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18.01.2016

07:30 Uhr

Tokyo Auto Salon

Vom Geheimtipp zur asiatischen Leitmesse

VonMartin Kölling

Rasante Autos, schräge Ideen und heiße Kurven - Japans schrille Tuningmesse hat sich zum Pflichttermin für japanische und deutsche Autobauer gemausert. Denn in Tokio erreichen sie nicht nur die Autonarren in Japan, sondern ganz Asien.

Eigentlich stellt das Unternehmen Lyzer LED and HID-Teile her. Um auf sich aufmerksam zu machen kann man aber auch mal einen Lamborghini Murcielago mit Swarovski-Steinen überziehen. In Pink, versteht sich, es sollte ja mal was ausgefallenes sein. AFP

Swarovski lässt grüßen

Eigentlich stellt das Unternehmen Lyzer LED and HID-Teile her. Um auf sich aufmerksam zu machen kann man aber auch mal einen Lamborghini Murcielago mit Swarovski-Steinen überziehen. In Pink, versteht sich, es sollte ja mal was ausgefallenes sein.

TokioVor den Hallen der Makuhari-Messe dröhnen die Motoren. Mit radierenden Reifen driften Sportwagen über den Asphalt. Hinter den Glasfassaden wummern die Beats und räkeln sich oft dürftig, teilweise gerade noch instagramzulässig bekleideten Damen an schrägen Autos. Am Wochenende fand wieder der Tokyo Auto Salon statt, das Mekka der japanischen Tuning- und -Rennszene.

Doch anders als noch vor einer Dekade sind die Schrauber auf ihrer Messe nicht mehr unter sich. Die großen Autobauer haben das Potenzial des Salons längst für sich erkannt. Jahr für Jahr treten sie forscher mit ihren eigenen Sportsparten auf. Toyotas Gazoo Racing bietet Renn- und Tuningspaß ab Hersteller an, ebenso Nissan Nismo und Honda Modulo sowie die kleineren japanischen Marken. Sogar VW, Audi, BMW und Merecedes AMG stellen aus.

Der „Morizo-Effekt“

Ein Mann benennt einen wichtigen Grund für den Andrang der globalen Riesen: der ehemalige Autojournalist Justin Gardiner, der in seiner zweiten Karriere als Autohändler die britischen Sportwagenmarke Caterham in Japan vertreibt. „Das ist der Morizo-Effekt“

Morizo? In Japan muss dieser Name keinem Autofan erklärt werden. Denn es handelt sich um das Rennfahrerpseudonym von Toyota-Chef Akio Toyoda. Der Pilot des größten Autoherstellers der Welt ist nicht nur ein bekennender Hobby-Renn- und Rallyfahrer, der über seine Ausfahrten bloggt. Er ist seit Jahren Stammgast der Messe.

Als solcher hat Toyoda schon früh seinen Einfluss geltend gemacht und Toyota auf dem Auto Salon groß auftreten lassen. Dies hatte Signalcharakter, erklärt Japan-Urgestein Gardiner. „Vorher ist es keinem der großen Hersteller eingefallen, hier groß aufzutreten.“ Zu schräg war die Veranstaltung für die etablierten Marken. Doch Toyoda habe die anderen mitgezogen.

Gardiner wundert sich nicht über die immer stärkere Umarmung der Messe durch die großen Hersteller: „Der Tokyo Auto Salon ist viel wirksamer als die Tokyo Motor Show.“

Die große Autoschau der etablierten Hersteller ist - wie ihr Name suggeriert - vor allem eine große, teure, glattgeleckte Schau. Der Tokyo Auto Salon ist dagegen eine richtige Handelsmesse für Fans, auf der sie sich und ihre Autos feiern. „Hier erreiche ich die Enthusiasten direkt – und ich kann sogar direkt vom Stand verkaufen“, erklärt Gardinger den Unterschied aus unternehmerischer Sicht.

Schnell, schrill und bauchfrei

Und mehr als das: Hier wird das Auto noch kunterbunt und mit Spaß gefeiert. Die Stände sind klein, die Messe kontrastreich. Neben Gardiners Retrosportler von Caterham steht ein ganz in pink gehaltener Minivan.

Auch sonst wird gerne kombiniert, was in der benzingetränkten Machokultur westlicher Tuner nicht unbedingt zusammenpasst: PS-Wahn und purer, süßer Kitsch. Denn beim Auto Salon werden neben männlichen auch weibliche Autofans sowie auch völlig moral- und wertfrei die tieferliegenden Begierden und die Kitschecken in den Seelen beider Geschlechter bedient.

Hinter dem Steuer eines getunten BMW-Cabrio sitzt dann schon mal ein Riesenteddy. Pandas zwängen sich in Monsterfedern. Und die Farbe rosa ist ebenso beliebt Samtbezug fürs Armaturenbrett und Fußmatten mit Blumenmotiven.

Dass das Modell als Alto Works GP nun auch die Farben und Beflaggung des Suzuki-MotoGP-Teams zeigt, ist hingegen neu. AFP

Der Suzuki Alto ist ein Klassiker

Dass das Modell als Alto Works GP nun auch die Farben und Beflaggung des Suzuki-MotoGP-Teams zeigt, ist hingegen neu.

Auch an Glasperlen und anderem Schmuck zur eigenhändigen Aufhübschung des eigenen Serienmodells besteht kein Mangel. Und wer zu faul zum Kleben ist, kann für 800.000 Euro gleich einen glitzernden Mercedes mitnehmen, der nach Angaben des Tuningshops in liebevoller Handarbeit mit 500.000 Swarorvski-Glassteinen beklebt wurde.

Auch an anderen grenzwertigen Auftritten herrscht kein Mangel. Der Nutzfahrzeughersteller Hino beispielsweise hat seine Laster dieses Jahr mit Blumen vollgeladen, die von als Biene Maja verkleidete Standdamen umschwirrt werden.

Höhepunkt in Sachen Kitsch ist allerdings wieder einmal eine Studie der Studenten und Studentinnen des Toyota Auto-College. Der Sieger des Collegewettbewerbs ist das „Blumenauto“. Stoffblumen bedecken die Karosserie und eine Flusslandschaft verschönert den Innenraum.

Nur antisexistische Tendenzen kommen bei diesem Fest der Sinne zu kurz. Dies belegen die Männertrauben um die mehr oder weniger phantasievoll entkleideten Standdamen sehr deutlich.

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