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06.10.2015

19:43 Uhr

Motoren-Entwickler in Aachen

„Der Diesel wird nicht aussterben“

VonLukas Bay

Die Manipulationen bei VW werden zur Belastung für die Autobauer. Beim „Aachener Kolloquium“ diskutiert die Branche über den Diesel-Skandal. Doch die meisten verteidigen die umstrittene Technologie weiterhin.

Der VW-Skandal um manipulierte Abgaswerte ist am Rande des Kolloquiums überall präsent. dpa

Reizthema Diesel

Der VW-Skandal um manipulierte Abgaswerte ist am Rande des Kolloquiums überall präsent.

AachenDer Diesel hat harte Tage hinter sich. Seit bei Volkswagen die Abgasmanipulationen an Diesel-Motoren aufgedeckt wurden, wächst täglich die Kritik. In den Autokonzernen geht die Furcht um, selbst in den Skandal hineingezogen zu werden. Einige distanzieren sich, die meisten schweigen. Doch in diesen Tagen gibt es einen Ort, an dem der Stolz auf die deutsche Ingenieurskunst und den Dieselmotor noch lebt.

In Aachen treffen sich derzeit 1.800 Ingenieure aus 30 Ländern zum größten europäischen Kongress der Branche, dem „24. Aachener Kolloquium“. Trotz der widrigen Umstände sind alle großen Zulieferer und Hersteller dabei: BMW, Daimler, Continental, Bosch - und selbst VW. Hier in der Stadt, in der viele wichtige Entwickler der deutschen Autoriesen ihr Studium an der RWTH absolviert haben, ist das Selbstbewusstsein der Branche noch nicht erschüttert.

Schon bei der Begrüßung wiegelt RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg die Diskussionen um den Dieselskandal ab. „Das war ein Unfall“, erklärt er. Ein Unfall, der mit einer Geschwindigkeitsüberschreitung vergleichbar sei. Nun sei es an den Zuständigen, die Unfallstelle abzusichern – alle anderen sollten besser nicht zu viel gaffen. Stattdessen zeigt der Rektor ein bisschen Mitgefühl. „Ich möchte nicht in der Haut des Verantwortlichen gesteckt haben“, sagt er. Auch an der RWTH sei die Abwägung zwischen dem technisch Machbaren und dem wirtschaftlich Möglichen stets präsent.

Der VW-Abgasskandal - eine Chronik

Freitag, 18. September

Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Samstag, 19. September

Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

Sonntag, 20. September

Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilte er mit und erklärt das Thema zur „höchsten Priorität“. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Montag, 21. September

Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind dort Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn: „Wir haben Mist gebaut.“

Dienstag, 22. September

Auch in Absatzmärkten außerhalb der USA gibt es Forderungen, Klarheit über das Ausmaß der Affäre zu schaffen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung.

Mittwoch, 23. September

Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Der Aufsichtsrat kündigt eine Entscheidung über die Nachfolge an.

Donnerstag, 24. September

Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. Daneben gibt es etliche Personalspekulationen rund um VW. Medien berichten, Porsche-Chef Matthias Müller habe die besten Chancen, Winterkorn zu beerben.

Freitag, 25. September

Der VW-Aufsichtsrat wählt Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

Montag, 28. September

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet Ermittlungen ein.

Dienstag, 29. September

Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

Mittwoch, 30. September

Das Präsidium des Aufsichtsrates tagt. Es schlägt vor, die im November geplante außerordentliche Aufsichtsratssitzung abzusagen. Trotz der Affäre soll der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch weiterhin neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Die VW-Finanztochter verhängt einen Einstellungsstopp bis zum Jahresende, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

Donnerstag, 1. Oktober

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

Freitag, 2. Oktober

Der US-Kongress teilt mit, dass sich VW-Landeschef Michael Horn am 8. Oktober den Abgeordneten in einer Befragung stellen muss. Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

Dienstag, 6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

In dem Skandal stecke auch eine große Chance für die Autokonzerne, sagt Schmachtenberg. „Wir müssen uns über die Fehlerkultur unterhalten“. Volkswagen erwähnt der Rektor in seinem Vortrag allerdings nicht einmal. Zu groß scheint die Furcht, es sich in diesen Tagen mit dem deutschen Autoriesen zu verscherzen. Auch Torsten Eder, Motorenentwickler bei Daimler, und Fritz Steinparzer, Motorenchef bei BMW, gelingt es, ihre jüngsten Diesel-Aggregate zu präsentieren, ohne die aktuelle Diskussion um den Diesel auch nur am Rande zu erwähnen. Die Branche würde am liebsten zurück zum Tagesgeschäft, das ist spürbar.

Trotzdem ist der Skandal um manipulierte Abgaswerte am Rande des Kolloquiums überall präsent. Man kann sich an fast jeden Stehtisch, an jeden Stand stellen – die Teilnehmer diskutieren untereinander sehr offen über den Skandal. Die Branche trägt den Tratsch der letzten Wochen zusammen. An wenige Einzeltäter glaubt hier niemand. „Es muss doch auch in der Führung aufgefallen sein, dass Konstruktion und Emissionswerte nicht zusammenpassen“, sagt ein Ingenieur eines Zulieferers.

Volkswagen verschärft wegen Abgas-Krise den Sparkurs

Video: Volkswagen verschärft wegen Abgas-Krise den Sparkurs

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Mit der Presse will fast niemand reden, die meisten verweisen auf Pressesprecher und zitieren hausinterne Sprachregelungen. „Sie werden hier niemanden finden, der Ihnen dazu was sagt“, bekommen Reporter sehr oft erklärt. Zum Glück stimmt das nicht.

Denn einige wenige ärgern sich, dass sie nun unter Generalverdacht gestellt werden: Man orientiere sich bei der Entwicklung immer an den gesetzlichen Vorgaben, sagt ein Vertreter eines Autobauers. In der öffentlichen Diskussion werde allerdings nicht mehr zwischen illegalem Verhalten wie einer versteckten Manipulation und einer erlaubten Optimierung unterschieden.

Aber stimmt es nicht, dass Fahrzeuge für den Prüfstand optimiert werden und so bei den tatsächlichen Abgaswerten schummeln? „Was heißt denn schummeln? Wenn Sie sich auf eine Prüfung vorbereiten, dann lernen Sie doch auch den Stoff, der abgefragt wird“, entgegnet ein Ingenieur. Wären dann nicht realistischere Messverfahren gefragt? Als Antwort kriegt man hier einen Lehrspruch aus dem Ingenieursstudium präsentiert. „Merken Sie sich: Wer misst, misst Mist“.

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