Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2015

10:03 Uhr

Automatischer Notruf wird 2018 Pflicht

Was E-Call für Autofahrer bedeutet

Quelle:Spotpress

Bei einem Unfall informiert das eigene Auto künftig selbstständig die Rettungsleitstelle. Wie das sogenannte E-Call-System funktioniert und was es neben helfen noch so kann.

Automatischer Notruf - eCall kommt 2018  ADAC

E-Call kommt 2018

Der Schalter für den in Neuwagen bald obligatorischen automatischen Notruf sieht nicht nach viel aus. Das System kann aber Leben retten.

Ab 31. März 2018 müssen alle neuen Pkw mit dem automatischen Notrufsystem E-Call ausgerüstet sein. Ein entsprechendes Gesetzt hatte das EU-Parlament am 28. April verabschiedet. Die Politiker wollen so die Zahl der Verkehrstoten pro Jahr um zehn Prozent senken. Im vergangenen Jahr kamen auf Europas Straßen 25.700 Menschen ums Leben.

Gegenüber dem ursprünglichen Entwurf haben die Abgeordneten die Datenschutzklausel des Gesetzes verschärft. Die vom System bei einem Unfall gesendeten Daten dürfen demnach lediglich Informationen zum Fahrzeugtyp, zum Treibstoff, zum Unfallzeitpunkt, zur Fahrzeugposition und zur Zahl der Insassen umfassen.

Zudem dürfen die Daten ohne ausdrückliche Zustimmung der Betroffenen nicht an Dritte weitergegeben werden. Die Fahrzeughersteller müssen außerdem gewährleisten, dass alle im Fahrzeug gespeicherten Daten vollständig und dauerhaft gelöscht werden können. So soll unter anderem verhindert werden, dass Autos mit eCall-Technik dauerhaft verfolgbar sind.

E-Call: Fragen und Antworten

Was ist E-Call?

Ein automatisches Notrufsystem für Autos. Wenn ein schwerer Unfall geschieht, wählt es automatisch die 112 und übermittelt den Standort des Fahrzeugs sowie die auf Autobahnen wichtige Fahrtrichtung. Außerdem baut es eine Gesprächsverbindung mit der Leitstelle auf. Auch manuell per Knopfdruck lässt sich der Notruf auslösen.

Warum braucht man das?

Die Technologie soll Leben retten. Denn sie könnte einen automatischen Notruf auch dann absetzen, wenn schwer verletzte Unfallopfer nicht mehr telefonieren können. Die EU-Kommission schätzt, dass das System die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes erheblich verkürzen kann. 2.500 Leben pro Jahr könnten so gerettet werden.

Was kostet es?

Wenn E-Call erst großflächig eingeführt ist, soll es laut EU-Kommission „deutlich weniger“ als 100 Euro je Neuwagen kosten. Bei Mercedes in der E-Klasse schlägt es derzeit (inklusive Mehrwertsteuer) mit rund 3.000 Euro zu Buche - dann ist es wie bei vielen Herstellern allerdings auch Teil eines umfassenden Audio- und Navigationssystems.

Wenn solch ein System an Bord ist, mache E-Call nur „ein paar Euros“ aus, erklärt ein Experte der EU-Kommission. Auch die Rettungsleitstellen müssten in einigen EU-Staaten noch für den Datenempfang ausgerüstet werden.

Wird der Autofahrer dadurch überwacht?

Darüber wird gestritten. So warnt der Deutsche Anwalt Verein vor dem „gläsernen Autofahrer“ und der Automobilclub von Deutschland (AvD) sieht in E-Call „die technische Grundlage für eine flächendeckende Überwachungsstruktur“. Die Mahner fürchten, dass Daten zu Fahrweise, Tempo und Bremsverhalten nach einem Unfall gegen den Nutzer verwendet werden könnten.

