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04.04.2012

10:10 Uhr

Hohe Spritpreise

Tanktourismus trotz hoher Benzinpreise oft nicht rentabel

Quelle:dpa

Mal eben in der Schweiz oder in Polen billig tanken gehen - das ist trotz hoher Benzinpreise in Deutschland nicht immer rentabel. Tanktourismus lohnt sich nur für die Autofahrer, die ohnehin durch das Land fahren.

Polnische Tankstelle, deutsche Autos: Die hohen Spritpreise fördern den Tanktourismus. Doch nicht immer lohnt die Fahrt über die Grenze. dpa

Polnische Tankstelle, deutsche Autos: Die hohen Spritpreise fördern den Tanktourismus. Doch nicht immer lohnt die Fahrt über die Grenze.

KonstanzDenn jede Fahrt verursacht Kosten. "Ich verbrauche Sprit, wenn ich da hin fahre, ich brauche Zeit dafür, ich muss die Abnutzung des Autos mit einrechnen", sagt Reimund Elbe vom ADAC in Stuttgart. Die Faustregel beim ADAC laute: Alles, was weiter als 30 Kilometer weg ist, rentiere sich kaum. "Als Rottweiler auf die Idee zu kommen - ich fahre nach Kreuzlingen, tanke da voll und fahre zurück - das lohnt sich nicht."

Den durchschnittlichen Preis für einen Liter Super in der Schweiz gibt der Automobilclub derzeit mit 1,51 Euro an. In Österreich zahle man dafür durchschnittlich 1,40 Euro, in Frankreich 1,54 Euro. Früher konnte der Preisunterschied zwischen Deutschland und der Schweiz bei bis zu 30 Cent liegen.

Wie sich der Benzinpreis zusammensetzt

Steuern und Einkaufspreis

Der Benzinpreis an der Tankstelle setzt sich überwiegend aus Steuern und dem Einkaufspreis am europäischen Großmarkt für Ölprodukte in Rotterdam zusammen.

Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer

Je Liter Benzin werden festgeschriebene 65,5 Cent Mineralölsteuer fällig, außerdem werden 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben.

Deckungsbeitrag

Zieht man noch den Einkaufspreis ab, der im Januar - dies sind die neuesten Daten - durchschnittlich bei 56,1 Cent lag, bleibt in der Rechnung des Branchenverbandes der sogenannte Deckungsbeitrag (Januar: 10,8 Cent). Daraus müssen auch die Kosten für die Tankstelle, Transport, Lagerung, Werbung, Verwaltung und die Beimischung von Biokomponenten gedeckt werden.

Gewinnerwartung der Konzerne

Als Gewinn streben die Ölgesellschaften einen Cent je Liter an.

Erhöhung der Bruttomarge

In der aktuellen Studie des Energieexperten Steffen Bukold wird geschrieben, dass sich die Bruttomarge der Mineralölwirtschaft (Tankstellenpreis minus Rohölpreis) von 11,5 Cent Ende November 2011 auf 16,3 Cent je Liter Superbenzin Anfang März erhöht habe. Darin ist nicht nur der Gewinn der Tankstellen enthalten, sondern ebenso die Marge der Raffinerien. Bei der abweichenden Darstellung der Mineralölwirtschaft ist der Gewinn der Raffinerien in der Position der Einkaufskosten enthalten.

Mitte vergangenen Jahres stieg der Schweizer Benzinpreis - bedingt durch den starken Franken - dagegen sogar auf einen höheren Wert als auf deutscher Seite. Die Folge: Der Tanktourismus kehrte sich auf einmal um - und die Schweizer tankten billiger in Deutschland. Keine Überraschung: Der Höhenflug bei den Benzinpreisen veranlasst viele Verbraucher zum Umdenken. So achten angesichts der Rekordstände an den Zapfsäulen zwei Drittel auf einen möglichst spritsparenden Fahrstil, wie aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins "Stern" hervorgeht.

Vier von zehn Befragten erklärten zudem, derzeit auch öfter das Auto stehen zu lassen. 28 Prozent steigen demnach aufs Rad um oder nutzen stärker als bislang Bus und Bahn (15 Prozent). Knapp jeder Fünfte (18 Prozent) gab laut Umfrage an, er würde sich in anderen Bereichen einschränken, um den Sprit bezahlen zu können. Fast jeder dritte Autofahrer erwägt demnach sogar, auf ein Auto mit niedrigem Verbrauch umsteigen zu wollen.

So wehren sich Autofahrer gegen hohe Benzinpreise

Niedrige Motordrehzahl

„Ein Wert von unter 2000 Umdrehungen ist ideal“, erklärt Norbert Hartmann vom Auto Club Europa (ACE). Bei Tempo 30 heißt das, in den dritten, bei 40 in den vierten und ab 50 in den höchsten Gang wechseln. „Beim Rollen des Autos unbedingt den Gang drin lassen und nicht die Kupplung treten“, rät Hartmann. „Geht man nur vom Gas, wechselt das Auto in den Schubbetrieb. Dadurch sinkt der Spritverbrauch auf null.“

Motor aus

Den Motor an einer Ampel auszuschalten, lohnt sich. Die Angst vieler Fahrer, der Motor nehme dadurch Schaden, sei unbegründet, erklärt ACE-Experte Norbert Hartmann. Allerdings muss man ihm trauen, denn er sagt selbst: „Es gibt keine Studie, die das belegt.“

Bei voraussichtlichen Standzeiten ab zehn Sekunden lohnt es sich, den Motor abzuschalten. Beim Anlassen kein Gas geben.

