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15.10.2015

12:05 Uhr

VW-Abgasmanipulation

Trauriger Rückruf-Rekord mit Folgen

Quelle:Spotpress

Knapp 3000 Händler und Service-Partner hat die Marke VW in Deutschland – bei gleichmäßiger Zuweisung kämen auf jeden Betrieb 800 Reparaturen zu. In einem einzigen Jahr ist das wohl kaum zu schaffen.

Anordnung vom Kraftfahrt-Bundesamt

VW muss Millionen Autos zurückrufen

Anordnung vom Kraftfahrt-Bundesamt : VW muss Millionen Autos zurückrufen

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Rund 1,5 Millionen Fahrzeuge hat das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) im vergangenen Jahr zurückgerufen. Ein absoluter Rekordwert: Im Vorjahr hatte die Zahl gerade einmal knapp halb so hoch gelegen. Bald könnte sie sich erneut verdoppeln, denn allein Volkswagen muss im Zuge des Diesel-Skandals in Deutschland 2,4 Millionen Pkw zurückrufen.

Die Zahl ist immens. Zum Vergleich: Insgesamt verkaufte die Marke VW 2014 in Deutschland 3,04 Millionen Autos, der Jahresabsatz von Diesel-Modellen lag bei 1,45 Millionen. Alle Konzernmarken gemeinsam kamen gerade einmal auf rund 1,8 Millionen Diesel-Neuzulassungen.

Auch in Relation zu anderen großen Rückrufaktionen in Deutschland liegt die VW-Zahl hoch. Bisheriger Rekordhalter des laufenden Jahres dürfte BMW sein: Die Münchner mussten knapp 400.000 Fahrzeuge wegen möglicher Airbagfehler in die Werkstätten beordern.

VW-Sparvorschläge

Die fiktive Sparliste

Volkswagen steht mit der Bewältigung des Abgasskandals vor der größten Bewährungsprobe seit dem Wiederaufbau des Wolfsburger Werkes nach dem Jahr 1945. Die finanziellen Belastungen für Bußgelder und Schadensersatz könnten sich auf bis zu 40 Milliarden Euro belaufen, meinen Brancheninsider. Es könnte aber auch doppelt so teuer werden. Daher stehen einige liebgewonnene Posten des Konzerns auf dem Prüfstand. Das ist die fiktive Sparliste.

Das Marketing: Die Party ist vorbei

Feierlichkeiten waren bei Volkswagen bislang vom Allerfeinsten: Auf der Bühne standen gerne mal Robbie Williams, Lenny Kravitz, Mark Knopfler, Lang Lang oder die Pet Shop Boys. Und im Publikum tummelten sich Hollywood-Hüne Ralf Möller oder Sport-Ikonen wie Günter Netzer und Hans-Joachim Stuck. Die Musik für die üppigen Inszenierungen kam von Produzent Leslie Mandoki. Und der Kabarettist Django Asül sorgte für gute Laune. All das wird künftig genauso wenig passend erscheinen wie die Konzernabende im Vorfeld großer Automessen. Weit über tausend Gästen wurde dabei stets ein anderthalbstündiges Happening mit Licht und Showeffekten präsentiert, in dem alle Marken des Konzerns ihre Innovationen präsentierten. Kein anderer Hersteller betreibt nur annähernd einen solchen Aufwand der Selbstinszenierung. So kann Volkswagen auch getrost darauf verzichten. Genauso wie auf die Mini-Autoshows zur Hauptversammlung und zur Bilanzpressekonferenz. Eine zweite Halle im Stil einer Mini-IAA wird angesichts der Sparzwänge sicher kein Aktionär oder Journalist vermissen.