EU-Abgeordnete wollen dem vorbeugen: Sie möchten E-Call als „schlafendes System“ einführen, dass nur bei einem Unfall Daten sendet. Diese Informationen sollen etwa Angaben zur Fahrtrichtung, genutzten Sicherheitsgurten, dem Fahrzeugtyp und dem Unfallzeitpunkt enthalten.

Gibt es das nicht schon?

Ja. Etwa 0,7 Prozent aller Fahrzeuge in der EU haben laut EU-Kommission schon vergleichbare Technik an Bord. Die Opel-Mutter General Motors nimmt für sich in Anspruch, 1996 unter dem Namen Onstar das erste solche System ab Werk eingebaut zu haben. Onstar bot neben Verkehrsinformationen von Anfang an auch die Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Dank eines eingebauten GPS-Senders ließ sich das Fahrzeug bereits damals orten. Während der Erfolg in Deutschland eher verhalten war, zählt Onstar in den USA, Kanada und inzwischen auch in China mehr als sechs Millionen Kunden. Ford bietet - auch in Deutschland - ein ähnliches System namens Sync an. Mercedes Benz hat im Juni 2012 ebenfalls einen automatischen Notruf eingeführt.

Was kommt noch?

Noch fehlen die verbdinlichen EU-Vorgaben. Das Europaparlament hat am 26. Februar 2014 in Straßburg lediglich seine Position für die anstehenden Verhandlungen mit den EU-Staaten beschlossen. Die Gespräche könnten im Herbst beginnen. Ob die serienmäßige Einführung von eCall bei Autos und leichten Nutzfahrzeugen auf dem europäischen Markt wie geplant im Oktober 2015 klappt, bleibt abzuwarten.

Warum muss es europäische Vorgaben geben?

Die automatischen Notrufsysteme der einzelnen Hersteller decken nicht unbedingt alle EU-Länder ab. Außerdem geht der Anruf derzeit erst an eine Leitstelle, die im Auftrag der Hersteller und dann bei Bedarf an die 112 weiter verbindet, wie die EU-Kommission erläutert. Das ist ein Umweg. Deshalb basteln die EU-Gesetzgeber an Regeln für ein einheitliches System.

Die ab Frühjahr 2018 obligatorische Notruftechnik wird die europaweit einheitliche Notrufnummer 112 nutzen. Bereits heute bieten viele Autohersteller – darunter etwa BMW, Mercedes, Peugeot/Citroen, Opel und Volvo - ähnliche Systeme an, die in der Regel ein markeneigenes Call-Center kontaktieren. Die Technik funktioniert in allen Fällen aber ähnlich.

Die Fahrzeuge sind mit einem GPS-Empfänger zur Positionsbestimmung ausgestattet und verfügen zusätzlich über einen Mobilfunksender zur Übermittlung des Notrufes. Dieser wird ausgelöst, wenn die heute in allen modernen Fahrzeugen vorhandenen Sensoren einen Unfall melden. Herangezogen werden etwa Daten der Airbag-Steuerung und des Schleuderschutzes ESP.

Heikle Datenströme im Fahrzeug: Der überwachte Autofahrer

Heikle Datenströme im Fahrzeug

Der überwachte Autofahrer

Auto und Internet wachsen schnell zusammen. Experten fürchten nicht nur um die Sicherheit der Daten. Es ist auch unklar, wem diese eigentlich gehören.

Hinzu kommen teilweise Informationen fortschrittlicher Systeme wie Spurhalte- oder Bremsassistent. Bei der Einschätzung der Unfallart helfen zudem Sitzbelegungs- und Überschlagsensoren. In der Regel ist der Notruf auch manuell auslösbar.

Dass die Fahrzeughersteller schon vor der obligatorischen Einführung elektronische Notrufassistenten anbieten, hat seinen Grund. Die dabei notwendige Vernetzung des Fahrzeugs ermöglicht ihnen zahlreiche Zusatzdienste, von Concierge-Dienstleistungen über Pannenhilfe bis zur Fernabfrage von Fahrzeugdaten durch den Halter anzubieten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×