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11.11.2015

12:54 Uhr

Dieselgate, VW und die Folgen

Erhöhte Schadstoffwerte nicht nur bei Volkswagen

VonFrank G. Heide

Das Kraftfahrt-Bundesamt prüft nicht nur die manipulierten Diesel von Volkswagen – auch die Autos anderer Hersteller nehmen die Kontrolleure unter die Lupe. Offenbar gibt es dabei erste Auffälligkeiten.

Bei bisherigen Tests stehen Automodelle 20 Minuten auf dem Prüfstand und legen dabei elf Kilometer mit Geschwindigkeiten von 34 bis maximal 120 km/h zurück. Neue Testverfahren sollen die Ergebnisse näher an die Realität bringen.  ADAC

ADAC-Prüfstand zur Abgasmessung

Bei bisherigen Tests stehen Automodelle 20 Minuten auf dem Prüfstand und legen dabei elf Kilometer mit Geschwindigkeiten von 34 bis maximal 120 km/h zurück. Neue Testverfahren sollen die Ergebnisse näher an die Realität bringen. 

Flensburg/DüsseldorfDas Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) lässt den Kohlendioxid-Ausstoß von VW-Fahrzeugen neu ermitteln. Allerdings nicht ausschließlich. In einer Mitteilung des KBA vom 11. November heißt es, man prüfe auch „andere marktbestimmende Hersteller“ – also die bei den Neuzulassungen führenden Marken – schon seit Ende September. Der entscheidende Satz in der neuen Mitteilung: „Auf Basis von Rohdaten wurden bisher zum Teil erhöhte Stickoxidwerte bei unterschiedlichen Fahr- und Umgebungsbedingungen festgestellt.“ Es könnten also auch andere Hersteller betrogen haben.

Tags zuvor hatte die Flensburger Behörde noch mitgeteilt, sie ordne die Überprüfung der Emissionswerte der Fahrzeugtypen an, für die Volkswagen falsche Angaben gemacht hatte. Der Wolfsburger Autobauer hatte eingeräumt, dass bei der Typ-Zulassung zu niedrige CO2-Werte angesetzt und damit falsche Verbrauchsangaben gemacht wurden. Davon sind bis zu 800.000 Fahrzeuge betroffen, darunter auch Benziner.

Die Geheimtricks bei Abgastests

Der Vorwurf

Dieser Vorwurf der US-Behörden wiegt schwer: Volkswagen soll auch bei aktuellen Motoren in den USA illegale Software einsetzen. Der Konzern halte Angaben zu den Programmen gezielt zurück, sagen die US-Abgaswächter. Die US-Umweltschutzbehörde EPA wirft dem VW-Konzern vor, auch bei Sechszylinder-Dieselmotoren mit 3,0 Litern Hubraum eine verbotene Software einzusetzen. Sollte der neue Vorwurf zutreffen, würde das den Abgas-Skandal zuspitzen. Denn dann käme die Abgas-Affäre in der Gegenwart bei aktuellen Motoren an. Auch die VW-Renditeperle Porsche geriete in den Strudel. Doch VW dementiert. Die Fragen und Antworten:

Wer ist die EPA und was macht sie?

Autobauer müssen bei der US-Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency) ihre Modelle testen lassen, um eine Genehmigung für den Verkauf zu erhalten. Die EPA hatte den Skandal um millionenfach manipulierte Diesel aus dem VW-Konzern losgetreten, als sie im September auf eine versteckte Software beim Vierzylinder-Motor EA 189 hinwies. Das Programm erkennt, dass die Autos für Abgastests auf dem Prüfstand sind und aktiviert einen Sparmodus, bei dem weitaus weniger Stickoxid ausgestoßen wird. Für das Gas gelten in den USA besonders strikte Grenzwerte. Volkswagen räumte die Vorwürfe ein.

Welche Dimension hat der jüngste Vorwurf?

Anfangs hatte die EPA in den USA nur den Vierzylinder-Motor EA 189 mit 2,0 Liter Hubraum im Visier und es ging um die Modelljahre 2009 bis 2015. Inzwischen wirft die US-Behörde dem Autobauer auch vor, bei Sechszylinder-Dieseln mit 3,0 Liter Hubraum zu tricksen – und es geht auch um das aktuellste Modelljahr, also um frisch gebaute Wagen.

Welche Modelle sind unter der EPA-Lupe?

Die Geländelimousinen VW-Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5 sowie die Limousinen Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro, Audi A8 und dessen Langversion. Rund 10 000 Wagen sind seit dem Modelljahr 2014 laut EPA verkauft worden, hinzu komme eine „unklare Zahl“ aktueller Modelle.

