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19.04.2012

12:45 Uhr

Gebrauchtwagen

Manipulierter Tacho berechtigt zur Fahrzeugrückgabe

Quelle:dpa

Bei 30 Prozent der hierzulande gehandelten Gebrauchtwagen ist nach ADAC-Schätzung der Kilometerstand gefälscht. Autokäufer können Betrügern aber nur schwer auf die Schliche kommen.

Stimmt der Tachostand? Falls nicht, haftet der Autohändler mindestens ein Jahr lang. dpa

Stimmt der Tachostand? Falls nicht, haftet der Autohändler mindestens ein Jahr lang.

MünchenManchmal fliegt der Schwindel bei einer Inspektion oder Reparatur plötzlich auf: «Der Kilometerstand ihres Wagens wurde manipuliert», bekommen Autobesitzer dann von aufmerksamen Werkstattmitarbeitern zu hören. Beim Gebrauchtwagenkauf sind sie Betrügern aufgesessen: Die angezeigte Laufleistung des Autos wurde verringert, um mehr Geld dafür herauszuschlagen. «Fällt ein Tachobetrug im ersten Jahr nach dem Kauf auf, stehen die Chancen für die Autobesitzer gut, den Kaufpreis zurückzubekommen - vor allem wenn sie den Wagen vom Händler haben», sagt ADAC-Rechtsexperte Ulrich May. «Ein manipulierter Tacho ist ein Sachmangel am Fahrzeug», erläutert May.

Und dafür müssen Autohändler mindestens ein Jahr lang haften. «Auch dann, wenn sie von dem gefälschten Kilometerstand selbst gar nichts wussten», betont der Jurist. Private Autoverkäufer können die Sachmängelhaftung vertraglich ausschließen. Das macht die Rückgabe eines Fahrzeugs mit geändertem Tachostand laut May schwieriger, aber nicht unmöglich: «Der Käufer muss dem Verkäufer dafür beweisen, dass dieser von der Manipulation gewusst und diese arglistig verschwiegen hat.»

Was es beim Gebrauchtwagenkauf zu beachten gibt

Fahrzeugbesichtigung

Die Mängelsuche beginnt mit einem Rundgang ums Auto. In aller Ruhe sollten Spalte an Stoßfängern, Türen und anderen Anbauteilen in Augenschein genommen werden. Gibt es Unterschiede bei den Spaltmaßen, lässt das meist auf einen Unfallschaden schließen. Gleiches gilt, wenn Reifen unterschiedlich stark abgefahren sind oder das auf den Fahrzeugleuchten angegebene Produktionsdatum nicht mit dem Baujahr des Autos übereinstimmt. Dann wurden die Leuchten schon einmal ausgewechselt - möglicherweise nach einem Crash.

Papiere prüfen

Vor allem bei jüngeren Gebrauchtwagen sollte es unbedingt ein Serviceheft geben, in dem die Fahrzeugwartung lückenlos dokumentiert ist. Zusätzliches Vertrauen schaffen Kundendienstrechnungen, Reparaturnachweise und Prüfberichte. Viele Vorbesitzer im Fahrzeugbrief (Zulassungsbescheinigung Teil II) könnten trotz allem auf ein Montagsauto hindeuten - mehr als zwei Halter in fünf Jahren oder drei in sieben Jahren sind verdächtig.

Blick unter die Haube

Abgeplatzter Lack und Beschädigungen an Schraubverbindungen der Karosserieteile im Motorraum können ein Hinweis auf größere Reparaturen sein. Ölspritzer und Wasserflecken begründen den Zweifel an einem einwandfreien Antrieb. Aber auch ein sehr sauberer Motorraum sollte stutzig machen: Mit einer Motorwäsche könnten Spuren beseitigt und Undichtigkeiten kaschiert worden sein.

