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23.02.2012

20:53 Uhr

Sprit-Protest im Netz

Facebook-Nutzer treten in Tankstreik

VonTina Halberschmidt

Bei Facebook formiert sich Protest gegen die hohen Benzinpreise: An der Veranstaltung „Am 1.3. in ganz Deutschland nicht tanken“ wollen mehr als eine Million Autofahrer teilnehmen. Und es werden sekündlich mehr.

Screenshot der aktuellen Tankboykott-Aktion auf Facebook.

Screenshot der aktuellen Tankboykott-Aktion auf Facebook.

Düsseldorf„Findet ihr auch, dass der Benzin-Preis alle Rekorde bricht? Dann macht mit und tankt diesen einen Tag nicht. Dieser eine Tag soll den Öl-Multis die Macht der Konsumenten zeigen!“ Andy Adam gibt sich kämpferisch. Vor wenigen Tagen hat er die Facebook-Veranstaltung „Am 1.3. in ganz Deutschland nicht tanken“ erstellt. Mit dem großen Erfolg seines Events hat der Nutzer, der sich für die Facebook-Seiten „Big Brother Deutschland“ und „Monopoly“ interessiert, wohl selber nicht gerechnet: „Danke für mehr als 40.000 in weniger als 24 Stunden. Danke für 50.000 nur 45 Minuten später“, schreibt er sichtlich überrascht, außerdem in Großbuchstaben und mit mehreren Ausrufezeichen: „KEINE FREUNDSCHAFTSANFRAGEN BITTE!!!!!!!!!!!“

Tanken tut weh

Video: Tanken tut weh

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Mit Andy Adam wollen sich derzeit offenbar viele Facebook-Nutzer befreunden - auch wenn die meisten nicht wissen, wer "Andy" ist und welche Motivation er hatte, als er die Veranstaltung bei Facebook einstellte. Als Lieblingsbuch soll Adam jedenfalls laut stern.de "mein kampf - hitler" angegeben, außerdem die rechtsextreme NPD "geliked" haben. Mittlerweile hat er diese Einträge entfernt.

Auf die Anfrage des Handelsblatt am Mittwoch reagierte Andy Adam am Donnerstagabend per Facebook-Kommentar. Er stehe „der NPD weder als Mitglied noch als Unterstützer nahe“. Die Likes bestätigt er indirekt und begründet sie mit einer „Sturm und Drang-Phase“, die in diesen über Jahre unbeanstandeten „Likes“ gegipfelt sei.

Die meisten Facebook-Nutzer wissen davon wohl nichts. Sie beteiligen sich an Adams Protestaktion, weil sie sich der Willkür der Ölkonzerne ausgeliefert fühlen. So zum Beispiel Vincenzo Scarvaglieri, der den Tankstellen-Boykott unterstützen will und an die Pinnwand von „Am 1.3. in ganz Deutschland nicht tanken“ gepostet hat: „Ja, auf jeden Fall. Das ist unter aller Sau, was sie mit uns machen.“

Jörg Rochner ist ähnlicher Meinung: „Klar, müssmer machen, wenn die Politiker nix fertig bringen, dann müssen wir es E N D L I C H mal selber in die Hand nehmen, aber bitte jeder!“ Markus Illig denkt schon einen Schritt weiter: „Ich hoffe, dass es nicht bei dieser Aktion bleibt. Im zweiten Step sollten wir eine Woche nicht tanken. Das muss geplant sein, damit auch jeder den Tank und nicht nur die Schnauze voll hat.“

Und Daniel Sahler fordert - mit Smiley - noch drastischere Maßnahmen: „Auch 'ne Maßnahme gegen den Spritpreiswahnsinn wären Flashmobs mit Hilfe von Anonymous. Ins System großer Tankstellen hacken und einfach mal von 1,64 auf 1,10 Euro den Preis runterstellen und auf geht’s!“

Kommentar zur Benzinpreis-Debatte: Das Gejammer senkt keine Preise

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Das Gejammer senkt keine Preise

Tanken ist in Deutschland wieder rekordverdächtig teuer und viele beginnen reflexartig mit dem Jammern und Schuldzuweisen. Doch die Aufregung ist nur schwer zu verstehen. Denn es gibt einen einfachen Ausweg.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: „Bringt eh nix. Die wissen ganz genau, dass wir auf unsere Autos angewiesen sind und nutzen das aus“, meint Thomas Puchinger resigniert. Ludwig Solucky findet die Aktion sinnlos: „Wenn ich damit irgendwem ne Freude mache, dann tanke ich eben nicht am 1.3., sondern tags zuvor oder danach – bei vermutlich höheren Preisen. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass die sich veräppeln lassen? Nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel! Das tut den Ölmultis weh!“