Kofferraum entrümpeln

Unnötiger Ballast im Auto ist ein echter Spritfresser, ebenso wie Dachgepäckträger vom letzten Ausflug. Schon eine Kofferraum-Zuladung von 100 Kilogramm bedeute für ein 1,5 Tonnen schweres Auto einen Mehrverbrauch von bis zu 6,7 Prozent. Auch für die Fenster gilt: Bei schneller Fahrt Luken dicht. Denn bei geöffneten Fenstern erhöht sich der Luftwiderstand.

Nicht freitags tanken

Der ADAC hat den teuersten Wochentag analysiert: Das ist oft der Freitag. Der preiswerteste Tag ist meist Sonntag.

Auf Mitfahrer setzen

Sparen lässt sich, indem man teilt. Im Trend liegen Car-Sharing-Angebote. So wird die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen auf neudeutsch bezeichnet. In vielen Großstädten gibt es schon diese Angebote. Beispiel: Drive Now in Berlin. Einmalige Aufnahmegebühr 29 Euro, dann pro gefahrene Minute 19 Cent (inkl. Sprit, Versicherung und Parken).

Rechnet sich Hybrid-Antrieb?

Die in der Anschaffung noch teure Technik rechnet sich nur, wenn man meist in der Stadt unterwegs ist. Wer als Vielfahrer meist Autobahn und Landstraße fährt, liegt beim Diesel besser.

Bringen teure Supersprit-Sorten was?

Nein. ADAC und Auto Bild haben es nachgewiesen. Immerhin: Wer von Super E5 auf E10 umsteigt, spart 3 Cent pro Liter. Wichtig: Vorher beim Hersteller abklären, ob das Auto den höheren Ethanolanteil auch wirklich verträgt.

Fahrgemeinschaften bilden

Die ältesten Ideen müssen nicht die schlechtesten sein. Online-Mitfahrzentralen findet man im Internet: Mitfahrzentrale.de , Pendlerportal.de oder Mitfahrgelegenheit.de. Dort können Fahrer ihre Strecke in eine Datenbank eingeben und Mitfahrer nach passenden Angeboten suchen - die Kosten für den Weg werden dann geteilt. So kommen alle meist deutlich günstiger ans Ziel.

Fahrer und Mitfahrer können die Entfernungspauschale steuerlich geltend machen. Aber bitte im Eigeninzteresse darauf achten, dass eine Insassen-Unfallversicherung besteht.

Umstieg auf Diesel oder Elektro?

Da Elektroautos im Durchschnitt rund 12.000 Euro teurer sind als vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor und es keine echte Ladesäulen-Infastruktur gibt, gilt: abwarten. Bei Diesel liegt die Sache anders, er ist rund 14 Cent pro Liter billiger als Super. Wer mehr als der Durchschnitt (15.000 km/Jahr) fährt, hat die etwas höheren Anschaffungskosten bald wieder drin.

Discount-Tankstellen

Hier kosten Benzin und Diesel von gleicher Qualität häufig zwischen 2 und 4 Cent weniger als an Markenstationen. Außerdem sind die Kraftstoffpreise in ländlichen Regionen meist niedriger als in Städten oder an Autobahntankstellen, wo das Tanken am teuersten ist. Daraus ergeben sich im bundesweiten Preisvergleich Differenzen von bis zu 10 Cent pro Liter.

Aber Achtung: Extratouren zu einer günstigen Tankstelle sind in der Regel unsinnig. Wer sich eigens auf den Weg macht, um zum Beispiel einen Preisvorteil von 3 Cent auszukosten, und 50 Liter tanken will, spart rein rechnerisch 1,50 Euro. Das entspricht ungefähr einem Liter Kraftstoff, mit dem viele Autos keine 15 Kilometer weit kommen. Berücksichtigt man noch den Fahrzeugverschleiß, rentieren sich bestenfalls 10 Kilometer Umweg, um an möglichst günstigen Sprit zu kommen.

Tempo drosseln

Das Fahrtempo auf Autobahnen sollte maximal 120 km/h betragen. Ab 100 km/h treibt der Luftwiderstand den Verbrauch überproportional in die Höhe. In dichtem Verkehr möglichst selten zu bremsen und wieder anzufahren, zahlt sich mit Blick auf den Verbrauch ebenfalls aus.

Reifendruck & Leichtlauföl

Ein erhöhter Reifendruck von maximal 0,5 bar über den Herstellerempfehlungen bringt bei gemäßigter Fahrweise eine Spritersparnis von bis zu drei Prozent. Weitere zwei bis fünf Prozent sind mit Leichtlaufmotoröl möglich, das bedenkenlos in Autos verwendet werden kann, die jünger als zehn Jahre sind.

Eine große Mehrheit der Befragten (70 Prozent) spricht sich dafür aus, die Mineralölsteuer zu senken. Verantwortlich für die höchsten Spritpreise aller Zeiten sind nach Ansicht der meisten Bürger allerdings die Ölkonzerne (72 Prozent). Etwa jeder fünfte (23 Prozent) sieht die internationale Wirtschaftslage als Verursacher. 7 Prozent sind der Ansicht, Tankstellenpächter würden and der Preisschraube drehen.

Kommentare (1)

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esboern

04.04.2012, 19:55 Uhr

Im Ausland sind die meisten Produkte auch noch billiger als in D, da nimmt man auch noch was mit. Denken u. Rechnen ist für unsere Eliten u. Politiker nicht notwendig, zahlt ja alles der Steuerzahler.

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