Rostsuche

Um Korrosionsschäden an der Karosserie auf die Spur zu kommen, lohnt ein Blick in verborgene Ecken, etwa unter den Kofferraumteppich, hinter die Tankklappe und in die Radkästen. Mit etwas Fingerspitzengefühl lässt sich Rost hinter den Schwellern ertasten. Korrosion unter dem Lack ist an einer welligen oder pickeligen Oberfläche zu erkennen. Muffiger Geruch im Innenraum deutet auf Feuchtigkeit im Wagen hin. In diesem Fall nach Möglichkeit den Teppich anheben und nach Wasserpfützen und Rost suchen.

Lack-Check

Ausgebesserte Unfallschäden lassen sich mit bloßem Auge oft nicht erkennen. Indizien dafür sind Farbspuren an eigentlich unlackierten Teilen wie Gummidichtungen und Federbeinen sowie unterschiedlich helle oder matte Lackstellen, die am besten im Tageslicht zu sehen sind. Wenn der Verdacht besteht, dass einzelne Stellen nachlackiert wurden, kann eine Lackdichtenmessung in einer Werkstatt Gewissheit schaffen.

Systemtest

Vor der Probefahrt sind sämtliche Fahrzeugfunktionen zu testen - von der Klimaanlage über elektrische Außenspiegel oder Sitzheizungen bis zum Radio. Unterwegs bleibt die Musik aus, da sie verdächtige Fahrgeräusche übertönen könnte. Beim Einschalten der Zündung müssen die Kontrollleuchten im Cockpit wie für ABS, ESP und Airbags kurz aufleuchten und beim Motorstart erlöschen. Leuchten einzelne Lämpchen weiter oder blinken sie erst gar nicht auf, stimmt etwas nicht. In der Bedienungsanleitung eines Autos sind alle Kontrollleuchten aufgeführt.

Probefahrt

Mal eben eine Runde ums Autohaus zu drehen, reicht nicht. Zur Probefahrt gehören eine Überlandetappe mit mehr als 80 km/h und eine Autobahnfahrt mit 120 km/h. Denn Mängel wie eine verzogene Spur, eine ausgeschlagene Lenkung oder defekte Stoßdämpfer machen sich meist erst bei höheren Geschwindigkeiten bemerkbar. Ein Fahrzeug zieht dann zur Seite, fühlt sich schwammig an oder liegt schlecht in der Kurve. Eine hakelige Schaltung, starke Vibrationen und Ruckbewegungen deuten auf Antriebsprobleme hin.

Tachostand

Bei älteren Autos mit vielen Gebrauchsspuren, aber nur geringer Laufleistung könnte der Tachostand manipuliert sein. Kilometerangaben im Inspektionsheft, auf Prüfberichten, Werkstattrechnungen oder dem Ölwechsel-Aufkleber im Motorraum lassen womöglich einen Betrug auffliegen. Aufschluss darüber könnten auch Nachfragen bei den Vorbesitzern geben, mit welchem Kilometerstand der Wagen jeweils weiterverkauft wurde.

Sachverständiger

Sobald auch nur geringste Zweifel daran aufkommen, dass ein Gebrauchter unfallfrei und technisch in Ordnung ist, sollten Kunden das Auto vor dem Kauf von einem unabhängigen Sachverständigen von TÜV, GTÜ, KÜS oder Dekra begutachten lassen. Das lässt sich in der Regel gut mit einer Probefahrt vereinbaren. Ist der Verkäufer damit nicht einverstanden, könnte er etwas verbergen wollen. Dann gilt grundsätzlich: Finger weg und nach einem anderen Auto suchen.

Seriösen Anbieter erkennen

Ein vertrauenswürdiger Gebrauchtwagenanbieter spricht offen über Vorschäden und Mängel an einem Auto. Er liefert eine lückenlose Fahrzeugdokumentation und im besten Fall ein technisches Gutachten von unabhängiger Stelle mit. Kunden dürfen den Gebrauchten in Ruhe besichtigen, ausführlich Probe fahren, und sie bekommen genügend Bedenkzeit vor dem Kauf. Bei Privatverkäufern gibt es meist günstigere Preise, bei Händlern dafür eine Gebrauchtwagengarantie. Oft können kleine Händler bessere Preise machen als große, da bei ihnen weniger Gemeinkosten auflaufen.

