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02.07.2013

12:10 Uhr

Buchtipp Harley-Davidson Reader

Von Arschlochschaltungen und Selbstmordkupplungen

VonFrank G. Heide

Die verrückte Liebe zur brüllend lauten Mixtur aus Sofa und Rakete verbindet Harley-Davidson-Fans schon seit 110 Jahren. Wer wissen will, was es mit dem Mythos auf sich hat, findet in einem Buch ungewöhnliche Antworten.

Teil des Cover-Umschlags "Der Harley-Davidson Reader" aus dem Delius Klasing Verlag. PR

Teil des Cover-Umschlags "Der Harley-Davidson Reader" aus dem Delius Klasing Verlag.

DüsseldorfKein erfolgreiches Harley-Buch ohne Bilder. An diese goldene Regel hält sich auch "Der Harley-Davidson Reader" aus dem Verlag Delius Klasing, eines von insgesamt vier Büchern zu den amerikanischen Zweirad-Klassikern, das die Bielefelder Motor- , Radsport- und Segel-Spezialisten im aktuellen Fundus parat halten. Doch es sind nicht die teils sehr ungewöhnlichen historischen Aufnahmen, Comic-Cover und Werbeplakate (168 auf 348 Seiten), die das Buch auszeichnen, es ist sein ebenso literarischer wie unterhaltsamer Ansatz.

Kurze Harley-Fahrer-Typologie

Viel mehr als nur Bad Boys

In seinem Aufsatz "Magie einer Marke" greift der Hamburger Soziologe Kai-Uwe Hellmann eine eingängige Typisierung verschiedener Gruppen von Harley-Davidson-Fahrern auf, von der leider nicht belegt ist, aus welcher Quelle sie stammt. Unterhaltsam und zutreffend ist ist allemal, auch wenn es einigen Harley-Fahrern nicht gefallen wird ...

MOPS

MOPS steht für „mom-and-pops-bikers“: Paare, die ihre Harley als normales Transportmittel benutzen.

RUBS

RUBS sind „Rich Urban Bikers“: vorwiegend Männer, die sich mit Blick auf ihr fortgeschrittenes Alter und vor dem Hintergrund ihres beruflichen Erfolgs (Anwälte, Broker, Ärzte etc.) eine Harley (problemlos) leisten
(können), um das Lebensgefühl der Teenager und Outlaws nochmals in sich aufleben zu lassen.

SEWERS

SEWERS steht für „Suburban Weekend Riders“: Vorstadtbewohner, die unter der Woche ein ganz normales Leben führen, in den weitverzweigten „suburbs“ mit den vielen gleich aussehenden Einfamilienhäusern wohnen und zum Wochenende ihre Harley aus der Garage holen, um eine kleine Spritztour zum nächsten Harley-Treffpunkt zu machen.

RIOTS

„Retired Idiots On Tour”: zumeist ältere Personen, die ihren verdienten Ruhestand dazu nutzen, ihre Freizeit und ihre finanzielle Abgesichertheit zu genießen, indem sie sich eine Harley kaufen und längere Überlandfahrten machen.

MUGWUMPS

MUGWUMPS („My Ugly Goldwing Was Upsetting My Peers”): ehemalige Fahrer einer Honda Goldwing, deren Behäbigkeit und betuliches Image im Bekanntenkreis auf wenig Gegenliebe gestoßen ist, weshalb sie sich zu einem Markenwechsel genötigt sahen.

AHABS

„Aspiring Hardass Bikers”: Vermutlich handelt es sich hierbei um Harley-Fahrer, die vorgeben, besonders lange Fahrten übers Land zu unternehmen, mit den entsprechenden Folgen fürs eigene Gesäß.

BASTARDS

„Bought A Sportser, Therefore a Radical Dude”: Diese Bezeichnung betrifft das prätentiöse Gehabe mancher Harley-Fahrer, die sich durch den Besitz einer solchen Maschine im antibürgerlichen Image der Harley-Kultur sonnen.

IGLOOS

„I got the look, Own one Soon”: Personen, die zwar gerne eine Harley hätten, sich aber keine leisten können und sich statt dessen durch entsprechende Kleidungsstücke und die zugehörigen Accessoires schmücken, um den Anschein von Harley-Besitz und H.O.G.-Zugehörigkeit zu erwecken; siehe auch HOOTS ...

