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22.12.2015

12:28 Uhr

Japan und seine Kei-Cars

Das ganz kleine Autoglück

VonPeter Eck
Quelle:Spotpress

Hier könnte die deutsche Politik noch lernen: In Japan kann man exemplarisch sehen, wie durch Bevorzugung und Anreizpolitik eine ganze Fahrzeugart entsteht und wächst. Trotz ihrer winzigen Abmessungen sind Kei-Cars hier ganz groß.

Kurz und schmal, mit ungewöhnlichen Formen und in ungeheurer Vielfalt – das sind japanische Kei-Cars. Suzuki

Das sind japanische Kei-Cars:

Kurz und schmal, mit ungewöhnlichen Formen und in ungeheurer Vielfalt.

Andere Länder, andere Fahrzeuge: Wer sich als Tourist über Westeuropa hinauswagt, merkt schnell, dass die globale Autowelt vielfältiger ist, als es unsere ewigen Kompaktwagen mit Heckklappe, Mittelklasse-Kombis und Pseudo-Geländewagen vermuten lassen. In den USA zum Beispiel finden sich neben jeder Menge Pick-ups im Mittelwesten auch überraschend viele Vans (Mums Cars) in den Städten. In Russland gilt man scheinbar – zumindest ab einer gewissen Status- und Einkommensklasse – nur etwas, wenn man ein riesiges schwarzes Luxus-SUV  mit maximal verdunkelten Scheiben fährt. In anderen Ländern dominieren Marken, die sich bei uns zurückgezogen haben.

Als Beispiel sei hier Chevrolet erwähnt, deren Produkte zum Beispiel das zentralasiatische Usbekistan dominieren. Doch in kaum einem anderen Land – noch nicht einmal in China oder Korea - wirkt das Straßenbild auf den europäischen Betrachter so irritierend, wie ausgerechnet im wirtschaftlich ja nach westlichen Werten ausgerichteten Japan. Dort fahren dem Betrachter ständig Fahrzeuge über den Weg, die wie vergrößere Versionen von „Mein erstes Auto“ wirken: Kurz und schmal, mit ungewöhnlichen Formen und in ungeheurer Vielfalt.

Solche Fahrzeuge zählen zum Segment der sogenannten Kei-Cars. Als Nippon-Besucher huscht einem bei deren Anblick schnell ein leicht abschätziges Lächeln übers Gesicht, Tatsächlich sind diese Fahrzeuge aber ein typisches Beispiel dafür, wie praktisch man in Japan Probleme angeht. Wie so Vieles in diesem Land sind auch Kei-Cars letztlich ein Produkt des ewigen Platzmangels. Man muss wissen: Die Bevölkerungsdichte liegt schon durchschnittlich um rund 50 Prozent über der im dicht besiedelten Deutschland. Da aber praktisch nur die Küsten wirklich besiedelt sind und dort alle großen Städte zu finden sind, herrscht im urbanen Japan stets eine drangvolle Enge.

Nissan Dayz Roox : Platz ist in der kleinsten Hütte

Nissan Dayz Roox

Platz ist in der kleinsten Hütte

Sie sind zwar winzig klein, aber auf den Straßen von Japan eine richtig große Nummer: Fast jedes zweite Auto in Tokio oder Hiroshima ist ein Kei Car. Und mit einem der coolsten von ihnen ist der Nissan Dayz Roox.

Da lag die Idee nahe, Autos möglichst klein und schmal zu halten und den Kauf solcher Fahrzeuge mit Anreizen zu versehen. So entstanden die Kei-Cars (von: keijidoshu“ = leichtes Automobil), die heute nicht länger als 3,39 Meter sein dürfen (rund 60 cm kürzer als ein VW Polo) und nicht breiter als 1,475 Meter. Zudem darf der Motor nicht mehr als 660 ccm haben und höchstens 47 kW/64 PS leisten. Die Abmessungen wurden im Laufe der Zeit stufenweise nach oben angepasst, zuletzt 1998. Ein Kei-Car aus dem Jahr 1949 zum Beispiel wirkt aus heutiger Sicht mit seiner Maximallänge von 2,80 Meter und einer Breite von gerade mal einem Meter tatsächlich wie ein etwas zu groß geratenes Spielzeug.

Obwohl auch heute noch klein in Abmessungen und Motorleistung, haben die Kei-Cars in Japan große Bedeutung. Der auch bei uns bekannte Hersteller Suzuki zum Beispiel verkaufte im vergangenen Jahr in Japan 756.000 Fahrzeuge, der größte Teil davon waren Kei-Cars (697.000). Die aus unserer Sicht maximal als Kleinstwagen einzustufenden Autos werden von ihren Fahrern nicht allein aus Kostengründen geliebt. Natürlich sind sie preiswerter als ein Kompakt- oder Mittelklassemodell, vor allem aber benötigt man für sie nicht den ansonsten vorgeschriebenen Nachweis eines Parkplatzes. Und einen Steuerabschlag gibt es auch. Das gesparte Geld wird gerne in Ausstattung investiert. Und daher gibt es bei Kei-Cars eine ungeheure Vielfalt und überraschend viel Ausstattung. Man findet Versionen mit Allradantrieb genauso wie welche mit Xenon-Licht, Automatikgetriebe, elektrischen Schiebetüren oder sogar mit einem automatischen Bremssystem.

Kei-Cars – wie auch der Suzuki Lapin - dürfen heute nicht länger als 3,39 Meter nicht breiter als 1,47 Meter sein. Suzuki

Kei-Cars – wie der Suzuki Lapin - dürfen nicht länger als 3,39 Meter nicht breiter als 1,47 Meter sein.