So wehren sich Autofahrer gegen hohe Benzinpreise

Niedrige Motordrehzahl

„Ein Wert von unter 2000 Umdrehungen ist ideal“, erklärt Norbert Hartmann vom Auto Club Europa (ACE). Bei Tempo 30 heißt das, in den dritten, bei 40 in den vierten und ab 50 in den höchsten Gang wechseln. „Beim Rollen des Autos unbedingt den Gang drin lassen und nicht die Kupplung treten“, rät Hartmann. „Geht man nur vom Gas, wechselt das Auto in den Schubbetrieb. Dadurch sinkt der Spritverbrauch auf null.“

Motor aus

Den Motor an einer Ampel auszuschalten, lohnt sich. Die Angst vieler Fahrer, der Motor nehme dadurch Schaden, sei unbegründet, erklärt ACE-Experte Norbert Hartmann. Allerdings muss man ihm trauen, denn er sagt selbst: „Es gibt keine Studie, die das belegt.“

Bei voraussichtlichen Standzeiten ab zehn Sekunden lohnt es sich, den Motor abzuschalten. Beim Anlassen kein Gas geben.

Kofferraum entrümpeln

Unnötiger Ballast im Auto ist ein echter Spritfresser, ebenso wie Dachgepäckträger vom letzten Ausflug. Schon eine Kofferraum-Zuladung von 100 Kilogramm bedeute für ein 1,5 Tonnen schweres Auto einen Mehrverbrauch von bis zu 6,7 Prozent. Auch für die Fenster gilt: Bei schneller Fahrt Luken dicht. Denn bei geöffneten Fenstern erhöht sich der Luftwiderstand.

Nicht freitags tanken

Der ADAC hat den teuersten Wochentag analysiert: Das ist oft der Freitag. Der preiswerteste Tag ist meist Sonntag.

Auf Mitfahrer setzen

Sparen lässt sich, indem man teilt. Im Trend liegen Car-Sharing-Angebote. So wird die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen auf neudeutsch bezeichnet. In vielen Großstädten gibt es schon diese Angebote. Beispiel: Drive Now in Berlin. Einmalige Aufnahmegebühr 29 Euro, dann pro gefahrene Minute 19 Cent (inkl. Sprit, Versicherung und Parken).

Rechnet sich Hybrid-Antrieb?

Die in der Anschaffung noch teure Technik rechnet sich nur, wenn man meist in der Stadt unterwegs ist. Wer als Vielfahrer meist Autobahn und Landstraße fährt, liegt beim Diesel besser.

Bringen teure Supersprit-Sorten was?

Nein. ADAC und Auto Bild haben es nachgewiesen. Immerhin: Wer von Super E5 auf E10 umsteigt, spart 3 Cent pro Liter. Wichtig: Vorher beim Hersteller abklären, ob das Auto den höheren Ethanolanteil auch wirklich verträgt.

Fahrgemeinschaften bilden

Die ältesten Ideen müssen nicht die schlechtesten sein. Online-Mitfahrzentralen findet man im Internet: Mitfahrzentrale.de , Pendlerportal.de oder Mitfahrgelegenheit.de. Dort können Fahrer ihre Strecke in eine Datenbank eingeben und Mitfahrer nach passenden Angeboten suchen - die Kosten für den Weg werden dann geteilt. So kommen alle meist deutlich günstiger ans Ziel.

Fahrer und Mitfahrer können die Entfernungspauschale steuerlich geltend machen. Aber bitte im Eigeninzteresse darauf achten, dass eine Insassen-Unfallversicherung besteht.

Umstieg auf Diesel oder Elektro?

Da Elektroautos im Durchschnitt rund 12.000 Euro teurer sind als vergleichbare Modelle mit Verbrennungsmotor und es keine echte Ladesäulen-Infastruktur gibt, gilt: abwarten. Bei Diesel liegt die Sache anders, er ist rund 14 Cent pro Liter billiger als Super. Wer mehr als der Durchschnitt (15.000 km/Jahr) fährt, hat die etwas höheren Anschaffungskosten bald wieder drin.

