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02.02.2011

12:30 Uhr

Pendler-Erfahrungen

Wenn die Mobilität zum Fluch wird

VonBurkhard Strassmann
Quelle:Zeit Online

Für den Job umziehen kommt für viele Pendler nicht infrage. 1,5 Millionen Menschen suchen den Kompromiss und fahren täglich mehr als 50 Kilometer zwischen Wohnung und Arbeit. Das ist teuer, unökologisch, ungesund und schlecht fürs Zusammenleben, - und warum nimmt man es dennoch auf sich? Erfahrungen eines Pendlers zwischen Bremen und Hamburg.

Wenn die Bahn streikt oder Züge ausfallen, kommt der Pendler manchmal erst gegen Mittag ins Büro, obwohl er extra früh gestartet ist. Das frustiert. ap

Wenn die Bahn streikt oder Züge ausfallen, kommt der Pendler manchmal erst gegen Mittag ins Büro, obwohl er extra früh gestartet ist. Das frustiert.

Wenn mein letztes Stündlein schlägt, werde ich es bitter bereuen: 380 komplette Tage meines Lebens, endlose 9120 Stunden werde ich nur für den Weg zur Arbeit verschwendet haben. Welch grässliche Vorstellung! Doch das dicke Ende kommt vorm Jüngsten Gericht: Gott, der oberste Öko, wird mir allein für das Pendeln zum Arbeitsplatz 28.000 Kilogramm Kohlendioxid um die Ohren hauen. Ich werde stammeln: Ich bin doch ein Guter, bin immer nur Bahn gefahren! Es wird mir nichts helfen, ich werde im Fegefeuer landen.

Uns Pendlern begegnet man morgens um sieben auf den Einfallstraßen der Großstädte im Stau. An den Bahnhöfen, wenn wir mit grauen, zerknitterten Gesichtern aus S-Bahnen und Regionalzügen quellen. Montags und freitags trifft man uns mit Rollköfferchen auf ICE-Bahnhöfen und Flughäfen an, als Wochenendpendler und Teil einer Fernbeziehung. Schon unsere Kinder üben sich früh, -ob als von der Bahnhofsmission begleitete "Kids on Tour" unterwegs zum getrennten Elternteil oder als Privatschüler, die täglich zur Waldorfschule chauffiert werden.

1,5 Millionen berufstätige Deutsche pendeln laut Statistischem Bundesamt mindestens dreimal pro Woche über eine Stunde lang zum Arbeitsplatz und zählen damit zu den "Fernpendlern". 60 Prozent nutzen ihre CO2-Schleuder. Nur ein verschwindend kleiner Teil davon bildet ökonomisch und ökologisch vernünftige Fahrgemeinschaften. Der Rest benutzt die Bahn. Oder das Flugzeug. Einer der extremsten deutschen Pendler ist ein Helgoländer Unternehmer, der bis zu dreimal pro Woche zwischen Köln und der Insel mit seiner Cessna hin- und herfliegt.

350 Euro monatlich kostet das Hin und Her zwischen Wohnort und Arbeitsstätte

Sosehr sich die Pendler unterscheiden, ein jeder bastelt sich seine private Pendelbilanz. Meine sieht so aus: 350 Euro monatlich kostet die Pendelei zwischen Bremen, wo ich wohne, und dem Büro in Hamburg. Ich nutze die "schwarze Mamba" (Harald Schmidt), die Bahncard 100 mit Flatrate fürs Gesamtnetz, mit der ich auch Dienstreisen mache. Dieses schwarze Plastikkärtchen kennzeichnet wahre Fernpendler. 35.000 hat die Bahn 2009 verkauft. Die Mobilitätsinvestition rechnet sich: Hundert warme Quadratmeter kosten mich in Bremen 900 Euro. In Hamburg dürfte ich für eine vergleichbare Wohnung mein Pendelgeld drauflegen und hätte es noch nicht warm.