Die Gehälter: Das große und kleine Leiden

Der Aufschrei kam prompt: Die zu erwartenden Einschnitte dürfen nicht zulasten des kleinen Mannes gehen. Dass der kleine wie der große Mann bei Volkswagen künftig weniger in der Tasche haben wird, ist jedoch realistisch. Auffallen wird dies bei den Vorständen, die zuletzt ein Festgehalt zwischen einer und zwei Millionen Euro pro Jahr hatten. Durch eine einjährige variable Vergütung, eine mehrjährige variable Vergütung und eine Vergütung über vier Jahre kam Ex-Chef Martin Winterkorn im vergangenen Jahr sogar auf ein Gesamtsalär von 15,8 Millionen Euro. Andere Mitglieder im Vorstand verdienten um die sieben Millionen Euro. Bei allen dürfte in diesem Jahr mangels Erfolg weit weniger herauskommen. Aber auch das Gros der Belegschaft wird leiden müssen. Eine Ergebnisbeteiligung von 5 900 Euro bekam jeder Mitarbeiter für das vergangene Jahr bei der Marke VW, dazu zwölf Gehälter und ein kleines Urlaubsgeld. Da das Ergebnis schrumpfen wird, sinkt auch die Ergebnisbeteiligung. Die 1 545 Euro, die es immer im November quasi als Weihnachtsgeld gibt, sollen jedoch gezahlt werden.

Das Sponsoring: Der Werksclub steht auf dem Prüfstand

Beim Pokalfinale 2015 demonstrierte der Volkswagen-Konzern seine ganze Fußballmacht: Nicht nur, weil der Werksklub VfL Wolfsburg am Ende den Titel gewann, sondern auch weil selbst der Gegner Borussia Dortmund mit einem VW-Logo auf dem Ärmel auflaufen musste. Der Konzern ist nämlich auch Sponsor des gesamten Wettbewerbs. Mit dem Ausbruch des Abgasskandals soll das Pokal-Sponsoring nun auf den Prüfstand gestellt werden. Beim Werksklub VfL Wolfsburg soll nicht zu stark gespart werden. Für die Bundesliga ist das Volkswagen-Desaster indes ein Problem. Immerhin unterstützt der Konzern 21 von 36 Bundesligavereinen. Am VfL Wolfsburg, dem FC Bayern und dem FC Ingolstadt ist Volkswagen sogar direkt beteiligt. Wie stark der Sparkurs ausfallen wird, ist allerdings noch nicht klar. Die Verträge, die unter dem zurückgetretenen VW-Chef Martin Winterkorn geschlossen wurden, sind unabhängig von der Krise weiterhin gültig.

Die Modelle: Das Ende der Ladenhüter

Der kleine, sportliche Zweisitzer Eos war das erste Opfer – schon vor dem Abgasskandal. Weil er nicht den nötigen Erfolg beim Kunden hatte, wurde er aus dem Programm genommen. Die Luxuslimousine Phaeton könnte es als nächstes treffen. Die für Ende kommenden Jahres geplante Neuauflage ist mehr als fraglich. Das sind aber nicht die einzigen Nischenmodelle, bei denen ein hoher Aufwand nicht mit den Verkaufszahlen korreliert. Das Sportcoupé Scirocco hatte Volkswagen nach 16 Jahren Pause 2008 wieder aufgelegt. Die Verkaufszahlen blieben mit etwa jeweils 23.500 Stück in den vergangenen beiden Jahren jedoch überschaubar. Deutlich mehr, nämlich mehr als 90.000 Stück, wurden zuletzt vom Beetle verkauft, einer Reminiszenz an den kultigen Käfer. Kult sollte auch der Beetle wieder sein. Schließlich war es auch BMW gelungen, den Mini mit einem neuen Konzept zu reaktivieren. Doch verkauft der sich mehr als 300.000 Mal pro Jahr.

Schon das ist ein ungewöhnlich hoher Wert, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Für den längerfristigen Vergleich muss man auf ältere Angaben zurückgreifen, da das KBA keine nach Marken geordnete Rückrufstatistik veröffentlicht. 2010 jedoch hatte sich der Bundestag eine solche Aufstellung erbeten: Führend damals war Opel mit rund 367.000 zurückgerufenen Fahrzeugen. Die Summe verteilte sich mit 28 einzelnen Fehlern auf fünf Jahre.

