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09.08.2017

15:26 Uhr

Geld für alte Diesel

Für wen sich die Abwrackprämie lohnt

2000 Euro von Daimler, 8000 Euro von Ford, 10.000 Euro von Audi: Die Hersteller überbieten sich mit Rabatten für umweltfreundliche Autos. Doch für wen sind die Prämien sinnvoll?

Diesel-Abwrackprämie

„Die Rabatte sollen nicht entschädigen, sondern Absätze aufbessern“

Diesel-Abwrackprämie: „Die Rabatte sollen nicht entschädigen, sondern Absätze aufbessern“

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Beim Dieselgipfel haben die deutschen Autohersteller nicht nur Hardware-Lösungen abgewehrt und sich zu Software-Updates für jüngere Dieselmodelle verpflichtet. Mit Verkaufsförderprogrammen sollen zudem besonders alte Dieselwagen mit hohem Schadstoffausstoß von der Straßen geholt werden. Ob damit das eigentliche Ziel - nämlich Fahrverbote in einzelnen deutschen Städten zu verhindern - erreicht werden kann, bleibt aber fraglich. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was bieten die einzelnen Hersteller an?
Mit einer Abwrackprämie von bis zu 10 000 Euro für alte Dieselautos der Schadstoffklassen Euro 1 bis Euro 4 klotzt der VW-Konzern und hat sich an die Spitze der Hersteller gesetzt. Der bis zum Jahresende befristete Preisnachlass ist bei den Konzernmarken nach der Größe des gewünschten Neuwagens gestaffelt: Beim Geländewagen VW Touareg gibt es 10 000 Euro Nachlass, beim kleinen Polo sind es nur 3000 Euro. Der Neue muss nicht zwingend ein Diesel sein. Mit einer zusätzlichen „Zukunftsprämie“ von bis zu 2380 Euro beim Kauf eines Vollstromers legen die Wolfsburger als Verursacher des Skandals um manipulierte Diesel-Abgaswerte noch einen oben drauf. Daimler hat bislang 2000 Euro Prämie ausschließlich für Mercedes-Alt-Diesel ausgelobt, BMW zahlt die gleiche Summe ohne Ansehen der in Zahlung gegebenen Marke. Andere Hersteller wie Ford oder Toyota haben ihre schon zuvor laufenden Prämienprogramme um eine Diesel-Komponente aufgestockt.

Für wen lohnen sich die neuen Kaufanreize?

Sie könnten sich für die rund 6,4 Millionen Besitzer alter Diesel lohnen, sofern diese ohnehin gerade über die Anschaffung eines Neuwagens nachdenken. Das sind vielleicht gar nicht so viele, mutmaßt zumindest der Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Eine Kaufprämie, die nur einen Bruchteil des Preises für ein neues Fahrzeug ausmacht, führt doch nicht zum Neukauf und ist damit völlig absurd“, sagt ihr Mobilitätsexperte Gregor Kolbe. Allerdings können 5000 Euro für einen Golf oder 8000 Euro für einen Passat durchaus schon ein Viertel des Listenpreises ausmachen. Interessenten sollten die Angebote daher genau prüfen und miteinander vergleichen.

Werden die neuen Rabatte zusätzlich zu bestehenden Angeboten gewährt?

Das ist Verhandlungssache. Händler könnten zunächst versuchen, die bisherigen Rabatte zurückzufahren und stattdessen die von den Herstellern finanzierte Prämie in den Vordergrund zu stellen. Ob darüber hinaus dann noch Verhandlungsspielraum besteht, muss letztlich jeder Käufer selbst herausfinden, wobei auch der tatsächliche Restwert des eigenen Alt-Autos zu berücksichtigen ist. Die Preishoheit habe letztlich der Händler, sagt VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann. Bei dafür qualifizierten Elektroautos kann auch weiterhin die von Staat und Herstellern gemeinsam finanzierte „Umweltprämie“ von bis zu 4000 Euro in Anspruch genommen werden.

Die Ergebnisse des Dieselgipfels

Verantwortung

Die Verantwortung, für die Einhaltung der NOx-Grenzwerte von Diesel-Autos zu sorgen, sieht die Politik „zu allererst“ bei den Autoherstellern. Bei denen sei nach den unzulässigen Diesel-Abgasmanipulationen und angesichts des Verdachts illegaler Kartellabsprachen eine neue Verantwortungskultur nötig.

Grundsätzliche Zielsetzung

Den Unternehmen wird aufgegeben, „ein rasches, umfassendes und belastbar wirksames Sofortprogramm zur Minderung der NOx-Belastungen“ durch Dieselfahrzeuge sowie technologische Anstrengungen zur Optimierung der Dieseltechnologie einzuleiten. Es bedürfe zudem „eines starken Beitrages“, um betroffene Kommunen zu unterstützen, Fahrverbote zu vermeiden.

Umrüstung

Die deutschen Autofirmen sagten zu, insgesamt 5,3 Millionen Diesel-Fahrzeuge nachzurüsten, wobei aber in dieser Zahl bereits 2,5 Millionen nachgerüstete Diesel-Pkw von Volkswagen enthalten sind. Es geht um Fahrzeuge der Schadstoffklassen Euro 5 und Euro 6. Die Kosten tragen die Hersteller, wobei sie allein das nach Angaben des VDA rund 500 Millionen Euro kosten wird. Zudem sichern die deutschen Autobauer zu, dass den Fahrzeughaltern durch die Nachrüstung keine Folgeschäden entstehen und die geltenden Anforderungen an Schadstoff- und C02-Ausstoß eingehalten werden.