Zudem darf der Motor nicht mehr als 660 ccm haben und höchstens 47 kW/64 PS leisten.

Suzuki schafft es zum Beispiel, auf einer Kei-Car-Plattform sechs verschiedene Karosserieversionen aufzubauen. Da gibt es mit dem Hustler eine Art SUV- Minivan, auf Wunsch sogar mit Allradantrieb. Der Lapin ist dagegen vor allem bei Japanerinnen beliebt, ihn gibt es in verschiedenen Bonbontönen und mit einer versteckten Schublade für Schmuck, wobei man sich natürlich fragt, ob diese Schublade nicht jedem Dieb dann doch bekannt sein müsste. Sitzbezüge mit Blumenmustern unterstreichen, dass zwischen dem Geschmack einer Europäerin und einer Japanerin tatsächlich noch mehr liegt, als zehn Stunden Flug.

Auch hierzulande nicht ganz unbekannte Namen finden sich unter den Kei-Cars. Der Suzuki Wagon R trägt hier den Zusatznamen „Stingray“ (Stachelrochen), eine Ähnlichkeit des Minivans mit dem Tier ist allerdings auf Anhieb nicht zu erkennen. Dafür gibt es eine umfangreiche Ausstattung mit Navigation, Heckkamera und sogar LED-Scheinwerfern.

Auch den Jimny findet man unter den Kei-Cars, hier handelt es sich allerdings nicht um den in Deutschland seit nun schon 17 Jahren angebotenen Geländewagen-Klassiker, sondern um eine Mini-Version, mit Allradantrieb und durchaus kerniger Grundauslegung. Den bei uns ebenfalls bekannten Alto gibt es hier auch in einer Kleinstwagen-Version. Als Alto Turbo RS deckt er den sportlichen Teil der Kei-Cars-Flotte ab.

Suzuki verkaufte im vergangenen Jahr in Japan 756.000 Fahrzeuge, der größte Teil davon waren Kei-Cars (697.000). (Hier: Suzuki Stingray Wagon R)  Suzuki

Suzuki Stingray Wagon R

Suzuki verkaufte im vergangenen Jahr in Japan 756.000 Fahrzeuge, der größte Teil davon waren Kei-Cars (697.000).

Allerdings sollte man sich von der leicht martialisch anmutenden Bezeichnung nicht irritieren lassen. Auch im Alto arbeitet der gleiche auf 660 ccm beschränkte Motor, wie in allen anderen Kei-Cars der Marke: drei Zylinder, variable Ventilsteuerung und meist mit den maximal möglichen 64 PS.

Auch wenn diese Fahrzeuge optisch wie technisch nur den sehr speziellen japanischen Markt bedienen, ist es doch faszinierend, welche Vielfalt die Hersteller auf die Räder stellen. Wobei Fahrzeuge wie der mit sportlichen Rallyestreifen versehene Alto Turbo RS oder der Geländewagen-Mini Jimny natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch ein Kei-Car-Spezialist wie Suzuki nicht zaubern kann. Für Preise knapp jenseits der 10.000 Euro gibt es zwar putzige Karosserien, aber die Verarbeitung ist lässig, im Innenraum ist es laut  und die Automatikgetriebe schalten alles andere als sanft.

Da ein Fahrzeug wie der Alto allerdings mit Fronantrieb nur 670 Kilo leer wiegt, hat der kleine Dreizylinder keine Mühe, für flotte Vorwärtsbewegung zumindest bis 70 km/h zur sorgen. Im knapp unter eine Tonne wiegenden Jimny, muss sich das Aggregat schon vernehmlich mehr anstrengen.

Auch den Jimny findet man unter den Kei-Cars, hier handelt es sich allerdings nicht um den in Deutschland seit nun schon 17 Jahren angebotenen Geländewagen-Klassiker, sondern um eine Mini-Version. Suzuki

Auch den Jimny findet man unter den Kei-Cars:

Hier handelt es sich allerdings nicht um den in Deutschland seit nun schon 17 Jahren angebotenen Geländewagen-Klassiker, sondern um eine Mini-Version.

Doch geht es bei Kei-Cars ja auch nicht um Geschwindigkeit und auch nicht in erster Linie um Fahrkomfort. Relativ günstige Preise, Steuerabschläge und der Wegfall des Parkplatznachweises zählen hier viel mehr. Kei-Car-Hersteller wie Daihatsu oder Suzuki versüßen den Verzicht auf mehr Auto zusätzlich mit einer großen Karosserievielfalt, viel Praktikabilität, überraschenden Extras und einer ausgeklügelten Raumausnutzung, die in manchen Varianten wie dem Suzuki Mini-Van Spacia sogar vier Erwachsenen kommodes Reisen ermöglicht.

Übrigens: So ganz unbekannt sind Kei-Cars hierzulande dann doch nicht. Bei Fahrzeugen wie dem wie aus einem Micky-Maus-Heft entsprungen wirkende Mini-Roadster Copen der inzwischen aus Westeuropa verschwundenen Marke Daihatsu oder dem früheren Suzuki Wagon R+ handelte es sich um nichts anders als Kei-Cars, die in Europa lediglich mit stärkeren Motoren angeboten wurden. Dass beide inzwischen vom Markt verschwunden sind unterstreicht allerdings, dass es sich bei dieser Fahrzeugart wohl doch um ein sehr japanisches Phänomen handelt.

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