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29.01.2014

11:17 Uhr

Neue ADAC-Enthüllungen

Rettungs-Helikopter als Stadion-Föhn

Der Münchener Autoclub kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Betrug bei der Wahl zum Autopreis "Gelber Engel" graben die Medien nun im täglichen Rhythmus alte Verstöße gegen die ADAC-Richtlinien aus.

Der ADAC-Hubschrauber Christoph 30 wirbelt am 17. Februar 2006 Wasser vom Spielfeld im Stadion von Eintracht Braunschweig. Dabei flog in der Nordkurve auch eine Werbebande durch die Luft. Foto: David Taylor dpa

Der ADAC-Hubschrauber Christoph 30 wirbelt am 17. Februar 2006 Wasser vom Spielfeld im Stadion von Eintracht Braunschweig. Dabei flog in der Nordkurve auch eine Werbebande durch die Luft.

Foto: David Taylor

Düsseldorf/MünchenNach einem Bericht von "Stern.de" wurden die Hubschrauber der ADAC-Luftrettung GmbH wohl nicht nur vom Präsidium des Automobilclubs für Reisen genutzt. Auch die 18 Vorsitzenden der Regionalclubs durften mit den gelben Rettungshubschraubern in die Luft gehen. Wie das Hamburger Magazin online schreibt, gestand der ADAC ein, das sei "im Zusammenhang mit der Außendarstellung der Luftrettung" möglich gewesen. "Allerdings nicht, um damit von A nach B zu fliegen", so ein Sprecher.

In der Vorwoche hatte der ADAC bereits die Zahl von "weniger als 30" Flügen des Präsidiums in den letzten zehn Jahren genannt. Auch andere PR-Flüge hat es offenbar gegeben: So startete laut stern am 6. Oktober 2007 eine Maschine vom Flughafen Braunschweig, um dem Fotografen eines lokalen Wochenblattes Fotos aus der Luft zu ermöglichen. Mit an Bord war auch die Frau des Wochenblatt-Verlegers. Der war ein Parteifreund des damaligen Vorsitzenden des ADAC-Regionalklubs Niedersachsen Sachsen-Anhalt. Die Kosten für den Flug habe die Luftrettung getragen, "da diese den Hubschrauber ohnehin dort vor Ort hatte."

ADAC-Pannenhelfer: „Ihr könnt doch gar nichts dazu“

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Gefälschte Umfrage zum „Gelben Engel“, dem „Lieblingsauto der Deutschen“, auf der einen Seite - der hilfreiche ADAC-Straßendienst auf der anderen: Werfen die Mitglieder das in einen Topf?

"Welt.de" berichtet heute, ein eigens dafür angeforderter ADAC-Rettungs-Heli habe 2006 sogar einmal den verregneten Rasen des Braunschweiger Fußballstadions getrocknet, damit ein Spiel gegen Zweitligisten Dynamo Dresden wie geplant stattfinden konnte. Reinhard Manlik, damals Vorsitzender des ADAC Regionaklubs Niedersachsen/Sachsen-Anhalt und CDU-Lokalpolitiker, vermittelte den Kontakt zur Luftrettung des Autoklubs. Die Crew des Rettungshubschraubers Christoph pustete den gefrorenen Platz mit dem Wind der Rotorblätter tatsächlich trocken, wie Bilder der "Braunschweiger Zeitung" belegen.

Meyer kündigt Reformen an

Die Enthüllungen über manipulierte Abstimmungen und Dienstflüge mit dem Rettungshubschrauber kratzen nun am Image des zweitgrößten Autoclubs der Welt. Nach einer Stern-Umfrage haben 46 Prozent der Deutschen eher geringes (29 Prozent) oder sehr geringes (17 Prozent) Vertrauen in den Automobilclub. Nur noch 44 Prozent äußern eher großes (33 Prozent) oder sehr großes (11 Prozent) Zutrauen in die 110 Jahre alte Vertretung der Autofahrer.
Laut der Umfrage überlegen 7 Prozent, den Pannendienst zu verlassen. 60 Prozent aller Befragten (und 54 Prozent der befragten ADAC-Mitglieder) wünschen, dass der Verein sich künftig überwiegend auf den Pannendienst konzentrieren soll.

Der Autoclub hat als Reaktion auf die anhaltende Kritik angekündigt, sich neu aufstellen zu wollen. „Wir glauben, dass wir nur durch eine grundlegende Reform die aktuellen Schwachstellen beheben können“, teilte ADAC-Präsident Peter Meyer am Mittwoch in München mit. Die Struktur des Vereins und seiner wirtschaftlichen Aktivitäten werde daher überprüft. Die Mitglieder sollen mehr eingebunden werden. In einer außerordentlichen Hauptversammlung soll die Neuausrichtung beschlossen werden.

Kommentare (2)

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29.01.2014, 10:29 Uhr

Wirklich entscheidend im Zusammenhang mit dem Ferienflug nach Ägypten ist doch die Tatsache, dass es sich in diesem Fall um einen offensichtlich individuellen Verstoß handelt, der nach Bekanntwerden von den betreffenden Gremien des ADAC auch entsprechend geahndet wurde, und zwar nicht auf Drängen der Medien oder der Öffentlichkeit, sondern weil intern erkannt worden war, dass es sich um eine nicht hinnehmbare Vorteilsnahme im Widerspruch zu den Regeln des Vereins handelt. Dieses eine Beispiel spricht also für den Club und nicht gegen ihn.

Die Sache ist also abgehakt, und zwar nicht deshalb, weil sie etwa verjährt wäre, sondern weil der Club den Fehler erkannt und geahndet hat, wobei sich sogar die Frage stellt, inwiefern ein Schaden überhaupt entstanden ist. Ist der Flieger nicht ohnehin nach Ägypten geflogen, oder wurde der Notfall nur konstruiert, um Sohnemann eine günstige Passage zu arrangieren? Musste der Notfall aus Ägypten auf die Begleitung von Verwandten deshalb verzichten, weil für diese wegen der Ferienflieger kein Platz mehr an Bord war? Das eine wie das andere wäre natürlich ein wirklicher Skandal, doch sollte man von so einer Vermutung nicht a priori ausgehen. Doch selbst wenn sich derartiges bestätigen sollte, muss man anerkennen, dass der Club entsprechend reagiert hat. Bleibt nur die Frage, warum er es hier getan, ansonsten aber unterlassen hat.

corax

29.01.2014, 12:15 Uhr

Wem ist durch die genannten Fälle ein Schaden entstanden, und wie hat der ADAC nach Bekanntwerden reagiert? Die Fans von Braunschweig und Dresden fanden die Fön-Aktion des Hubschraubers vermutlich sehr cool, mit Imagegewinn für den ADAC. Kritiker hätten als Miesepeter und Spaßbremsen gegolten, Satzungen und Regeln hin oder her: seht her, so einfach kann das Leben sein wenn man ein bißchen "out of the box" denkt. Heute: Presserummel, Kritik, "Rrrregeln müssen eingehalten werrrden". Sehr deutsch. Und die beiden Jungs auf den Jumpseats: ja, satzungsmäßig vermutlich nicht zulässig. Als Einzelfall aber vielleicht sogar tolerierbar und mit einer entsprechenden Geldspende zu neutralisieren, der Flieger war ja ohnehin unterwegs. Fehler erkannt, Rücktritt, Thema erledigt. Nur aus Neugier: welche politischen Vertreter sind in ähnlich gelagerten Situationen schon einmal NICHT zurückgetreten?

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