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08.10.2015

12:49 Uhr

Kfz-Versicherungen

Warum „Familie Ford“ wenig für die Autohaftpflicht zahlt

VonJohannes Steger

Wer aus Bequemlichkeit nie Kfz-Versicherungen vergleicht, dem kann viel Geld verloren gehen. Versicherungsexperte Thomas Köhne über die Preisspannen zwischen den Anbietern, Risikobewertung und teure Musterkunden.

Wer ein Familienauto fährt, kann sich über niedrigere Kfz-Versicherungstarife freuen als Singles. Frank G. Heide

Wer ein Familienauto fährt, kann sich über niedrigere Kfz-Versicherungstarife freuen als Singles.

Der 30. November ist für viele deutsche Autofahrer Kündigungsstichtag für ihre Kfz-Versicherung. Ein Wechsel kann sich lohnen, denn bei Deutschlands Kfz-Versicherungen herrschen beachtliche Unterschiede. Eine Studie des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin im Auftrag der Direct Line Versicherung kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Der Abstand zwischen dem jeweils teuersten und günstigsten Angebot liegt bei durchschnittlich 1.309 Euro. Professor Thomas Köhne, Autor der Studie, über die Ergebnisse und Empfehlungen für Versicherte.

Die Studie zeigt auch deutliche Preisunterschiede zwischen den einzelnen Regionen. Wie sind diese zu erklären?
Das liegt primär an den Risiken. Es gibt regionale Unterschiede, die diese bestimmen. Die Schadenerwartungswerte sind unterschiedlich hoch. In Städten herrscht mehr Verkehr als auf dem Land. Zudem liegt dort auch die Zahl der Einbrüche und Diebstähle höher. Aber auch nicht jede Stadt ist wie die andere: Berlin ist zum Beispiel sehr teuer. Denn hier herrscht ein hohes Verkehrsaufkommen und eine hohe Verkehrsdichte. Und auch die Diebstahlquote ist relativ hoch.

Städte mit den größten Preisunterschieden bei der Kfz-Versicherung

Platz 1

Der Preisunterschied zwischen günstigstem und teuerstem Angebot im Durchschnitt aller zehn Musterkunden in der Studie „Marktstudie zur Preissituation im deutschen Kfz-Versicherungsmarkt“ liegt in der deutschen Hauptstadt bei 1.595 €.

Platz 2

Hamburg: 1.516 €

Platz 3

Essen: 1.472 €

Platz 4

München: 1.435 €

Platz 5

Frankfurt: 1.412 €

Platz 25

Melle: 1.182 €

Platz 26

Borken: 1.166 €

Platz 27

Gotha: 1.154 €

Platz 28

Wittenberge: 1.135 €

Platz 29

Warburg: 1.135 €

Platz 30

Wismar: 1.084 €

Welcher Kunde zahlt am meisten?
Im Rahmen der Studie haben wir mit Musterkunden gearbeitet. Tendenziell zahlt der ‚Single Audi‘ mehr als andere, weil das Auto teurer und diebstahlgefährdeter ist – das Risiko ist also höher. Dasselbe gilt beispielsweise für den Musterkunden ‚Selbstständig BMW‘. Der fährt viel und das Auto hat eine höhere Diebstahlquote. Auch der Musterkunde ‚Student‘ zahlt im Durchschnitt mehr, weil er tendenziell weniger Fahrerfahrung mitbringt. Das alles beruht natürlich nur auf Statistiken – bauen junge Leute und Studenten mehr Unfälle, steigt die Risikoprämie.

Wer ist denn günstiger unterwegs?
Musterkunde ‚Familie Ford‘ ist durchweg günstiger über alle Regionen. Genauso wie die Ehefrau mit dem Zweitwagen, da spielen dann manche Versicherer mit dem Zweitwagenrabatt mit hinein.

