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06.08.2013

10:54 Uhr

Bis zur letzten Rille

Autofahrer sparen bei Reifen

Schieben die Autofahrer hierzulande den Kauf neuer Reifen auf die lange Bank? Branchenriese Continental moniert genau das. Stimmen aus der Branche stützen die Beobachtung.

Blick auf die Bereifung eines Opel Adam beim Pariser Autosalon 2012. dpa

Blick auf die Bereifung eines Opel Adam beim Pariser Autosalon 2012.

HannoverLeichtathleten gehen bekanntlich nicht in Pantoffeln an den Start. Insofern lässt es aufhorchen, dass jüngst offensichtlich ausgerechnet die Autonation Deutschland bei den Pneus spart. Einschätzungen aus der Branche stützen ein Bild, wonach immer mehr Autofahrer hierzulande mit immer mieseren Reifen unterwegs sind. Droht der stolzen Autonation ein schleichender Profilverlust?

Genau das beobachtet Deutschlands Branchenprimus Continental. Nach einem eher schwachen Auftaktquartal 2013 klagte Finanzchef Wolfgang Schäfer, viele Autofahrer in Deutschland und ganz Europa schöben den Kauf neuer Reifen auf die lange Bank: „Wir haben es in den letzten Dekaden eigentlich nie erlebt, dass mehr als sechs Quartale in Folge sich eine solche Schwächeperiode im Reifenersatzgeschäft zeigt.“

Damals, Anfang Mai, war Manager Schäfer noch zuversichtlich, dass der Nachholeffekt zügig zum Sommer sichtbar werde. Doch zur Halbzeit nach dem zweiten Quartal musste er berichten, dass das vorausgesagte Tempo so nicht eintrat. „Wir sehen schon, dass die Reifenersatzmärkte sich verbessern. Was wir aber etwas weniger sehen als vorher ist, dass wir einen sehr starken Anstieg im zweiten Halbjahr kriegen.“

ADAC und Stiftung Warentest: Die meisten neuen Sommerreifen überzeugen

ADAC und Stiftung Warentest

Die meisten neuen Sommerreifen überzeugen

Beim großen Sommerreifentest von ADAC und Stiftung Warentest standen je 19 Modelle der Größen 185/60 R15 für Kleinwagen und 225/45 R17 für die Kompaktklasse auf dem Prüfstand. Nur vier fielen durch.

In der Branche wird die Entwicklung mit Sorge beobachtet. „Zahlreiche Verbraucher fahren anders als vorher ihre Winterreifen auch im Sommer durch“, sagt Peter Hülzer, Chef im Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV). „Ganz offensichtlich, weil sie die Umrüstkosten scheuen.“

Hülzer beruft sich auf Meldungen, wonach eingelagerte Sommerräder öfter als früher nicht für das Umrüsten abgeholt werden. Ein Sockel von zehn Prozent sei in den Vorjahren nicht ungewöhnlich gewesen. „Nun sind wir bei 20 Prozent, jeder Fünfte lässt sie also liegen“, sagt Hülzer, dessen Fachverband nach eigenen Angaben rund 80 Prozent des bundesweiten Reifengewerbes vertritt. Perspektivisch ist der Verbandschef aber zuversichtlich und glaubt an einen Schub: „Es gibt eine Kaufzurückhaltung, aber ich habe den Eindruck, es bessert sich.“

Der Dekra-Reifensachverständige Christian Koch warnt davor, die Winterpneus im Sommer durchzufahren und sich den Gang zur Werkstatt zu sparen. Temperaturunterschiede im Asphalt von 60 Grad seien keine Seltenheit. Winterräder könnten damit nicht umgehen, Aquaplaning und längere Bremswege seien programmiert.

