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25.07.2016

08:52 Uhr

Deutschlands letzte Polizei-Isetta

„Für Verfolgungsfahrten nicht geeignet“

Viele Menschen nannten sie liebevoll „Knutschkugel“. Die Rede ist von der Isetta, einem Kleinstwagen, den BMW von 1955 bis 1962 baute. In Niedersachsen ist eine letzte Polizei-Isetta noch im Dienst.

Polizeisprecher Rainer Bohmbach mit der 1957 gebauten „Knutschkugel“ im Polizeidienst dpa

Polizei-Isetta

Polizeisprecher Rainer Bohmbach mit der 1957 gebauten „Knutschkugel“ im Polizeidienst

StadeDie Isetta war für viele Dorfpolizisten ein echter Gewinn. Endlich mussten sie sich nicht mehr auf Diensträdern abstrampeln oder auf Motorrädern Wind und Wetter trotzen. Auch die Polizei in Niedersachsen setzte 1957/58 auf den Mini-BMW Isetta. Von den 300 bestellten Exemplaren gibt es noch drei.

Zwei sind bei Sammlern in New York und bei Hannover gewissermaßen in Pension. Das dritte Exemplar aber steht im niedersächsischen Stade weiter in Polizeidiensten - als letzte Polizei-Isetta in ganz Deutschland.

„Unsere Isetta ist nur noch im Einsatz, wenn es auf Messen oder andere öffentliche Präsentationen der Polizei geht“, sagt Rainer Bohmbach, verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizeiinspektion Stade. „Die Isetta ist ein absoluter Sympathieträger. Viele Menschen kommen zu mir und erzählen mir von ihren Erinnerungen.“

Dass der BMW-Zwerg, der aus der Motorradproduktion heraus entwickelt wurde, als Polizei-Version nach etlichen Jahren wieder nach Stade kam, war Zufall. Bohmbach hatte den Besitzer, einen Sammler aus Kiel, vor rund 15 Jahren kontaktiert.

Er wollte sich das Fahrzeug für eine Aktion der Polizei ausleihen. Besitzer Bernd Liebezeit stimmte sofort zu und überließ Bohmbach seine Isetta für ein Wochenende. 2006 erhielt er den Oldie erneut leihweise. Seitdem ist die Isetta als Dauerleihgabe in der Stader Inspektion im Dienst.

Die Polizei-Miniautos wurden früher in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen vor allem in kleinen Dorfstationen eingesetzt, die in der Regel mit einem bis zwei Beamten besetzt waren. Die Isettas lösten Polizei-Motorräder oder -Fahrräder ab. „Für die Kollegen war das damals ein enormer Fortschritt, denn sie hatten nun endlich ein Dach über dem Kopf“, sagt Polizeihauptkommissar Bohmbach.

Zu zweit passten die Schutzmänner, wie sie damals noch hießen, gut in den Kleinwagen, gegen den ein heutiger Smart wie ein Mittelklassefahrzeug wirkt. Eine durchgehende Bank ist durch die nach vorne öffnende Tür vergleichsweise bequem zu erreichen. Der 350 Kilogramm leichte Kleinwagen ist gerade einmal 2,30 Meter lang, 1,38 Meter breit und 1,34 Meter hoch.

In dem BMW-Nachkriegs-Kleinstwagen ist der Platz auf maximal zwei Erwachsene begrenzt. dpa

Polizei-Isetta aus dem Jahr 1957

In dem BMW-Nachkriegs-Kleinstwagen ist der Platz auf maximal zwei Erwachsene begrenzt.

Dass die Isetta heute für die Imagepflege der Polizei eingesetzt wird, ist ausschließlich Polizeisprecher Bohmbach und dem Eigentümer zu verdanken. Denn das Land habe nicht einmal Geld für die geringen Unterhaltskosten, sagt Bohmbach.

Der Sammler zahlt Steuern und Versicherung, ein Kollege aus der technischen Abteilung der Polizeiinspektion kümmert sich in seiner Freizeit um die Wartung und Bohmbach bezahlt Benzin oder TÜV-Gebühren.

Warum macht er das? Der Beamte ist Oldtimer-Fan und mag „seine“ Polizei-Knutschkugel einfach, wie er sagt. Und belohnt werde er immer dann, wenn er ein- bis zweimal pro Jahr auf Oldtimer-Rallyes gehe.

Sein Traum ist es, mit der Isetta an der legendären deutsch-amerikanischen Steuben Parade in New York teilzunehmen. Dann könnte auch Steve Bauer dabei sein - der New Yorker Sammler, der eine Polizei-Isetta besitzt und zu dem Bohmbach E-Mail-Kontakt hat.

Die Stader Polizei-Isetta ist die „große“ Variante mit 300 Kubikzentimetern Hubraum und 13 PS. Abgelöst wurde sie durch einen 1200er VW Käfer. dpa

Polizei-Isetta aus dem Jahr 1957

Die Stader Polizei-Isetta ist die „große“ Variante mit 300 Kubikzentimetern Hubraum und 13 PS. Abgelöst wurde sie durch einen 1200er VW Käfer.

Die Stader Polizei-Isetta ist 1957 gebaut worden. Sie ist die „große“ Variante mit 300 Kubikzentimetern Hubraum und 13 PS. Die kleinere Maschine hatte nur 250 Kubikzentimeter und 12 PS. Sie bringt es auf Tempo 85. „Auch damals war sie für Verfolgungsfahrten nicht geeignet“, sagt Bohmbach schmunzelnd. Deshalb war sie in der Regel nicht mit Blaulicht ausgestattet.

Das Erfolgsauto, das Wiederaufbau und Wirtschaftswunder symbolisierte, hatte bei der Polizei in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre aber ausgedient. „Zu klein, zu langsam und anfällig. Die kleinen Dorfstationen bekamen dann den Käfer 1200“, erklärt Bohmbach.

Von

dpa

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