Sein Tipp: Wenn das Auto noch weitere Vorbesitzer hat, lässt sich mit deren Hilfe und etwas Glück womöglich eine realistische Laufleistung rekonstruieren, um den Betrug nachzuweisen.

Die vom ADAC angenommene Zahl der Tachobetrugsfälle ist erschreckend hoch: Der Münchner Automobilclub schätzt, dass «der Kilometerstand bei rund 30 Prozent der Gebrauchtwagen, die in Deutschland jährlich den Besitzer wechseln, manipuliert ist.» 2011 dürfte demnach bei gut 2 Millionen Fahrzeugen die Laufleistung vor dem Verkauf «geschönt» worden sein.

Bei Autos mit digitalem Kilometerzähler ist das dem ADAC zufolge binnen 30 Sekunden möglich. Die Gefahr für Gebrauchtwagenkäufer, Tachobetrügern auf den Leim zu gehen, ist somit ziemlich groß. «Und Laien haben leider kaum eine Chance, einen manipulierten Wagen zu erkennen», gibt May zu bedenken. Ein gutes Indiz dafür, dass der Kilometerstand eines Autos stimmt, sei ein lückenlos gepflegtes Serviceheft. «Doch Vorsicht: Dieses Dokument könnte gefälscht sein.»

Schon beim leisesten Verdacht einer Tachoschwindelei sollten Gebrauchtwagenkunden das Auto vor dem Kauf deshalb einem unabhängigen Sachverständigen vorführen. Oder sie versuchen, den früheren Besitzer ausfindig zu machen, und erkundigen sich nach der Laufleistung, mit der dieser den Wagen beim Händler abgegeben hat. Grund zur Skepsis geben bei der Besichtigung vermeintlich wenig gelaufener Fahrzeuge laut May zum Beispiel stark abgegriffene Lenkräder und Schaltknüppel, verschlissene Sitze oder andere deutliche Gebrauchsspuren.

«Kommt ein Gebrauchtwagengeschäft zustande, sollte der Käufer grundsätzlich darauf bestehen, dass im Vertrag die exakte Laufleistung des Autos notiert wird und nicht nur der Vermerk: Kilometerstand abgelesen», betont May. Das erleichtere die Beweisführung, wenn im Nachhinein ein Tachobetrug bemerkt wird.

Der ADAC fordert schon länger von den Autobauern, dass diese die Kilometerzähler ihrer Modelle vor technischer Manipulation schützen. Laut dem Automobilclub ließe sich das für wenige Euro pro Fahrzeug realisieren. Das sei noch nicht geschehen, weil sich die Hersteller für den Gebrauchtwagenmarkt kaum interessieren würden, sagt ein ADAC-Sprecher. Nach Berechnungen des Autoclubs entsteht jedem Autokäufer, der einen Gebrauchten mit manipuliertem Tacho erwischt, durch den geringeren Fahrzeugwert im Schnitt ein Schaden von rund 3.000 Euro. Hinzu kämen weitere Kosten, weil für ältere Autos meist mehr Wartungs- und Reparaturkosten anfielen.

Bei BMW, so Pressesprecherin Michaela Wiese, basiere der Tacho-Schutz auf einer Kombination aus speziell für BMW entwickelten Bauteilen und der Verteilung der Funktion auf mehrere Steuergeräte. Daher sei eine Manipulation des Kilometerstandes über Diagnose-Tools bei aktuellen (ab Produktion 2000) BMW-Modellen nicht möglich. Eine potenzielle Manipulation des Kilometerstandes hinterlasse eindeutige Spuren, da dafür ein Ausbau und Zerlegen des Tachometers notwendig sei. Eine Prüfung der neuen Geräte, die seit neustem im Internet angeboten werden und die Manipulationsmöglichkeit in Aussicht stellen, laufe aktuell. Bis jetzt konnte diese Manipulationsmöglichkeit nicht bestätigt werden.

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