Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.09.2012

14:12 Uhr

Designkritik

Zur Not taugt auch ein Rasenmäher

VonPaolo Tumminelli

Der Twizy ist Renaults Wette auf die Zukunft des Auto. Und die ist heiß. Der Stromer befreit uns von Schuldgefühlen. Und ohne Türen wird man als offener, sympathischer Mensch wahrgenommen. Aber nicht jeder mag das.

Renaults rein elektrisch betriebene Twizy-Modelle erreichen maximal 85 km/h und fahren ohne nachzuladen höchstens 80 Kilometer weit. Spaß machen sie trotzdem. AFP

Renaults rein elektrisch betriebene Twizy-Modelle erreichen maximal 85 km/h und fahren ohne nachzuladen höchstens 80 Kilometer weit. Spaß machen sie trotzdem.

DüsseldorfEin Auto ist ein Auto ist ein Auto. Kein Produkt besitzt eine eindeutigere Identität. Das glaubt man  gerne, denn eine Definition sucht man vergeblich. Selbst die Deutschen, Meister normativer Präzision, geben sich in ihrer Straßenverkehrszulassungsordnung vage: "ein Fahrzeug für die Beförderung von Personen, für maximal 8 Personen + Fahrer. Bei derartiger Gestaltungsfreiheit ist man relativ überrascht, dass heute "alle Autos gleich aussehen."

Wobei der Allgemeingültigkeit dieser Meinung einfach zu widersprechen wäre: Noch nie hat es in der Automobilgeschichte mehr stilistische Fantasie gegeben, als heute auf unseren Straßen. Was sich geändert hat ist die Wahrnehmung des Automobils. Stoßstange an Stoßstange und Tür an Tür parkt und fährt eine langweilige Autokolonne, der Geschwindigkeitsunterschied ist dabei unwesentlich.

Weil der Kleinwagen so imposant sein will, wie einst die Oberklasse, und alle, inklusive Kombis und Geländewagen, so dynamisch wirken sollen, wie einst nur Sportwagen, kann man sämtliche Typen tatsächlich nur schwer voneinander unterscheiden. Der darwinistische Entwicklungsprozess ist längst abgeschlossen. Man kann heute mit jedem Automobil so viel, dass nichts mehr sein darf. Weder frei fahren, noch frei stehen, noch sich frei fühlen. Der Wagen ist über jede erdenkliche Kraft und Größe hinaus gewachsen und hat dabei seine Personen vergessen.

Vor allem die Stadtbewohner haben das Unwohl erkannt und sehnen nach Alternativen. Bei deren Gestaltung kann von besagter Fantasie leider keine Rede sein. Wer kein Auto wünscht, dem stehen entweder das ewige Fahrrad, populistisches Symbol verkehrspolitischer Inkompetenz, oder die öffentlichen Nahverkehrsmittel zur Wahl – ohnmächtiges Überbleibsel früherer planwirtschaftlichen Lebensmodelle. Dem Plan nach in Spuren verteilt, wurden die städtischen Wege Stück für Stück abgeschlossen, bis das Automobil jeden Vorfahrtrecht verlor.

Es wurde ein Auto-Immobil, wie niemand es genießt geschweige denn braucht. Ein Zustand, der auf Dauer nicht zu halten ist. Dabei wäre es doch so einfach, sich Alternativen vorzustellen. Zu Not taugt auch ein Rasenmäher. Regisseur David Lynch machte die 700-Meilen-lange, schneckenartige Fahrt des Alvin Straight (eine wahre Geschichte) zum postmodernen "On the Road."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×