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10.08.2016

15:26 Uhr

Smartphone im Auto

Schuld sind immer die anderen

VonAloysius Widmann

Telefonieren, E-Mails lesen, SMS schreiben: Für viele ist das Smartphone ein ständiger Begleiter – auch am Steuer. Das geht auf Kosten der Sicherheit. Die Schuld sucht jedoch kaum jemand bei sich.

Gelegentlich mit Freisprechanlage zu telefonieren, geben etwas mehr als die Hälfte der Befragten zu. Unfallstatistisch macht es jedoch keinen Unterschied, ob man mit Gerät am Ohr telefoniert oder via Freisprechanlage. dpa

Smartphone-Junkies

Gelegentlich mit Freisprechanlage zu telefonieren, geben etwas mehr als die Hälfte der Befragten zu. Unfallstatistisch macht es jedoch keinen Unterschied, ob man mit Gerät am Ohr telefoniert oder via Freisprechanlage.

BerlinTelefonieren Sie schon mal ohne Freisprechanlage, wenn Sie Auto fahren? „Nein, niemals!“ Diese Antwort haben die Unfallforscher der deutschen Versicherer (GDV) im Rahmen ihrer jüngsten repräsentativen Studie mit Abstand am häufigsten auf ihre Frage bekommen. Dabei reichen ein paar Minuten an einer dicht befahrenen Kreuzung in einer beliebigen deutschen Stadt, um zu merken: So ganz kann das nicht stimmen. Denn in Wahrheit greifen weit mehr als 20 Prozent der Autofahrer gelegentlich zum Smartphone – zum Beispiel, wenn der Verkehr stockt oder die Ampel sich weigert, endlich grün zu werden. Das zeigt die Studie, für die Anfang 2016 2.061 Verkehrsteilnehmer befragt wurden.

Und siehe da: Stellt man die Frage ein wenig anders, sind die Menschen ehrlicher. Gelegentlich mit Freisprechanlage zu telefonieren, geben immerhin etwas mehr als die Hälfte der Befragten zu. „Da ist auch Wunschdenken dabei“, erklärt Unfallforscher Siegfried Brockmann, einer der Studienautoren.

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Man hat beim Ausfüllen des Fragebogens gewisse Idealvorstellungen im Kopf, denen will man entsprechen. Blöd nur, dass es unfallstatistisch keinen Unterschied macht, ob man mit Gerät am Ohr telefoniert oder via Freisprechanlage. „Relevant ist die kognitive Ablenkung, also: dass man telefoniert“, sagt Brockmann. Gefährlicher wird es erst, wenn man SMS eintippt oder E-Mails liest und deshalb nicht mehr auf den Verkehr achtet.

Aber Smartphone-Junkies am Steuer sind nur eine von vielen Unfallursachen auf den deutschen Straßen. Denn dort geht es aggressiv zu. Für 41 Prozent der Befragten gehören Lichthupe, Drängeln und auf der Autobahn rechts überholen zum Verkehrsalltag. Unter den 25- bis 34-Jährigen sind es sogar 58 Prozent, die angeben, aggressive Autofahrer zu sein. Auch Akademiker und Gutverdiener sind nicht gerade die rücksichtsvollsten Verkehrsteilnehmer, so die Studie.

Gut die Hälfte aller Teilnehmer fühlt sich im Straßenverkehr gestresst. Brockmann hält diese Einschätzung für verständlich: „Verkehrsraum ist knapp geworden.“ Nicht nur haben immer mehr Deutsche einen Führerschein. Auf den Autobahnen nimmt der Fernverkehr zu und auf den städtischen Verkehrsadern tummeln sich immer mehr Radfahrer. „Die Wachsende Konkurrenz um den Verkehrsraum empfinden viele Verkehrsteilnehmer nicht als angenehm“, sagt Brockmann. Deshalb waren die Studienautoren überrascht, als sie sahen, dass sich die Verkehrsteilnehmer heute sicherer fühlen als vor sechs Jahren. Auch, weil die Verkehrstoten im selben Zeitraum wieder mehr wurden.

Brockmann führt das gestiegene Sicherheitsgefühl darauf zurück, dass heute eine andere Generation Frauen am Steuer sitzt: „Sie fahren heute selbstbewusster als früher.“ 31 Prozent der Frauen gaben an, Drängler gerne mal mit einer kurzen Bremsung zu provozieren – bei den Männern waren es nur 29 Prozent. Und außerdem: Nur weil der Verkehr als sicher eingeschätzt wird, heiße das nicht, dass es auf der Straße entspannt zugehen muss.

Wenn es nach den Befragten geht, ist eines aber klar: Wenn es auf der Straße gefährlich wird, sind immer die anderen Schuld. Nahezu alle Studienteilnehmer haben schon mal beobachtet, dass andere Autofahrer dicht an den Vordermann auffahren, damit sich keiner dazwischen drängelt. Nur 21 Prozent geben zu, das selbst schon mal getan zu haben. 93 Prozent beobachten öfter mal, wie Fahrradfahrer viel zu dicht überholt werden. Und nur drei Prozent wollen selbst schon mal zu dicht an einem Fahrradfahrer vorbei gefahren sein. So ganz passen die Zahlen nicht zusammen.

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