Discount-Tankstellen

Hier kosten Benzin und Diesel von gleicher Qualität häufig zwischen 2 und 4 Cent weniger als an Markenstationen. Außerdem sind die Kraftstoffpreise in ländlichen Regionen meist niedriger als in Städten oder an Autobahntankstellen, wo das Tanken am teuersten ist. Daraus ergeben sich im bundesweiten Preisvergleich Differenzen von bis zu 10 Cent pro Liter.

Aber Achtung: Extratouren zu einer günstigen Tankstelle sind in der Regel unsinnig. Wer sich eigens auf den Weg macht, um zum Beispiel einen Preisvorteil von 3 Cent auszukosten, und 50 Liter tanken will, spart rein rechnerisch 1,50 Euro. Das entspricht ungefähr einem Liter Kraftstoff, mit dem viele Autos keine 15 Kilometer weit kommen. Berücksichtigt man noch den Fahrzeugverschleiß, rentieren sich bestenfalls 10 Kilometer Umweg, um an möglichst günstigen Sprit zu kommen.

Tempo drosseln

Das Fahrtempo auf Autobahnen sollte maximal 120 km/h betragen. Ab 100 km/h treibt der Luftwiderstand den Verbrauch überproportional in die Höhe. In dichtem Verkehr möglichst selten zu bremsen und wieder anzufahren, zahlt sich mit Blick auf den Verbrauch ebenfalls aus.

Reifendruck & Leichtlauföl

Ein erhöhter Reifendruck von maximal 0,5 bar über den Herstellerempfehlungen bringt bei gemäßigter Fahrweise eine Spritersparnis von bis zu drei Prozent. Weitere zwei bis fünf Prozent sind mit Leichtlaufmotoröl möglich, das bedenkenlos in Autos verwendet werden kann, die jünger als zehn Jahre sind.

Auch Alex Leng fragt kritisch nach: „Was bringt das? Mit dieser Aktion reduzieren wir doch nicht die Abnahmen, sondern vertagen sie nur!“ Wer die Möglichkeit habe, solle generell auf Alternativen ausweichen und nicht nur an einem einzigen Tag aufs Tanken verzichten, das schone zudem die Umwelt. Ron Gonzales Delquandro Garcias formuliert es noch drastischer: „Hier zeigt sich wieder sehr gut das Beispiel der Massenverblödung!“

Nichtsdestotrotz bestätigen immer mehr Facebook-Nutzer ihre Teilnahme an der Boykott-Aktion. Bis zum 1. März werden es wahrscheinlich noch mehr: Aktuell sind mehr als vier Millionen weitere Autofahrer eingeladen.

Kommentare (22)

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Besserwisser

23.02.2012, 15:11 Uhr

nur einen tag nicht zu tanken, trifft nur die tankstellenbetreiber, nicht die ölkonzerne. aber mal eine woche ohne auto. das würde schon die richtigen treffen. auch den staat, denn der merkt dann, dass mit moderateren preisen mehr geld durch mehr umsatz reinkommt. besser noch einen monat einfach ohne zu tanken durchkommen. früher habe ich mein auto noch immer zum einkaufen genutzt. jetzt überleg ichs mir 2mal. erstens wars wegen winter nicht so doll und jetzt wegen dem sprit. es gibt auch öffentliche, wobei ich immer mehr genervt bin von überfüllten zügen, denn wenn wirklich jeder sein auto stehen lässt, gibts sicher das große chaos im nahverkehrssystem.

EmTeE

23.02.2012, 15:32 Uhr

Mit einem Facebook-Nutzer, der als "gefällt mir" unter anderem "NPD - die soziale Heimatpartei" und "mein.kampf" möchte ich jedenfalls nicht "befreundet" sein..

Mahner

23.02.2012, 15:39 Uhr

Warum hat es eigentlich keiner der großen Tageszeitungen geschafft zu recherchieren, dass Gruppenersteller Andy Adam u.a. bei "NPD" und "Buch - Mein Kampf" gefällt mir gedrückt hat (vielleicht bereits gelöscht, aber in den Kommentaren zur Gruppe, immer wieder erwähnt)? Und genau in diesem Event tauchen dann immer wieder Bauernfängerparolen von anderen Usern, wahrscheinlich aus einer ähnlichen Ecke auf, dass das Problem ja nicht die Mineralölkonzerne sind, sondern generell die Politik und dass man dies doch mal bei der nächsten Wahl berücksichtigten sollte. Wer da nicht den Bogen zur neuen Taktik der Extremparteien, über soziale Netzwerke Zugang zur breiten Masse zu bekommen, geschlagen bekommt, ist selber Schuld.

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