Irgendwann bin ich Kilometermillionär, aber ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Meine Ökobilanz ist klar und übersichtlich: Was ist schon umweltfreundlicher als die Bahn?! Und sonst? Macht mir Pendeln nichts aus. Im Gegenteil. Es geht mir ein bisschen wie meinem Freund Claus, der jeden Morgen stoisch mit dem Pkw eine halbe Stunde lang im Stau steht. Er sagt: "Ich genieße das! Ich kann rauchen, ohne dass ich angemacht werde. Kann meine Musik hören ohne blöde Kommentare. Weder Kinder noch Frau wollen was von mir. Das ist die einzige Zeit am Tag, in der ich meine Ruhe habe" In der Eisenbahn kann ich zwar nicht rauchen, aber Zeitung lesen, Texte vorbereiten oder schreiben, dösen oder schlafen.

Kommentare (11)

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Lux

02.02.2011, 15:25 Uhr

Wenn ich auf den Parkplatz meines Arbeitgebers schaue (großer Mittelständler zwischen HH und Kiel) sehe ich, dass die Mehrzahl der "höheren" Angestellten und Hochqualifizierten pendelt aus der Großstadt - ein Umzug in die Klein- oder Mittelstadt ist nicht "akzeptabel". Auch wenn die Pendlerbilanz vermutlich eher nach Land->Großstadt ausschlägt dürfte die Pendlerpauschale so manchem Mittelständler bei der Suche nach Hochqualifizierten zumindest geholfen haben.

Nahpendler

02.02.2011, 15:51 Uhr

Das ist nicht gut recherchiert,

es wird in unzähligen Fällen so sein wie bei uns - wir können gar nicht umziehen. ich bin als "Nahpendler" jeden Tag 55 Min. (einfache Strecke) u.a. mit einer (unzuverlässigen) S-bahn (Stuttgart 21 Umbau grüsst)untwerwegs. Meine Frau fährt mit unserem Familienauto ca. 30 min. in die Gegenrichtung - hier gibt es keine funktionierende Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ergo: Ein Umzug würde nichts bringen. Uns und vor allem unsere Kinder aus ihrem sozialen Umfeld zu reissen wäre ein weiterer Aspekt über dessen Zumutbarkeit hier kein Gedanke verloren wird. ich pflege außerdem meine beiden Eltern. Wer würde hier einspringen ? Der besagte Steuervorteil ist im übrigen keiner. Es ist doch in jedem anderen Wirtschaftsbereich auch eine Selbstverständlichkeit, dass die Kosten die anfallen um ein Einkommen zu erzielen bei der besteuerung berücksichtigung finden.

JJ

02.02.2011, 16:54 Uhr

ich pendle taeglich 3 Stunden zwischen dem Ruhrgebiet und Koeln (also Grossraum -> Grossstadt).
in Zahlen: ca. 30.000 km, 10.000 EUR und ca. 700 Stunden pro Jahr mit dem PKW.
ich bin halt "der typische Sponsor" eines Dax30 Unternehmens.
Meine Freunde: die Audi AG, und der Scheich.
Die Pendlerpauschale erleichtert mir vielleicht das Leben um ca. 2.500 EUR (netto), aber ich bin ja auch kein Gutverdiener.
Was bedeutet ein Wegfall der Pendlerpauschale fuer mich persoenlich?
Ob ich 7.500 oder 10.000 EUR (netto) fuer meine Arbeit aufbringen muesste, das wuerde zwar nicht mehr sehr ins Gewicht fallen. Aber es waere dann fuer mich eine Schmerzschwelle ueberschritten, so dass ich dann auf diesen Job verzichten wuerde, auch wenn er interessant ist und mir gefaellt.
=> Sponsoring wuerde beendet.
Was bedeutet ein Wegfall der Pendlerpauschale volkswirtschaftlich?
ich denke, es wuerde 1. ein Umdenken einsetzen (was ja auch beabsichtigt scheint) 2. Fuer viele Arbeitnehmer wuerde sich das bisherige (vorallem auch zeitliche) Engagement nicht mehr lohnen, was zu einer Verknappung an Arbeitskraeften fuehren koennte. Es gaebe ein Allokationsproblem. Die Folge waere 3. eine starke Veraenderung des Arbeitsmarkts (vor allem regional - wie in dem Leserbeitrag [1] von Lux angesprochen).
M.E. wuerde damit das Lohndumping der letzten Dekade beendet und dies koennte dann sogar wieder (wie in den 70er Jahren) die inflation antreiben.

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