Musterkunden der Studie

Single Audi

Herr M. ist 37 Jahre alt, Single und verfügt über kein eigenes Wohneigentum.Der Angestellte fährt einen Audi A4 1.8 TFSI Quattro (160 PS), den er im September 2015 gekauft hat. Die Erstzulassung erfolgte im August 2012.Seinen Führerschein erhielt er im Jahr 1996. Herr M. nutzt sein Fahrzeug überwiegend privat und legt ca. 15.000 km im Jahr zurück. Er hat die Möglichkeit, seinen Wagen in einem Carport unterzustellen. Er befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 13 (KH und Kasko) und wünscht eine Selbstbeteiligung von 150 bzw. 300 Euro (TK bzw. VK). Der Fahrerkreis ist im Rahmen seiner gewählten Versicherung beliebig ab 20 Jahren. Zu seinen Wunschleistungen gehören ein Schutzbrief sowie die freie Werkstattwahl.

Quelle: „Marktstudie zur Preissituation im deutschen Kfz-Versicherungsmarkt“

Single Peugeot

Frau S. ist 32 Jahre alt, Single und besitzt kein eigenes Wohneigentum. Die Angestellte fährt einen Peugeot 207 (1,6l 120 Vti, 120 PS), den sie als Neuwagen erworben hat. Der Kauf und die Erstzulassung erfolgten im September 2015. Ihren Führerschein machte Frau S. im Jahr 2002. Sie nutzt den PKW ausschließlich privat und stellt diesen in einer abgeschlossenen Tiefgarage ab. Frau S. fährt 10.000 km im Jahr. Sie befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 12 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 bzw. 300 Euro (TK bzw. VK). Der Fahrerkreis ist im Rahmen ihrer gewählten Versicherung beliebig ab 20 Jahren. Zu ihren Wunschleistungen gehört ein Schutzbrief.

Paar Porsche

Herr B. ist 55 Jahre alt, verheiratet und hat keine Kinder. Er arbeitet als Angestellter und wohnt in einer Eigentumswohnung. Der Besitzer eines Porsche Cayenne 220 kW (300 PS) verfügt über eine abgeschlossene Einzel-/Doppelgarage und nutzt sein Auto teils geschäftlich, aber überwiegend privat. Den Führerschein hat Herr B. seit 1978. Den Neuwagen hat Herr B. im September 2015 gekauft. Zum gleichen Zeitpunkt erfolgte auch die Erstzulassung. Er fährt damit ca. 20.000 km im Jahr. Herr B. befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 20 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 bzw. 500 Euro (TK bzw. VK). Der Fahrerkreis umfasst den Fahrzeughalter und seine Ehefrau. Zu seinen Wunschleistungen gehören ein Schutzbrief sowie die freie Werkstattwahl.

Selbständig BMW

Herr Z. ist 48 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Er arbeitet selbstständig und bewohnt ein Einfamilienhaus. Im September 2015 erwarb Herr Z. einen neuen BMW 530d (258 PS), der auch im gleichen Monat zugelassen wurde. Seinen Führerschein machte der Familienvater im Jahr 1985. Den Wagen nutzt er überwiegend gewerblich, wobei er ca. 30.000 km im Jahr zurücklegt. Als Parkmöglichkeit verfügt der Versicherte über eine abgeschlossene Einzel-/Doppelgarage. Herr Z. befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 20 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 bzw. 300 Euro (TK bzw. VK). Der Fahrerkreis umfasst den Fahrzeughalter und seine Ehefrau. Zu seinen Wunschleistungen gehören ein Schutzbrief sowie die freie Werkstattwahl.

Familie Ford

Herr N. ist 60 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Der Beamte besitzt kein eigenes Wohneigentum und fährt einen Ford Focus STH 1.6 TDCI (101 PS). Herr N. erwarb den Wagen im September 2015. Die Erstzulassung erfolgte im August 2010. Seinen Führerschein machte Herr N. 1975. Er nutzt das Fahrzeug ausschließlich privat, legt durchschnittlich 15.000 km im Jahr zurück und stellt es im Innenhof ab. Der Fahrer befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 20 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 Euro (TK). Der Fahrerkreis ist im Rahmen seiner gewählten Versicherung beliebig ab 20 Jahren. Zu seinen Wunschleistungen gehören ein Schutzbrief sowie die freie Werkstattwahl.