Der richtige Umgang mit den Pneus

Alter

Beim Motorrad ist es noch wichtiger als beim Auto: Den Reifen als einzige Verbindung des Fahrzeugs zur Straße kommt ein sehr hoher Stellenwert für die Sicherheit zu. Über zehn Jahre alte Reifen gehören unabhängig von der Profiltiefe auf den Schrott, denn das Gummi hat sich dann verhärtet und kann nicht mehr richtig haften.

Profil

Die gesetzliche Mindestprofiltiefe beträgt 1,6 Millimeter, doch schon ab 3 Millimeter Profiltiefe steigt die Gefahr von Aquaplaning drastisch an und Bremswege auf nasser Fahrbahn verlängern sich deutlich. Reifenhersteller und Autoclubs empfehlen mindestens 3 Millimeter für einen besseren Halt.

Laute Abrollgeräusche

Immer lauter werdende Abrollgeräusche sind ein Zeichen für zunehmenden Verschleiß. Finden sich einzelne Zacken im Gummi, spricht man von „Sägezahnbildung“. Vor allem breite Hochgeschwindigkeitsreifen besitzen eine offene Profilgestaltung und wenig hochstehende Profilblöcke, um möglichst viel Wasser aufzunehmen und wieder abzuleiten. Kommt es zu hohen Schlupfbewegungen, führt dies unter Umständen zu einem sägezahnförmigen Verschleißbild vor allem an der nicht angetriebenen Achse. Wer auf den richtigen Luftdruck in den Pneus achtet, kann einen solchen Verschleiß allerdings vermeiden.

Luftdruck

Der richtige Luftdruck Im Reifen macht das Fahrverhalten stabil.  Wie viel Luft sich im Reifen befinden sollte, steht in der Bedienungsanleitung des Fahrzeugs oder auf Aufklebern im Handschuhfach, am Türholm oder in der Tankklappe. Vollbeladen auf dem Weg in den Urlaub sollte der Druck allerdings ein wenig erhöht werden, dies reduziert den Spritverbrauch.
Der korrekte Druck erhöht nicht nur die Fahrsicherheit, sondern verringert auch den Kraftstoffverbrauch. Schon bei 0,6 bar unter dem Optimaldruck steigt der Verbrauch um vier Prozent. Der Verschleiß nimmt um satte 45 Prozent zu.

Achsenweiser Tausch

Tausch von Winter- auf gebrauchte Sommerreifen, oder umgekehrt: Für eine gleichmäßige Abnutzung sind die zwei Räder an der Antriebsachse beim nächsten Mal an der anderen Achse anzubringen - und umgekehrt. Bei zu starken Sägezahnmuster auf den Reifen hilft meist allerdings nur noch ein Ersatz.

Zulässige Reifengrößen

Laut Gesetz dürfen nur die Reifengrößen montiert werden, die in den Fahrzeugpapieren eingetragen sind. Werden andere Größen aufgezogen, oder ohne schriftliche Genehmigung im Fahrzeugschein gar unterschiedliche Größen an Vorder- und Hinterachse montiert, ist dies nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern das Fahrzeug verliert auch seine Zulassung und der Versicherungsschutz erlischt.
Die zulässigen Reifengrößen stehen im alten Fahrzeugschein unter Ziffer 20 bis 23 sowie im Feld 33. In der neuen Zulassungsbescheinigung Teil I steht unter 15.1 bis 15.3 nur eine zulässige Größe. Welche weiteren Größen montiert werden dürfen, erfährt der Halter beim Fachhandel.

Mischbereifung

Die Mischung aus Winter- und Sommerreifen ist theoretisch erlaubt, allerdings nicht ratsam, da sich das Fahrverhalten stark verschlechtert. Zum Beispiel ein Fahrzeug mit guter Traktion an der Vorderachse und Sommerreifen auf der Hinterachse bricht auf glatter Fahrbahn leichter aus. Generell müssen die Reifen mit dem besseren Profil an die Hinterachse, egal ob bei Front- oder Hecktrieblern.
Wer sich nach einem „Platten“ einen neuen Reifen kaufen muss, sollte versuchen, den gleichen Typus zu bekommen. Ist dies nicht möglich, sollten zumindest auf einer Achse die gleichen Reifen zum Tragen kommen.

