Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.08.2013

16:39 Uhr

Kältemittel-Streit

Freie Fahrt für Daimler in Frankreich

Etappensieg für Daimler im Kältemittel-Streit: Das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs hebt den Zulassungsstopp für mehrere Mercedes-Modelle auf. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.

Daimler will das von der EU befürwortete Kältemittel R1234yf nicht einsetzen, weil es sich in Tests als brandgefährlich und ätzend herausstellte. dpa

Daimler will das von der EU befürwortete Kältemittel R1234yf nicht einsetzen, weil es sich in Tests als brandgefährlich und ätzend herausstellte.

Paris/DüsseldorfDer in Frankreich verhängte Zulassungstopp für mehrere Mercedes-Modelle wird höchstgerichtlich aufgehoben. Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht, der Staatsrat in Paris, befasste sich mit dem Antrag von Daimler auf einstweilige Verfügung und traf am Dienstag die entsprechende Entscheidung. Der deutsche Hersteller hat damit erfolgreich die bislang verweigerte Zulassung der neuen Mercedes-Modelle A, B, CLA und SL erzwungen. Rund 4.500 Fahrzeuge konnten deswegen nicht ausgeliefert werden.

Die Justiz ordnete an, dass die Fahrzeuge bis zu einer endgültigen Entscheidung wieder zugelassen werden. Dies solle innerhalb der nächsten 48 Stunden geschehen. Daimler fühlt sich dadurch bestärkt: „Wir freuen uns sehr, dass der Conseil d'Etat unsere Rechtsauffassung bestätigt hat.“ Das Gericht begründete seine Entscheidung unter anderem mit den wirtschaftlichen Folgen für den Autobauer. Zudem wurde auf die geringe Auswirkung auf die Umwelt hingewiesen. Weniger als sechs Prozent der neuen Modelle und unter zwei Prozent der 2013 in Frankreich zugelassenen Fahrzeuge seien betroffen.

Von der französischen Regierung gab es zunächst keine Stellungnahme. Nach seiner einstweiligen Verfügung muss das oberste Verwaltungsgericht nun noch in der Hauptsache entscheiden. Am Dienstag gab es noch keinen Hinweis auf einen Zeitpunkt für das Hauptverfahren. Bis zu einer endgültigen Entscheidung könnten Monate vergehen, hieß es.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Die französische Regierung hatte Mitte Juni einen Zulassungsstopp für die Mercedes-Modelle verhängt. Hintergrund ist ein Streit um Tetrafluorpropen (R1234yf), das als Kühlmittel in Auto-Klimaanlagen eingesetzt wird und in der EU für Neuwagen eigentlich vorgeschrieben ist. Daimler weigert sich, es einzusetzen, weil es bei schweren Unfällen zu Bränden führen könne. Das herkömmliche Kühlmittel Tetrafluorethan (R134a), auf das Daimler deswegen weiter setzt, gilt allerdings als klimaschädlicher als das alte Mittel. Wegen der Zulassung der Modelle in Deutschland droht Berlin im Extremfall ein EU-Vertragsverletzungsverfahren.

Schon Ende Juli hatte Daimler in Frankreich einen juristischen Erfolg verbucht: Das Verwaltungsgericht von Versailles hob den Zulassungsstopp vorerst auf. Das französische Umweltministerium aktivierte aber daraufhin eine in einer EU-Richtlinie vorgesehene Schutzklausel. Dagegen zog Daimler Anfang August vor den Staatsrat.

Der erbitterte Streit um das Gefahrenpotenzial des neuen Kältemittels R1234yf für Autoklimaanlagen tobt seit Monaten zwischen dessen Herstellern, den US-Chemieriesen Honeywell und Dupont, sowie der EU-Kommission, der französischen Regierung und ausländischen Automobilkonzernen auf der einen und den deutschen Autoherstellern VW, Daimler und BMW auf der anderen Seite.

Das deutsche Kraftfahrtbundesamt (KBA) hatte nach eigenen Tests in einem Zwischenbericht an die EU-Kommission je nach Unfallkonstellation und Fahrzeugkonstruktion ein gewisses Risiko von R1234yf durch möglicherweise erhöhte Brandgefahr nicht ausgeschlossen. Für eine abschließende Beurteilung forderte die Behörde daraufhin die EU auf, weitere Untersuchungen zu veranlassen.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

K.West

27.08.2013, 15:33 Uhr

Wow,... jetzt werden alle Modelle verkauft,
bevor es in Revision geht. Das dürfte die
Konjunktur noch zeitig vor der Wahl antreiben.

Ob dies die neuen Enthüllungen
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bezug-zu-deutschland-greenwald-verspricht-neue-enthuellungen/8698900.html
oder die Syrien-Kampfbeteiligungen
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/drohender-militaerschlag-ploetzlich-in-der-kampfzone/8699098.html
kompensiert?

Bedauerlicherweise interessiert es die 80,5 Millionen Terroristen in Deutschland nicht
http://www.handelsblatt.com/technologie/das-technologie-update/themen-und-termine/neue-statistik-80-5-millionen-menschen-leben-in-deutschland/8697728.html
die jährlich sich 4 Milliarden € lt. Corporate Trust Studie durch Wirtschafts- und Industriespionage aus den Taschen ziehen lassen.

Account gelöscht!

27.08.2013, 16:32 Uhr

Was? gewonnen? Menschenleben zählen mehr als das Klima. Kann doch nicht sein. Hier sollten die Grünen sofort in Revision gehen.

Und zum Urteil: Die tolle EU hatte sich eindeutig auf Seiten der Frösche geschlagen. Aber Brüssel steht ja sowieso über jeglichem Recht.

Numismatiker

27.08.2013, 16:35 Uhr

@K.West

"...bevor es in Revision geht." Geht es nicht, denn die Entscheidung wurde höchstrichterlich (s. Artikel) getroffen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×