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09.05.2012

13:18 Uhr

Verkehrssicherheit

Elektro-Schleicher bilden Unfallgefahr

Quelle:MID

Die Bundesregierung will 2020 eine Million Elektroautos auf den Straßen haben, viele davon in der kleinen Fahrzeugklasse „L7e“. Für Experten werfen die schon jetzt Fragen der Verkehrssicherheit auf.

Gefährden kleine Elektromobile die Verkehrssicherheit? Pressefoto

Gefährden kleine Elektromobile die Verkehrssicherheit?

DüsseldorfVermehrt schleichen kleine Leichtkraftfahrzeuge (Lkfz) durch die Städte oder über kurvenreiche Landstraßen. Bisher sind es zwar erst rund 10 000 Lkfz, Tendenz aber steigend. Denn die Bundesregierung will 2020 eine Million Elektroautos auf den Straßen haben, viele davon in der kleinen Fahrzeugklasse „L7e“. Schon auf der letzten IAA stellte beispielsweise VW den Nils vor, Audi den Urban City, Opel den Rak-e oder Renault den Twizy.

Die Variante Twizy 45 wird als Serienmodell seit einigen Wochen für rund 7.000 Euro verkauft. Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 45 km/h. Schon 16-Jährige dürfen diesen Stromer mit der Führerscheinklasse „S“ fahren – mit geringeren Prüfungsanforderungen als für den Autoführerschein. Der "normale" Twizy schafft laut Hersteller maximal 80 km/h Spitze.

In der übergeordneten Klasse L fahren zusätzlich Elektrofahrräder, Kleinkrafträder, zwei- oder dreirädrige Krafträder, Quads und Leichtkraftfahrzeuge. Innerhalb der EU sind es schätzungsweise mehr als 30 Millionen. Auf sie entfallen nur zwei Prozent aller gefahrenen Kilometer, aber 16 Prozent der Verkehrstoten. So stellt sich für Experten die Frage nach der Verkehrssicherheit.

Die vierrädrigen Kraftfahrzeuge der Klasse L7e haben bis zu 400 kg Leergewicht (550 kg bei Fahrzeugen zur Güterbeförderung), ohne Batterien im Falle von Elektrofahrzeugen. Die maximale Nutzleistung liegt dann bei 15 kW. „Noch sind für die Zulassung solcher Fahrzeuge keine Crashtests erforderlich“, sagt Andre Seeck, Präsident von Euro NCAP (European New Car Assessment Programme), der Prüforganisation für Crashtests in Brüssel.

Gefordert ist nur die Typengenehmigung und Mindeststandards der aktiven Sicherheit wie beispielsweise Lenkung, Licht und Bremsen. Die EU-Kommission arbeitet schon an einer Änderung und warnt: „Die geringere Sicherheit von Leichtkraftfahrzeugen gegenüber herkömmlichen Personenkraftwagen ist als problematisch zu betrachten.“ Kommt es auf Landstraßen zu einem Unfall, ist die Kompatibilität der Leichtfahrzeuge kaum ausreichend.

Sie sind bessere Roller, so wie ihn einst BMW mit dem einspurigen, überdachten C1 präsentierte. Der Twizy ist wohl sicherer und beansprucht den Platz eines mehrspurigen Fahrzeugs, „trifft“ er aber bei einem Crash auf einen „Großen“, droht Unheil. Schwacher Trost: „Wenn Roller- oder Fahrradfahrer in solche Fahrzeuge umsteigen, kann dies durchaus für sie mehr Sicherheit bedeuten“, meint Unfallforscher Andre Seeck.

Grundsätzlich sind diese Lfkz für die Stadt optimiert, mit einer hochsteifen Fahrgastzelle, die die Insassen ausreichend schützen soll. Für die Landstraße müssten sie eigentlich für höhere Geschwindigkeiten ausgelegt sein und damit im Crashfall die Unfallfolgen mildern. „Zwischen M1 (Pkw mit maximal 9 Sitzplätzen) und L7e sollte eine neue Klasse geschaffen werden, die mehr Leistung erlaubt, aber auch höhere Anforderungen an die passive Sicherheit stellt“, erklärt Verkehrssicherheitsexperte Seeck.

Auch die Unfallforschung der Versicherer fordert für diese Fahrzeuge an Pkw angepasste Sicherheitsstandards sowie serienmäßig aktive und passive Sicherheitselemente. Angesichts der Gewichtsbeschränkung ist dies wohl kaum zu erfüllen.

Kommentare (6)

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Galli

09.05.2012, 14:51 Uhr

An sich größtenteils einleuchtend - und die nicht obligatorischen Crashtests sind ein heikler Punkt.
Doch der Vergleich "Auf sie entfallen nur zwei Prozent aller gefahrenen Kilometer, aber 16 Prozent der Verkehrstoten" ist in meinen Augen viel zu reißerisch. Denn wenn in eben diese Klasse auch zweirädrige Krafträder und Quads fallen, ist es kaum verwunderlich, dass quotal auf weniger Fahrkilometer mehr Unfälle kommen.
Schließlich geht es beim Motorrad- und Quadfahren meist darum, zwar nur einzelne Touren zu machen, diese finden dann aber nicht selten auf Landstraßen und vereinzelt (ohne irgendeine Kraftfahrergruppe verteufeln zu wollen) auch einfach zu schnell und leichtsinnig statt.
Und genau darin hat das zunächst schlagkräftig klingende Argument seinen übergroßen Haken.

Account gelöscht!

09.05.2012, 15:59 Uhr

Lächerlich. Dann müßten ja Trecker, Quads, Fahrräder und Mopeds auch von der Straße verschwinden. Billige Meinungsmache gegen neue Technik.

crashGewichtung

10.05.2012, 04:49 Uhr

Noch sind keine Crashtests nötig und trifft ein Twizy im Crashfall auf ein großes Fahrzeug droht Ungemach.So in etwas beschreibt der Artikel die Unfallgefahr recht blumig. Ist das Glas aber "halb leer" oder "halb voll" ?

Positiv ist, dass ein Twizy einen Sicherheitsstatus bietet, von dem Motorroller und Motorräder nur träumen können. Positiv ist, dass Elektromobilität hier schon günstig angeboten wird. Viele Motorräder kosten erst ab 10.000 Euro und bieten konstruktionsbedingt "extremst wenig" passive Sicherheit. Die Fahrerin sitzt halt locker auf dem Gefährt und ein Crashschutz exitiert nicht und kann sich so auch nicht entfalten. Lediglich die Bremsen entwickelten sich dank ABS-Technologie etwas weiter.

Den Umstand, dass bei Motorräder die PS-Zahl dramtisch hochgeschraubt wurde und das sog. "Kraftroller" auch immer leistungsstärker ... bei gleichbleibender sehr schwacher passiven Sicherheit blieben, kritisiert der Bericht kaum.

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