Gefährliche Billigreifen

Auch für normale Autofahrer ist die Welt in den letzten Jahren schneller geworden. Schon Mittelklasse-Pkw und Kompakte sind heute problemlos mit Tempi oberhalb von 200 km/h unterwegs. Für die Reifenindustrie bedeutet dies, dass sie auch ihre normalen Reifen den immer höheren Anforderungen anpassen müssen. Wie schwierig dies ist, zeigen die Tests der Autoclubs und Fachzeitschriften: Hier bleiben Billigpneus regelmäßig auf der Strecke - vor allem dann, wenn es um sicherheitsrelevante Eigenschaften geht.

Kleiner Reifencheck

Flanke und Lauffläche der Reifen auf Beschädigungen wie Risse, Beulen oder stark unregelmäßigen Abrieb untersuchen. Gerade die durch den langen Winter stark in Mitleidenschaft gezogenen Fahrbahndecken setzen den Reifen zu. Bei Schäden sollte ein Fachbetrieb aufgesucht werden.
Mit einer Euromünze lässt sich feststellen, ob das Profil schon zu stark abgefahren ist: Verschwindet der goldene Rand nicht komplett zwischen den Profilblöcken, stehen weniger als drei Millimeter zur Verfügung und der Reifen sollte erneuert werden.

Ersatzreifen

Glücklich ist im Not- und Pannenfall, wer überhaupt noch einen im Kofferrraum liegen hat, das wird bei modernen Neuwagen immer seltener. Sein Luftdruck sollte um rund 0,2 bar höher sein als es die Betriebsanleitung angibt. Aus Sicherheitsgründen raten Experten, Ersatzreifen auszutauschen, die unbenutzt länger als acht Jahr im Kofferraum liegen.

Flicken

Nach einem „Platten muss ein Autoreifen nicht zwangsläufig entsorgt werden. Durchstiche, Nagellöcher oder Schnitte bis zu sechs Millimeter an der Lauffläche können von Fachleuten geflickt werden. Nicht möglich ist eine Reparatur bei größeren Schäden oder Durchstichen an der Seitenwand. Von der Reparatur von Hochgeschwindigkeitsreifen raten Experten aus Sicherheitsgründen jedoch generell ab.

Reifen-Versicherung

Die Reifen ihres Kraftfahrzeugs können Autofahrer versichern lassen. Rund 90 Prozent der Reifenfachbetriebe sowie viele Autohäuser und freie Werkstätte bieten dies an, und erstatten dem Versicherungsnehmer die Kosten, die durch Beschädigungen oder Verlust der Pneus entstehen. Abgedeckt sind unter anderem Schäden durch das Einfahren von Nägeln, Glas oder anderen spitzen Gegenständen und durch das Anfahren an der Bordsteinkante sowie Vandalismus.
Die Kosten für einen Versicherungsschutz betragen zwischen 10 Euro und 30 Euro bei einer Laufzeit von zwei Jahren. Zu beachten sind allerdings dabei die Vertragsdetails: Viele Versicherungen decken lediglich die Kosten der Gummis, nicht aber der dazugehörigen Felgen ab. Außerdem wird das Alter und die Profiltiefe der beschädigten oder entwendeten Reifen bei der Kostenerstattung berücksichtigt.

Auch die Experten an der Werkstattfront sehen das Problem. „Es wird gefahren bis zur letzten Rille“, berichtet Hans-Georg Marmit von der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation KÜS, die freiberufliche Kfz-Sachverständige organisiert. Komplett Neuland sei das aber nicht. „Die Reifen werden nach wie vor stiefmütterlich behandelt.“ Allerdings sei die Zurückhaltung bei dem wichtigen Ersatzteil inzwischen Teil eines generellen Trends, wonach Deutschlands Fahrzeugpark - der Abwrackprämie zum Trotz - immer älter werde und die Besitzer zunehmend sparten. Laut Kraftfahrtbundesamt stieg das Durchschnittsalter zuletzt auf gut acht Jahre, ein neuer Spitzenwert seit der Wiedervereinigung.