HOOTS

„Have one Ordered, True Story”: HOOTS sind den IGLOOS sehr ähnlich, nur begnügen diese sich mit der nur vorgetäuschten Tatsache, dass sie demnächst eine Harley besitzen werden, deren Bestellung schon erfolgt
ist.

Ein Motorradbuch für Harley-Fans, in dem literarische Texte im Vordergrund stehen? Ein mutiger Ansatz, des Verlags Delius Klasing, doch es fällt ungemein leicht darin schmökern, denn die Lektüre verbindet hohen Informationsgehalt mit bester Unterhaltung. Da ist zum einen die Auswahl der Autoren, die für unterschiedlichste Sichtweisen und Textstile ebenso wie für individuellste Erfahrungen und eindrucksvolle Anekdoten steht. Versammelt werden mit Hunter S. Thompson, Evel Knievel, Arlen Ness, Craig Vetter, Peter Egan, Bill Hayes, Sonny Barger, Jean Davidson (und vielen anderen) unglaublich schräge Typen, die alle ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der Marke aus Milwaukee gesammelt haben.

Herbert Wagner schreibt über das erste Harley-Motorrad, Tobe Gene Livingstone berichtet zungenfertig von Arschlochschaltungen und Selbstmordkupplungen, Gonzo-Journalism-Erfinder Hunter S. Thompson berichtet über seine frühen Tage bei den Hells Angels und Samantha Morgan schildert ihr Leben als Motodrom-Girl. Das ganze gleicht dem zum Teil absurden Trip, den Billy und Captain America auf ihren gechoppten Harleys im Kino-Klassiker "Easy Rider" erleben.

Und diejenigen, von denen da so lebhaft berichtet wird, sind teils schon Legende: marodierende US-Kriegsveteranen, One-Percenter und andere Outlaws, Elvis Presley, Jimi Hendrix, Che Guevara, Clark Gable, und viele andere. Das ganze ist schon sehr lebendig, praktisch das Gegenteil zu einem Gang durch ein verstaubtes Firmenarchiv. Was natürlich auch daran liegt, das vor allem diejenigen, die selbst als gesellschaftliche Außenseiter bezeichneten oder fühlten, öfter zur Harley als zu einem anderen Motorrad griffen.

Einblicke in die alte und neue Rockerszene fehlen im Reader ebenso wenig, wie treffsichere und wortgewaltige Insider-Erklärungen, was denn eigentlich den Mythos Harley seit Jahrzehnten auch für das bürgerliche Lager so attraktiv macht.

Manche Geschichte erzählt von den Ursprüngen der Legende, die Enkelin des Firmengründers schreibt von der Harley als Familienmitglied und allgegenwärtigen Rockern in der guten Stube. Viele echte Harley-Typen, wie Sonny Barger oder Biker Billy, schreiben von ihren Nachtfahrten, vom Zirkus, von Motorradbräuten, und natürlich von Freiheit und Motorengedröhn der selbst zusammengeschraubten Bopper und Chopper. Über die Historie der Marke erfährt man so auf indirekte, auf besonders lebendige Art einiges, wie auch über den aktuellen Trend zu Retro-Bikes.

Dazu kommt eine lockere Gestaltung. Ein rascher Wechsel von Bildern und Texten, großformatige Zitate (von Lawrence von Arabien bis Arlo Guthrie) führen dazu, dass man den Reader kaum auf einmal durchliest, sondern ihn immer wieder hervorzieht, um mal wieder ein spannendes Kapitel zu erleben, wenn die Maschine ausnahmsweise schweigt. Und das beste: Man muss gar kein Harley-Fan sein, um diese Lektüre voll zu genießen.

Hunter S. Thompson, u.a.
"Der Harley-Davidson Reader"
Vorwort von Jean Davidson
348 S., 28 Farbfotos, 73 S/W-Fotos, 67 farbige Abbildungen, 22 S/W-Abbildungen,
Format 21x23,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag, 29,90 Euro
ISBN 978-3-7688-5337-8
Delius Klasing Verlag, Bielefeld

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