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21.07.2017

07:21 Uhr

Diesel-Affäre bei Daimler

Was der Diesel-Rückruf für Mercedes-Kunden bedeutet

Drei Millionen Diesel-Autos ruft Daimler in die Werkstätten, um ihnen zu hohe Stickoxidemissionen auszutreiben. Was etwa 70 Euro pro Fahrzeug bewirken können, wer betroffen ist, und wie es weitergeht.

Der Diesel ist in Verruf geraten. Alle großen Hersteller müssen aktuelle Fahrzeug- und Motorengenerationen nachbessern. Frank G. Heide

Kühlergrill eines Mercedes-Benz-Oldtimers mit Diesel-Motorisierung

Der Diesel ist in Verruf geraten. Alle großen Hersteller müssen aktuelle Fahrzeug- und Motorengenerationen nachbessern.

DüsseldorfNach neuen Vorwürfen in der Dieselaffäre und unter dem Druck der Diskussion über Fahrverbote weitet Daimler die schon laufende Nachrüstaktion für Diesel-Pkws massiv aus. Die laufenden „Servicemaßnahmen“ würden auf über drei Millionen Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz ausgedehnt, teilte der Stuttgarter Konzern am Dienstag mit.

Die Aktion für nahezu alle Dieselmotoren mit den Abgasnormen Euro 5 und auch der neuesten Euro 6 „werden in enger Zusammenarbeit mit den deutschen Zulassungsbehörden durchgeführt“. Mercedes muss – auf Anweisung des Kraftfahrt-Bundesamts – bereits seit Frühjahr 2016 mehr als 270.000 Fahrzeuge zurückrufen und die Abgasbehandlung nachbessern. Die deutliche Ausweitung der Nacharbeiten kommt nach Druck aus der Politik, Fahrverbote im Kampf gegen zu schlechte Luftwerte in Innenstädten zu verhängen.

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Die gesamten Kosten für die Maßnahme beziffert Daimler auf rund 220 Millionen Euro, also rund 70 Euro pro Fahrzeug. Die wichtigsten Fragen und Antworten in diesem Zusammenhang im Überblick:

Was wird Daimler vorgeworfen?

Die Stuttgarter stehen unter Verdacht, dass auch ihre Dieselmodelle deutlich mehr Stickoxide ausstoßen als bislang vermutet. Neben dem US-Justizministerium ermittelt seit diesem Jahr auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts auf Betrug, den der Konzern vehement bestreitet. Erst in der vergangenen Woche sickerte durch, dass die Ermittler mehr als eine Million manipulierte Motoren bei Mercedes vermuten. Daimler weist den Vorwurf zurück und verweist darauf, dass alle Autos in der Vergangenheit eine legale Zulassung erhalten hätten.

Um welche Autos geht es eigentlich?

Grob gesagt: Um ziemlich viele. Um genauer zu sein: Betroffen vom laufenden Rückruf sind zwei Turbodiesel-Modellfamilien, die intern mit OM (für Öl-Motor) abgekürzt werden: der OM 642, ein V6-Turbodiesel mit drei Liter Hubraum und der Vierzylinder OM 651 mit 1,8 oder 2,1 Liter Hubraum.

Diese Triebwerke kamen und/oder kommen in sehr vielen Mercedes-Modellen zum Einsatz, teilweise sogar in Chrysler-Modellen wegen der früheren Kooperation. Bei Mercedes betroffen sind nach gleichlautenden Informationen von „Autobild“ und „SZ“ unter anderem die Baureihen W 204, W 211, W 212, W 246, C 218, W 221, W 251, W 164, X 204 und W 166 sowie bei den Nutzfahrzeugen die Baureihen 639 und 906.

Was Autobesitzer über Rückrufaktionen wissen sollten

Zwei Arten von Rückrufen gibt es

Der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes definiert Rückrufaktionen als freiwillige Maßnahmen des Automobilherstellers oder vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) verordnete aktive Maßnahmen, die der Hersteller zur Beseitigung von Produktmängeln durchführen muss.

Die Voraussetzungen für einen erzwungenen Rückruf

Dafür muss für Fahrer oder Fahrzeug ein über das normale Maß hinaus deutlich erhöhtes Schadenrisiko bestehen. Solche Rückrufaktionen sollen Schäden vorbeugen oder abwenden und damit zivilrechtliche Haftungsansprüche der Autofahrer, strafrechtliche Konsequenzen für die Mitarbeiter der Hersteller, aber auch Imageverluste der betroffenen Marke vermeiden.