Laut dem jüngstem Trend-Tacho der KÜS wächst das Kostenbewusstsein. Demnach plant mehr als jeder fünfte Autofahrer 2013 Einsparungen rund ums Auto, ein merklicher Anstieg. Fazit der Studie: „Bei den Reparaturen geht der Trend stärker zur Do-it-yourself-Methode, nicht unbedingt notwendige Arbeiten sollen verschoben werden.“

Reifen: Profiltiefe sorgt für Sicherheit

Reifen

Profiltiefe sorgt für Sicherheit

Die Verbindung zur Straße stellen Reifen nur dann wirkungsvoll sicher, wenn sie mit ausreichender Profiltiefe rollen. Doch das gesetzliche Mindestmaß ist unter Sicherheitsgesichtspunkten viel zu wenig.

Rein gesetzlich dürfen Reifen nicht weniger als 1,6 Millimeter Profiltiefe haben. ADAC-Tests zeigten, dass es bei Winterreifen schon bei 4 Millimetern und bei Sommerreifen zwischen 2 bis 2,5 Millimetern kritisch wird. Um die Bedeutung der Reifen zu erklären, bemühen Experten oft ein Bild: Je nach Tempo und Straßenlage schwankt die Auflagefläche, mit der die vier Reifen den wichtigen Kontakt zur Fahrbahn halten, zwischen vier Postkarten und vier Bierdeckeln.

Statistische Fakten zur Profiltiefe der Nation fehlen dagegen. TÜV-NORD-Sprecher Rainer Camen berichtet, dass lediglich das Verwehren der Prüfplakette wegen Reifenmängeln erfasst werde. Bei einer bedrohlich geringen Profiltiefe gebe es nur einen statistisch nicht erfassten Hinweis an die Autofahrer. Auch dem Prüfkonzern Dekra liegen Statistiken zu Reifenalter oder Profiltiefen nicht vor.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

06.08.2013, 11:06 Uhr

Gerade die Autozulieferer sind es doch, die mit Lohndumping von sich reden machen.
Beim Run um den maxiamalen Profit tragen sie wesentlich dazu bei, daß die Kaufkraft sinkt. Sie sollen sich also nicht wundern, wenn ihre eigenen Produkte weniger nachgefragt werden.

Wolfsfreund

06.08.2013, 11:16 Uhr

"Allerdings sei die Zurückhaltung bei dem wichtigen Ersatzteil inzwischen Teil eines generellen Trends, wonach Deutschlands Fahrzeugpark - der Abwrackprämie zum Trotz - immer älter werde und die Besitzer zunehmend sparten. Laut Kraftfahrtbundesamt stieg das Durchschnittsalter zuletzt auf gut acht Jahre, ein neuer Spitzenwert seit der Wiedervereinigung."
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Ja wundert das denn irgend jemanden!? Der arbeitende Bürger wird ausgeplündert bis auf's Hemd, um nutzlosen Ökostrom und einen parasitierenden Club Med zwangszufinanzieren. Sorry, aber neue Reifen oder gar ein neues Auto müssen dann leider warten, erstere, bis das gesetzliche Limit erreicht ist, letztere bis zum Sankt Nimmerleinstag: Es wird gefahren, bis die Kiste buchstäblich zerbröselt und dann ein "neues", altes Auto für kleines Geld angeschafft.
Schafft uns dieses verlogene, verbrecherische Sozialistengesindel der Blockflöten in Berlin vom Hals, dann bekommen die Leute auch wieder Mut, sich reinzuhängen, weil nicht mehr 70...80% beim Staat landen, und sich was zu gönnen!

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