Was hält die EPA bisher in der Hand?

Die Behörde hat laut eigenen Angaben am 25. September – also eine Woche nach dem ersten Vorwurf gegen VW – alle Autobauer informiert, dass sie flächendeckend nach ähnlichen verbotenen Softwareprogrammen suche. Die EPA schreibt dazu: „Diese Tests haben erhebliche Bedenken ausgelöst über das Vorhandensein illegaler Abschalteinrichtungen in zusätzlichen Fahrzeugen von VW-Pkw, Audi und Porsche. (...) Es handelt sich um ein sehr ernsthaftes Thema für das Gesundheitswesen.“

Was sagt der VW-Konzern zu dem Vorwurf?

Der Autobauer teilte noch am Montagabend mit, dass nichts Illegales in den Fahrzeugen stecke: „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.“ Volkswagen werde mit der EPA „vollumfänglich kooperieren“, um alles aufzuklären.

Was ist der Kern des Problems, bei dem Aussage gegen Aussage steht?

Es geht um das komplexe Management für Motor, Getriebe und Abgase. Dabei greifen Softwarelösungen andauernd ein, nicht nur bei VW. Ein Motor muss etwa wissen, in welcher Höhe er unterwegs ist, weil das die Sauerstoffsättigung ändert. Für bestimmte Auslastungsbereiche führt die Steuerung auch Abgase zurück und verbrennt sie erneut.

Warum das geschieht?

Zum Beispiel wegen des Temperaturmanagements oder um gezielt Stickoxide zu reduzieren – ist hoch kompliziert und für Laien nicht zu beurteilen. Die Wolfsburger jedenfalls betonen in Reaktion auf den EPA-Vorwurf, es sei nichts geschehen, „um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Bei dem kleineren Dieselmotor mit 2,0 Liter Hubraum räumte VW die Vorwürfe dagegen ein und gab zu, ein „defeat device“ zu nutzen, als ein Instrument für eine gezielte Veränderungen in der Testsituation. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) spricht dabei von einer „unzulässigen Abschalteinrichtung“.

Wie belegt die EPA, dass es sich um ein „defeat device“ handelt?

Die Behörde sagt, sie habe ihre Testmethoden daraufhin verfeinert, mögliche „defeat devices“ aufzuspüren. Und sie wirft VW vor, die verbotene Software ganz gezielt so ausgelegt zu haben, dass sie die Testprozedur in den USA erkennt und dann eingreift. Und die EPA behauptet, VW habe an der fraglichen Stelle Transparenz vermieden und Informationen zurückgehalten: „Die Software in diesen Fahrzeugen beinhaltet ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle, die der Konzern bei der Zulassung der Modelle nicht offengelegt, beschrieben und begründet hat.“ VW fasst im Konjunktiv zusammen, dass „eine Software-Funktion vorhanden sei, die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei“. Zu dem konkreten Vorwurf der angeblich vorenthaltenen Informationen sagt VW bisher nichts.

Die Schummelsoftware von VW hat das KBA aufgeschreckt – und lässt auch andere Hersteller ins Visier der Kontrolleure geraten. So will die Behörde herausfinden, ob im Markt möglicherweise weitere Manipulationen des Schadstoffausstoßes, insbesondere bei Stickoxiden (NOx), stattfinden.

Offenbar trifft das KBA die Auswahl der Test-Fahrzeugmodelle und Motorkonzepte aber nicht nur auf Basis der Zulassungsstatistik in Deutschland, sondern reagiert auch auf Insider-Tipps aus der Branche. „Verifizierte Hinweise Dritter über auffällige Schadstoffemissionen“, heißt das offiziell.

Mehr als 50 Fahrzeuge verschiedener in- und ausländischer Hersteller mit unterschiedlichen Diesel-Aggregaten werden untersucht. Ihr Schadstoffausstoß wird sowohl auf dem Rollenprüfstand als auch durch Portable Emissionsmesssysteme (PEMS) auf der Straße gemessen. Realitätsnäher und in verschiedenen Situationen und Umgebungen.