Ehefrau Zweitwagen

Frau H. ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Die Hausfrau wohnt in einer eigenen Doppelhaushälfte. Sie fährt einen neuen VW Golf VII 1.2 TSI (86 PS), der im September 2015 gekauft und zugelassen wurde. Das Fahrzeug wird nur privat genutzt und in einer Einzel-/Doppelgarage geparkt. Frau H. hat ihre Fahrerlaubnis seit 1991 und fährt ca. 9.000 km im Jahr. Sie selbst befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 18 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 Euro (TK). Ihr Ehemann, der auch zum Fahrerkreis gehört, hat seinerseits die SFK 20. Die Wunschleistungen beinhalten einen Schutzbrief.

Familie Hybrid

Herr P. ist 28 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Der Arbeiter verfügt über kein eigenes Wohneigentum und hat seinen Führerschein seit 2009. Er fährt einen Toyota Prius Hybrid 1.8, den er im September 2015 gekauft an. In diesem Monat erfolgte auch die Erstzulassung. Herr P. nutzt seinen Wagen ausschließlich privat, parkt diesen im Innenhof und legt 5.000 km im Jahr zurück. Er befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 6 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 bzw. 300 Euro (TK bzw. VK). Zum Fahrerkreis gehört neben ihm selbst seine Ehefrau. Zu seinen Wunschleistungen gehört ein Schutzbrief.

Getrennt lebend Opel

Frau F. ist 45 Jahre alt, hat zwei Kinder und lebt getrennt von ihrem Mann. Die Angestellte hat kein eigenes Wohneigentum und parkt ihren Wagen auf der Straße. Sie besitzt seit September 2015 einen Opel Corsa 1.3 CDTi (75 PS), der im Februar 2008 das erste Mal zugelassen wurde. Frau F. nutzt ihr Auto ausschließlich privat und fährt 12.000 km im Jahr. Ihren Führerschein machte sie 1994. Frau F. befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 13 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 Euro (TK). Der Fahrerkreis ist im Rahmen ihrer gewählten Tarifierung beliebig ab 20 Jahren. Zu ihren Wunschleistungen gehört ein Schutzbrief.

Witwe Mercedes

Frau W. ist 69 Jahre alt, verwitwet und hat zwei Kinder, die nicht mehr im selben Haushalt leben. Die Rentnerin wohnt in ihrem eigenen Einfamilienhaus und hat ihren Führerschein seit 1965. Frau W. fährt einen Mercedes C 200 (184 PS), der im November 2009 gekauft sowie zugelassen wurde und den sie ausschließlich privat nutzt. Frau W. entscheidet sich für einen Versicherungswechsel. Sie befindet sich in der Schadenfreiheitsklasse 25 (KH und Kasko) und wählt eine Selbstbeteiligung von 150 bzw. 300 Euro (TK bzw. VK). Der Fahrerkreis ist im Rahmen ihrer gewählten Versicherung beliebig ab 20 Jahren. Zu den Wunschleistungen gehören ein Schutzbrief sowie die freie Werkstattwahl.

Student Polo

Herr K. ist 20 Jahre alt und besitzt kein eigenes Wohneigentum. Der Student fährt einen VW POLO IV (40kw), den er im September 2015 erworben hat und ausschließlich privat nutzt. Der Wagen wurde zum ersten Mal im September 2004 zugelassen. Herr K. parkt das Auto auf der Straße und fährt damit 10.000 km im Jahr. Herr K. hat sich für eine reine Haftpflicht-Versicherung (also kein Kaskoschutz) entschieden. Seine Schadenfreiheitsklasse ist 1. Der Fahrerkreis ist unbekannt. Zu seinen Wunschleistungen gehört ein Schutzbrief.

Inwieweit spielt die Unternehmens- und Vertriebsstruktur der Versicherungen eine Rolle?
Die Ergebnisse zeigen, dass die Unternehmen mit Geschäftsstellenvertrieb und Direktvertrieb tendenziell günstiger sind. Denn die organisieren ihren Vertrieb über Angestellte, die tendenziell günstiger sind als Vermittler. Diese sind selbständige Kaufleute, die selbst ein unternehmerisches Risiko eingehen. Dafür bekommen sie auch mehr bezahlt. Die Vertriebskosten können sich dann auch in den Preisen widerspiegeln. Natürlich spielen auch die Kostenstrukturen der Versicherungsunternehmen eine Rolle.

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