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22.09.2015

14:04 Uhr

Krise bei Volkswagen

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum „Dieselgate“

Muss Winterkorn gehen, oder aufklären? Prüft Dobrindt jetzt alle deutschen Diesel? Und warum würden VW sogar 18 Milliarden nicht weh tun? Ein Überblick über den Stand der Diesel-Affäre – und einige offene Fragen.

Dem Volkswagen-Konzern drohen hohe Geldbußen, Marktanteilsverluste, Imageschaden und Sammelklagen in den USA: Die Manipulation von Software um die Ergebnisse von Prüfstandmessungen bei Abgasunteruchungen zu schönen hat weitreichende Konsequenzen für den Autohersteller, der sich im US-Geschäft ohnehin schwer tut. AFP

Volkswagen T1 "Bulli" Baujahr 1951

Dem Volkswagen-Konzern drohen hohe Geldbußen, Marktanteilsverluste, Imageschaden und Sammelklagen in den USA: Die Manipulation von Software um die Ergebnisse von Prüfstandmessungen bei Abgasunteruchungen zu schönen hat weitreichende Konsequenzen für den Autohersteller, der sich im US-Geschäft ohnehin schwer tut.

Wackelt Winterkorn?
Am Mittwoch kommt der VW-Aufsichtsrat zu einer Krisensitzung zusammen, um über die Affäre zu beraten. Ende der Woche tagt das Gremium turnusmäßig. Ob es bis dann personelle Konsequenzen gibt, ist noch nicht klar. Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Instituts der Ruhr-Uni Essen-Duisburg, und nicht unbedingt als Freund des Wolfsburger Konzerns bekannt, forderte bereits Winterkorns Rücktritt. VW­Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte, er stehe zu Winterkorn und erklärte gleichzeitig, dass der an der Spitze stehe und das Thema aufklären müsse. Wenn herauskommen sollte, dass Winterkorn an dem Skandal beteiligt ist, werde dieser von alleine zurücktreten. Der „Tagesspiegel“ meldete am Mittag, Winterkorn solle am Freitag von Porsche-Chef Matthias Müller abgelöst werden. Ein VW-Sprecher bezeichnete die Meldung als „Schwachsinn“.

Könnte VW die Milliardenstrafe zahlen?
VW könnte die Strafe aus den Liquiditätsreserven von 21 Milliarden Euro zahlen. Doch bei Verfahren mit US-Behörden müssen beschuldigte Firmen meist nicht die Maximalstrafe zahlen. Viel hängt davon ab, wie reumütig sich das Unternehmen zeigt. Hinzu kommen allerdings noch Rückrufkosten sowie mögliche Regressansprüche von enttäuschten Kunden und Aktionären. Noch nicht abschätzbar ist der Imageschaden für VW und die Diesel-Technologie.

Was wird Volkswagen vorgeworfen?
Der größte europäische Autohersteller hat zugegeben, mit Hilfe einer versteckten Software die Resultate von Abgasuntersuchungen bei Diesel­Fahrzeugen in den USA manipuliert zu haben. Laut der Umweltbehörde EPA hat sich das Programm nur bei offiziellen Emissionstests selber aktiviert und dann niedrigere Werte vorgetäuscht. Aufgefallen sind Fahrzeuge der Baujahre 2009 bis 2015, unter anderem der für VW in den USA wichtige Jetta, der Golf, Beetle, Passat und der A3 der VW-Tochter Audi. Theoretisch drohen dem Konzern nun Strafzahlungen von bis zu rund 18 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro).

Wie wurde manipuliert?
Abgastests laufen nach einem festen Schema ab, unter Laborbedingungen auf einem Prüfstand. Dort wird eine festgelegte Abfolge von Stadt­ und Überlandfahrten, Brems- und Beschleunigungsmanövern simuliert. Die Manipulationssoftware erkannte, wann dieser Prüfzyklus lief, und sorgte dafür, dass die Abgasaufbereitung in vollem Umfang funktionierte, also möglichst wenig Stickoxide in die Umwelt gelangten. Wenn der Test zu Ende war, schaltete der Motor wieder auf Normalbetrieb um, und die Abgaswerte stiegen – nach EPA-Angaben zum Teil bis auf das 40-fache der erlaubten Grenzwerte.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Die Vorgaben in Deutschland

Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

Wer testet?

Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

Kritik an Prüfung

Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

Weitere Prüfungen

Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

Geplante neue Prüfmethode

Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Ist das Phänomen neu?
Tricksereien bei der Ermittlung von Verbrauchs- und Abgaswerten bei Pkw sind seit Jahren üblich. Die europäische Nicht-Regierungsorganisation ICCT (International Council of Clean Transportation) hat in eigenen Tests dokumentiert, dass die Abweichungen der Prüfstandwerte zu den real gefahrenen Werten größer werden. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatte schon im Mai 2013 mit Bezug auf eine Studien der ICCT und des ADAC auf die Manipulationen durch Bordcomputer aufmerksam gemacht. Dem Münchener Autoclub fallen nach eigenen Angaben seit Jahren Abweichungen bei Abgastests in Deutschland auf. Seit 2003 überprüfe man jährlich 150 Autos auf Schadstoffe, und bei Dieselfahrzeugen kämen immer wieder Abweichungen von den aktuellen Euro-Grenzwerten vor.

Warum ist der Zeitpunkt des Skandals so ungünstig?
Nordamerika ist für VW so eine Art Wanderbaustelle mit chronisch schwachen Absatzzahlen. Im Zeitraum von Januar bis August 2015 lag die VW­Pkw­Sparte in den USA mit 238.100 verkauften Pkw bisher 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert. Alle Konzernmarken zusammen lagen bei 405.400 Fahrzeugen ­ ein Plus von 2,7 Prozent. Gerade in Nordamerika wollte sich die Marke nun stärker ins Zeug legen. Bis 2018 erhofft sich der Konzern nämlich einen Absatz von bis zu 800.000 Fahrzeugen. Mit den jetzt entstandenen tiefen Kratzern im Image wird das schwer. Gerade mit den TDi-Direkteinspritzern wirbt der Konzern massiv in den USA für „Clean Diesel“. Zeitlich fällt der Skandal mit der Präsentation des 2016er US-Passat zusammen.

Warum die VW-Manager jetzt besonders gejagt werden

Video: Warum die VW-Manager jetzt besonders gejagt werden

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Kommentare (35)

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Herr Franz Paul

22.09.2015, 14:19 Uhr

Der Grund für die Aktion ist, dass es der US-Autoindustrie nach wie vor nicht gelingt, einen effizienten Diesel-Motor zu entwickeln. Deshalb haben sie schon den Hype um die Elektromobilität ausgerufen, damit wieder alle von vorn anfangen sollen. Das hat nicht funktioniert, Tesla als "erfolgreichster" E-Mobil-Hersteller hat noch nie Geld verdient und lebt nur von massiven Subventionen. Jetzt will man den Diesel weghaben und weiter altmodische, spritfressende Benzin-V8 bauen, weil man sonst nichts kann.

Herr Harald Meier

22.09.2015, 14:25 Uhr

Ach, das war der Grund für die Software-Aktion. VW wurde quasi gezwungen zu betrügen?
Klingt logisch.

Herr Otto Lehmann

22.09.2015, 14:29 Uhr

Auch nur ganz normale Menschen bei VW und keine Top Manager.

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