesvorsitzender Oliver Malchow sprach von „einer PR-Aktion ohne nachhaltigen Effekt auf die Verkehrssicherheit“. Der „Passauer Neuen Presse“ sagte Malchow: „Es reicht eben nicht, Blitzer aufzustellen.“

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Die Seite „Geblitzt.com“ wirbt damit, Bußgeldbescheide kostenlos auf Fehler zu prüfen. Das könnte die Kommunen viel Geld kosten. Doch der Deutsche Anwaltverein ist skeptisch, dass das Geschäftsmodell Bestand hat.

Auch Siegfried Brockmann, führender Unfallforscher vom Gesamtverband der Versicherer, zeigte sich skeptisch: Verkehrssünder mit dauerhaftem Bleifuß erreiche man nur über dauerhaften Kontrolldruck. Er kritisierte aber, dass Tempokontrollen als „Abzocke“ bezeichnet würden. „Dieses Wort ist so unsäglich, weil es die Polizei als die Schurken darstellt und Temposündern eine Legitimation bis weit in Kreise hinein verschafft, die eigentlich ganz gesetzeskonform fahren.“

In Essen hatte am Donnerstag der zehnjährige Thorben (10) vor seiner Realschule in Essen ein Lasermessgerät bedienen dürfen. „Da ist so ein roter Punkt. Mit dem muss ich auf das Nummernschild zielen“, sagte er. Und dann abdrücken. „Mist, nur 25!“ Der Junge war offensichtlich enttäuscht. Er und neun weitere Schulkameraden zählten zu den mehr als 3.000 so genannten Messpaten, die in Nordrhein-Westfalen beim Blitz-Marathon aktiv mitmachen durften. Seine Erkenntnis: „Wenn wir jetzt alle hier stehen, fahren die ja lieber extra langsam. Die sind ja nicht blöd.“

Kommentare (7)

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Herr Dirk Niedfeld

19.09.2014, 09:31 Uhr

Grauenvoll.

Ich gehöre zu den Vielfahrern aber was gestern abging, ging ja mal gar nicht. Verstopfte Straßen und Chaos pur. Der gesamte Verkehrsfluss war gestört.

Ich bin immer noch dafür, dass unsere Polizei eher gegen Kriminelle vorgeht, anstatt sinnlos solche Aktionen durchführt.
Gewält, Einbrüche, usw gehen seit Jahren hoch. Dagegen sollte mal was gemacht werden.

VG
Marvel

Herr Theo Gantenbein

19.09.2014, 10:28 Uhr

"Es gehe nicht darum, möglichst viele Bußgelder zu verhängen"

Natürlich geht es darum! Kinder werden instrumentalisiert um der Abzocke ein positives Image zu verleihen.

Wahrscheinlich lassen wohl auch andere Abzocker wie die GEZ die Gebühren öffentlichkeitswirksam von Kindern eintreiben...

Herr Theo Gantenbein

19.09.2014, 10:34 Uhr

Die Polizei kümmert sich um richtige Straftaten überhaupt nicht mehr.

Einbrecher werden also höchstens gefasst, wenn Sie auf dem Weg zum nächsten Bruch zu schnell fahren.

Tolles Land!

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