Der typische "stille" Rückruf

Bei den sogenannten „stillen“ Rückrufen handelt es sich um weniger schwerwiegende, nicht sicherheitsrelevante Mängel. Autohersteller nennen sie häufig „Serviceaktion“ oder „Produktoptimierung“ und beseitigen die Mängel während planmäßiger Werkstattaufenthalte wie Inspektionen. Manchmal sogar, ohne die Kunden darüber zu informieren.

Dürfen auch freie Werkstätten Arbeiten im Rahmen einer Rückrufaktion durchführen?

Diese Leistungen erfolgen ausschließlich in den von den Herstellern autorisierten Markenwerkstätten. 

Wer informiert über die Aktionen?

Die Fahrzeughalter bekommen Post vom jeweiligen Autohersteller, in besonderen Fällen außerdem vom KBA. Drohen ernsthafte Gefahren, kann das KBA dem Hersteller auch die Nutzung der Halterdaten auferlegen und die Rückrufaktion überwachen. Dann melden häufig bereits die Medien vorab den Rückruf. Von den „stillen“ Aktionen erfahren die Fahrzeughalter in der Regel nichts. 

Können sich Autofahrer auch selbst schlau machen?

Ja, Hersteller, Vertragswerkstätten, das KBA und der ADAC geben Auskunft. 

Müssen Autofahrer der Aufforderung zum Rückruf Folge leisten?

Auf jeden Fall. Schließlich besteht häufig ein erhöhtes Unfallrisiko. 

Was passiert, wenn sie es nicht tun?

Sie riskieren, dass ihre Fahrzeuge bei einem sicherheitsrelevanten oder sonstigen schwerwiegenden Rückruf über die örtliche Zulassungsbehörde vom KBA stillgelegt werden. Weil der Autobesitzer vor einem Wiederverkauf über den nicht wahrgenommenen Rückruf informieren muss, kann sich das außerdem nachteilig auf den Verkaufspreis niederschlagen, jedenfalls dann, wenn die Frist zur Fehlerbeseitigung abgelaufen ist. 

Wie schnell sollten Betroffene reagieren?

Das hängt vom Gefahrenpotenzial des Mangels ab. Danach bestimmt sich, ob der Hersteller eine Ausschlussfrist für die kostenlose Beseitigung festlegen darf. Nach Ablauf der Frist ist die Fehlerbehebung nur noch im Rahmen einer bestehenden Garantie oder der gesetzlichen Sachmängelhaftung gegenüber dem Verkäufer möglich.

Welche Kosten tragen die Autobesitzer?

Keine. Auch nach Ablauf der Herstellergarantie übernehmen die Autobauer in der Regel die Kosten aus Imagegründen und um das Vertrauen der Kunden nicht zu verlieren. Das gilt auch unabhängig davon, ob dem Käufer gesetzliche Sachmängelhaftungsansprüche zustehen oder nicht. 

Haben die Kunden in der Reparaturzeit einen Anspruch auf Mietwagen oder Nutzungsausfall?

Nein. Das trifft auch für Unternehmer zu, die das Fahrzeug während dieser Zeit gewerblich nicht nutzen können und somit Umsatz- und Gewinneinbußen hinnehmen müssen. Die Autobesitzer sind hier auf die Kulanz der Hersteller oder der Werkstätten angewiesen. 

Woran erkennen Gebrauchtkäufer, dass das Fahrzeug bei einer Rückrufaktion war?

Die Teilnahme wird sowohl im Serviceheft als auch in der Datenbank des Herstellers vermerkt. Meist erhalten die Fahrzeuge darüber hinaus auch einen Hinweisaufkleber beispielsweise in der Reserveradmulde.

Der bereits im Jahr 2005 in der C- und E-Klasse eingeführte V6-Turbodiesel (OM 642) steckt in der M-, R-, G-, GL- und S-Klasse, außerdem im GLK, CLK und CLS sowie den Vans Vito und Viano und im Sprinter. Beim OM 651 sind A-, B-, CLA- und GLA-Klasse betroffen, ebenso SLK-Roadster, S-Klasse, Vito, V-Klasse und Sprinter. Auch in seinen Hybridmodellen setzt Mercedes den OM 651 ein.