Ergebnis: Es wurden teilweise erhöhte Stickoxidwerte bei unterschiedlichen Fahr- und Umgebungsbedingungen festgestellt. Welcher Hersteller mit welchem Modell aufgefallen ist, dazu nennt die Behörde zunächst keine weiteren Details. Aber es werden die zulassungsstarken Modelle genannt, die nachgeprüft werden. Dies sind:

  • Alfa Romeo Giulietta
  • Audi A3, Audi A6
  • BMW 3er, BMW 5er,
  • Chevrolet Cruze
  • Dacia (Motortyp SD)
  • Fiat Panda, Fiat Ducato
  • Ford Focus, Ford C-Max
  • Jeep Cherokee
  • Honda HR-V
  • Hyundai iX35, Hyundai i20
  • Land Rover Evoque
  • Mazda 6
  • Mitsubishi ASX
  • Mercedes C-Klasse, Mercedes CLS, Mercedes Sprinter, Mercedes V-Klasse
  • Mini
  • Nissan Navara
  • Opel Astra, Opel Insignia, Opel Zafira
  • Peugeot 308
  • Porsche Macan
  • Renault Kadjar
  • Smart Fortwo
  • Toyota Auris
  • Volvo V60
  • VW Golf, VW Beetle, VW Passat, VW Touran, VW Polo, VW Golf SportsVan, VW Touareg, VW Amarok, VW Crafter

Außerdem lässt das KBA bislang bewusst offen, ob sich die genannten höheren Schadstoffwerte bei den Nachprüfungen durch die realistischeren PEMS-Messungen ergeben haben oder durch Manipulationen beziehungsweise zu niedrige Falschangaben der Hersteller, ähnlich wie bei VW, ergeben haben.

VW-Skandal

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Bei Volkswagen hatte das KBA am 15. Oktober einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware angeordnet. Demzufolge müssen in ganz Europa 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

Die Flensburger Behörde, die für sämtliche Typzulassungen in Deutschland zuständig ist, setzt aber noch auf Kooperation. Man sei, nachdem rund zwei Drittel aller geplanten Messungen durchgeführt wurden, nun „in Gesprächen mit betroffenen Herstellern und Genehmigungsbehörden“ und werde die neuen Prüfdaten weiter evaluieren, heißt es.

Kommentare (15)

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Herr Knut Aigner

11.11.2015, 13:15 Uhr

Nach dem Titelthema in der neuesten Ausgabe der ADAC Motorwelt sollte das KBA die dort veröffentlichten NOx -Werte aus den ADAC-Ökotests mal ansehen, denn dort sind überwiegend ausländische Fahrzeuge, die die Werte massiv überschreiten, an der Spitze der amerikanische Jeep Grand Cherokee mit mehr als 3000 mg/km (Grenzwert liegt bei 180 mg/km für Euro 6).
Hier sollte das KBA auch mal solch hohe Strafen wie bei VW an die amerikanischen Hersteller aussprechen und einziehen.

Account gelöscht!

11.11.2015, 13:20 Uhr

Und der Vernichtungsfeldzug des Umwelt- und Klima Bundesamt geht weiter. Mit diesen absurden CO2 Abgaswertegrenzen kann das Umwelt -und Klimaamt unsere gesamte Deutsche Wirtschaft zu grunde richten. Und das geschieht auch. Schritt für Schritt werden die Grenzwerte für CO2 nach unten gezogen bis es nach und nach JEDE Wirtschaftsbranche in Deutschland erwischt.
Eine Gesellschaft, die kein CO2 ausstößt ist eine Gesellschaft, in der nur noch Mangel und Armut vorherrschen.
CO2 ist die Basis für unseren Wohlstand. CO2 ist die Basis für unser Leben. Und diese asoziale Umwelt- Klimapolitik einer CO2 freien Gesellschaft will uns als Deutsche Gesellschaft mit ihren absurden und asozialen Grenzwerten das Licht ausdrehen.
Bin mal gespannt, wann die Deutsche Wirtschaft und vor allen der Mittelstand und das Handwerk auf die Barrikaden geht und sich gegben diese CO2 freie Bedrohung wehrt. Mit der AfD hätte die Wirtschaft, der Mittelstand und das Handwerk eine politische Partei, die genau gegen diesen Schwachsinn der CO2 freien Gesellschaft vorgeht. Und dem CO2 Ausstoss Diktat der grün-sozialistischen Mangel und Armutsregierung unter der Führung von Merkel ein Ende setzen will. Danke!

Herr walter rehm

11.11.2015, 13:22 Uhr

Die Abgas"nummer" ist durch. Interessiert nicht mehr wirklich, es wissen sowieso alle Autofahrer das der angegebene Verbrauch niemals erreicht wird.
Man gewöhnt sich einfach daran, das irgendwie sowieso alles "manipuliert" ist. Konsequenzen wo, wer, wann? Ein paar Rücktritte, aber ansonsten ist der Verbraucher der Dumme, der dafür zahlt.
VW hat wohl am meisten "manipuliert" und die Aktie hat über 60 % verloren, aber
bei BMW und Daimler brummt das Geschäft weiterhin. In ein paar Wochen ist es wieder alles vergessen. Auch die VW Aktie ist heute wieder stark im Plus.

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