Umstiegsanreize

Die Autobauer haben eigene Anreizprogramme zugesagt, um den Umstieg von älteren Diesel-Autos auf Fahrzeuge mit moderner Abgasreinigung oder Elektro-Autos zu fördern. BMW zum Beispiel zahlt europaweit bis zu 2000 Euro als Anreiz für den Umstieg von einem alten Diesel-Modell des Herstellers auf ein schadstoffärmeres Fahrzeug. Zu den Kosten des Umstiegs machten die Konzerne noch keine Detailangaben.

Fonds „Nachhaltige Mobilität“

Zur Unterstützung der Kommunen bei der Luftreinhaltung soll es einen Fonds „Nachhaltige Mobilität in der Stadt“ im Gesamtumfang von 500 Millionen Euro geben. Die Hälfte davon will der Bund beisteuern. Den Rest sollen die deutschen Autokonzerne gemäß ihrem Marktanteil zahlen. Auch ausländische Wettbewerber in Deutschland will die Regierung zur Beteiligung drängen.

Ausländische Hersteller

Die internationalen Konkurrenten der deutschen Autofirmen werden aufgefordert, vergleichbare Maßnahmen zur Abgasminderung zu ergreifen und sich an der Initiative zu beteiligen. Dass sie das bislang nicht tun wollen, nannte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt „völlig unakzeptabel“ und kündigte Druck an.

Stärkere Kontrollen

Der Bund will die Abgas-Kontrollen mit regelmäßigen Stichproben-Prüfungen des KBA bei zugelassenen Fahrzeugen verstärken. Die Wirksamkeit der Nachrüstung soll durch das KBA und andere Genehmigungsbehörden geprüft werden.

Bund will Schadstoffminderung stärker fördern

Der Bund will darüber hinaus seine „Förderkulissen für emissionsmindernde Maßnahmen im städtischen Verkehr“ erweitern und ausbauen. Das gilt etwa für die Anschaffung von Elektrobussen im öffentlichen Nahverkehr und emissionsärmeren Nutzfahrzeugen.

Perspektiven

Die technische Nachrüstung von Diesel-Autos wird von der Politik nur als erster wichtiger Schritt zur Senkung des Stickoxid-Ausstoßes eingeordnet. „Weitere Schritte müssen folgen“, heißt es. Auf dem Tisch ist dabei auch noch die Forderung weitergehender, teurerer Umrüstungen.

Ist man denn mit einem neuen Diesel vor Fahrverboten sicher?

Das ist keineswegs ausgemacht. Nach Messungen des Umweltbundesamtes wie auch des klagefreudigen Vereins Deutsche Umwelthilfe (DUH) stoßen auch aktuelle Euro-6-Diesel im realen Betrieb ein Vielfaches der von der EU erlaubten Grenzwerte gesundheitsschädlicher Stickoxide aus. Sofern es sich um Modelle deutscher Hersteller handelt, sollen sie wie die Euro-5-Diesel lediglich mit einem Software-Update etwas sauberer gemacht werden. Ein neuer Diesel sei derzeit überhaupt kein Garant dafür, von drohenden Fahrverboten nicht betroffen zu sein, sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Die DUH will nach Aussagen ihres Chefs Jürgen Resch den Klageweg weiter verfolgen, er rechnet mit Fahrverboten etwa in Stuttgart und München bereits im kommenden Jahr. Dann wird auch das Bundesverwaltungsgericht entscheiden, ob eine Kommune überhaupt ein Verbot aussprechen darf.

Kommentare (2)

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Herr Chris Frank

09.08.2017, 16:10 Uhr

Das sind doch ganz normale Rabatte. 10 T€ bei Kauf eines VW Touareg, wo wir mit den sinnvollen/ wünschenswerten Extras locker bei 70-75 T€ landen sind jetzt nichts so außergewöhnliches. Je nach Markt- und Lagersituation der Herstellers/ Händlers war das auch in der Vergangenheit drin. Wenn wir mal bei 40-50% Rabatt bei der Rückgabe eines Altfahrzeugs sind, dann können wir darüber reden, dass das wirklich berichtenswert ist...

Frau Edelgard Kah

09.08.2017, 16:55 Uhr

Ich kenne niemand, der beim Neukauf seines Fahrzeugs den Listenpreis bezahlt hat. Mit ein klein wenig Verhandlungsgeschick und Hinweise auf die Internet-Angebote erhält jeder Käufer einen satten Rabatt. Die Autofirmen mögen ihn fortan umbenennen und als "Umweltprämie" deklarieren. Aber von dieser Namensänderung profitiert der Kunde nicht.

Auf einem anderen Blatt steht, dass alle angebotenen Dieselfahrzeuge die EU-Vorschriften über den NOX-Ausstoss nur auf dem Prüfstand erfüllen, im realen Fahrbetrieb aber um Längen verfehlen. Dass solche Fahrzeuge auch in Zukunft in die Innenstädte einfahren dürfen, ist eher unwahrscheinlich. Für nicht zukunftssichere Fahrzeuge hohe Beträge auszugeben, halte ich für eine Dummheit. Bis es einen "clean Diesel" zu kaufen gibt, behelfe ich mich mit billigen Gebrauchtfahrzeugen.

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