Von dem Rückruf ausgeklammert sind lediglich die Fahrzeuge mit der modernsten Motorengenerationen OM 654. Diese werden laut Daimler-Chef Dieter Zetsche auch zukünftige Emissionsstandards erfüllen können.

Um welche Modellvarianten genau es bei der aktuellen Ausweitung des laufenden Rückrufs geht, hat Daimler bislang nicht veröffentlicht, obwohl genau dies ja für Halter interessant wäre, die sich auf Werkstatttermine und mögliche drohende Wertverluste einstellen müssen.

Wie erkenne ich, ob mein Modell betroffen ist?

Entweder warte ich den Brief des Herstellers beziehungsweise der Werkstatt ab, oder ich schaue direkt am Auto nach. War die Motornummer früher noch fester Bestandteil der Zulassungspapiere, so sucht man heute dort vergeblich. Am sichersten ist es also, die Motornummer direkt vom Motor abzulesen. Dies kann jede Werkstatt bei Ihrem nächsten Besuch übernehmen. Im Serviceheft des Fahrzeugs wird die Motornummer ebenfalls vermerkt. Man sollte sie aber nicht mit der Fahrzeugidentifikationsnummer verwechseln, umgangssprachlich Fahrgestellnummer genannt.

Link zum Thema: Welches Mercedes-Modell mit welchem Motor unterwegs ist

Wie geht es für betroffene Kunden weiter?

Halter betroffener Fahrzeuge werden bei freiwilligen Rückrufaktionen, und um eine solche handelt es sich zurzeit, üblicherweise vom Hersteller direkt angeschrieben und gebeten, sich mit ihrer Vertragswerkstatt wegen eines Termins in Verbindung zu setzen. Auf seiner Facebook-Seite kündigt Mercedes-Benz genau das auf Nachfrage von Nutzern an: „Sollte Ihr Fahrzeug von unserem Zukunftsplan für Diesel-Antriebe betroffen sein, werden Sie darüber in Kürze auf dem Postweg informiert.“

Die Autos erhalten dann eine neue Software, die für niedrigere Stickoxidemissionen sorgen sollen. Die Umsetzung der Nachbesserung wird sich auch wegen der Menge der betroffenen Fahrzeuge bis weit in das kommende Jahr ziehen. Die rund einstündige Maßnahme soll für Kunden kostenlos sein, verspricht der Hersteller, den das Ganze mindestens 220 Millionen Euro kosten wird. Was angesichts eines Milliardengewinns und Rekordzahlen beim Absatz allerdings für den Konzern leicht zu verkraften sein wird.

Kommentare (11)

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Herr Norman Fischer

19.07.2017, 14:31 Uhr

Muss der Hersteller denn nicht gerichtsfest nachweisen, dass mit dem Update keine Nachteile entstehen? Bisher sehe ich nur Lippenbekenntnisse.

Wenn die Behebung des Problems nun so einfach ist, gibt es keine Erklärung dafür, warum geschummelt werden musste.

Vielmehr gehe ich davon aus, dass es Nachteile für den Autobesitzer gibt. Der ADAC hat ja bereits einen höheren Verbrauch festgestellt. Für den Normalverbraucher nicht so einfach feststellbar, da der Verbrauch von vielen, wechselnden Faktoren abhängt, wie Verkehrslage und Streckenbeschaffenheit.

Naütlich soll der Schadstoffausstoß verringert werden. Insbesondere auch im Interesse der Nichtautofahrer, die diese Schadstoffe ja genauso einatmen und nichts dafür können.

Aber wenn für den KFZ-Besitzer Nachteile entstehen, und da bin ich mir sicher dass es die gibt, so muss er entschädigt werden. Weil er beim Kauf betrogen wurde. Schlicht und einfach.

Herr Norman Fischer

19.07.2017, 15:22 Uhr

Daimer hatte doch bis neulich steif und fest behauptet, nicht geschummelt zu haben.

Jetzt wird so getan, als sei die Umrüstung eine freiwillige Leistung zum Wohle der Kunden.

Novi Prinz

19.07.2017, 15:31 Uhr

Hier hätte der Hinweis hingehört , dass der Kunde an der freiwilligen Leistung teilnehmen , sich aber weitere Schadenersatzansprüche ausdrücklich vorbehalten sollte ! A D A C ? Wo haben die denn geschlafen bei der ganzen Angelegenheit ?
oder waren die v o l l informiert ?

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