Wie sich die 2,4 Millionen VW-Autos über die Statistik-Jahre verteilen ist noch unklar. Knapp 3.000 Händler und Service-Partner hat die Marke in Deutschland; bei gleichmäßiger Zuweisung kämen auf jeden Betrieb 800 Reparaturen. In einem einzelnen Jahr ist das wohl kaum zu schaffen.

International steht der VW-Rückruf - weltweit sind wohl bis zu elf Millionen Autos betroffen - zumindest aktuell noch nicht unter Rekordverdacht. Mit rund 50 Millionen Autos liegt hier der so genannte Takata-Rückruf an der Spitze. Allerdings betraf dieser gleich mehrere Hersteller, die Airbags des japanischen Zulieferers verbaut hatten.

Zu den größten Einzelaktionen der letzten Zeit zählte der Zündschloss-Rückruf bei General Motors. Die Amerikaner mussten 2014 rund 20 Millionen Fahrzeuge ihrer Marken in die Werkstatt beordern. Die Motoren der betroffenen Wagen können bei voller Fahrt ausgehen; bei Unfällen soll es bereits mehr als 300 Tote gegeben haben.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

15.10.2015, 13:13 Uhr

Wo ist eigenltich der Wirtschaftsminister, der sich vor die Deutsche Autoindustrie und Wirtschaft stellt und den Schaden für die gesamte Volkswirtschaft damit in Grenzen hält. Wo ist die Kanzlerin, die sich vor unsere Wirtschaft und Industrie zu stellen hat!
Die Basis für unseren Wohlstand sind die gut bezahlten Industriearbeitsplätze. Diese werden aber immer weniger unter der Grün-Sozialistischen Wirtschaft-Vernichtung-Politik ala Merkel, Gabriel und vor allen aller Umweltbundesamt!
Es geht hier um ABGASWERTE und das ABGASWERTE über den technischen und wirtschaftlichen Erfolg bestimmen können, dass ist ein perfides Ergebnis von politischer Gesetzgebung. Stichwort CO2-freie Gesellschaft/Wirtschaft ala Merkel und Gabriel!

Rainer von Horn

15.10.2015, 14:06 Uhr

Herr Hofmann,
der Wirtschaftsminister rechnet gerade aus, wieviel er durch die Erhöhung der Mineralölsteuer auf Dieselkraftstoff und die direkte Erhöhung der KFZ-Steuer für Diesel-PKW mehr einnehmen kann und wie viele E-Mobile, dann Mama-Merkel damit direkt beim Kauf subventionieren kann.

Internet-Gerüchten zufolge, soll sogar jedem Kulturbereicherer ein E-Mobil geschenkt werden, damit 2020 mindestens (!) die 1 Million E-Fahrzeuge, die Mama Merkel sich in ihrem rosaroten Sozi-Deutschland da ausgemalt hat über Deutschlands Strassen rollen. Und das Beste: die Beschenkten brauchen noch nicht mal den Führerschein zu machen, denn nach Deutschlands Grenzen sind auch Deutschlands Strassen sind vor denen nun auch nicht mehr zu beschützen....

Ironie aus.

Claus H.

15.10.2015, 14:55 Uhr

Und weil VW angeblich so wichtig ist für die deutsche Wirtschaft, darf es sich über geltende Gesetze hinwegsetzen? Wohl kaum.
Niemand hat VW zum Betrug gezwungen, es ging schlicht um Gewinnmaximierung auf Kosten der Allgemeinheit. Und dafür gibt es halt jetzt die Quittung. Arbeitsplatz-Gejammer und Rufe nach Hilfe aus der Politik sind da völlig fehl am Platz.

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