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14.11.2011

09:59 Uhr

Range Rover Evoque

Ein Märchen, das eines bleiben sollte

VonPaolo Tumminelli

Eine gefühlte Ewigkeit vor seinem Verkaufsstart feierte Jaguar-Landrover seinen Prinzen mit einer märchenhaften Marketing-Show. Doch für den Alltag taugt der Range Rover Evoque letztlich nur bedingt.

Der Range Rover Evoque bei einer Autoshow in Asien. dpa

Der Range Rover Evoque bei einer Autoshow in Asien.

In der Fahrzeugkonstruktion hat sich das Prinzip der Vorentwicklung etabliert: Die Arbeit der Entwickler soll antizipiert werden, um so den Entstehungsprozess eines Fahrzeugs zu beschleunigen. Dieses Prinzip wurde Mitte der Neunziger aufs Marketing übertragen, das als Pre-Marketing schon vor Verkaufsstart die Überzeugungsarbeit der Verkäufer antizipieren und den Verkaufsprozess eines Fahrzeugs beschleunigen soll. Der Steven-Spielberg-Film "Minority Report" mit Tom Cruise bringt das wunderbar auf den Punkt: Eine bessere Gesellschaft erfindet das Pre-Crime als High-Tech-Hellseherei, durch die man Morde antizipiert und so das Leben der Menschen verlängert.

Das Verflixte an diesem Prinzip: Es funktioniert. Neulich wurde ich selber Opfer einer solchen Pre-Marketing-Aktion. Eine gekonnt inszenierte Show mit rotierenden Bühnen, einige malerisch photoshoppierte Bilder, schließlich clevere Online-Aktionen - ich verlor den Kopf für den Range Rover Evoque. Und ich war nicht der Einzige: Noch vor seiner offiziellen Vorstellung erhielt der Wagen Designpreise.

Manches Märchen sollte lieber ein Märchen bleiben

Befruchtung, Schwangerschaft, Wehen und Geburt des neuen Babys aus dem Hause Jaguar-Landrover wurden von den Medien begleitet, als ob es das Royal Wedding sei. In gewisser Weise war es das auch. Prinz Range, edel und exklusiv, heiratet ins bürgerliche Leben. Doch wie lange hält so etwas? Wann tritt die Ernüchterung ein? Manches Märchen sollte lieber ein Märchen bleiben.

Gefühlte zwei Jahre sind vergangen, in denen ich es nicht lassen konnte, vom Evoque zu träumen. Bis er in Wedding-White bei einem Ausflug nach Holland ganz weit vor mir auf der Autobahn schwebte. Der Kontrast zum bleigrauen Himmel und dem dunklen Asphalt hätte nicht wirkungsvoller sein können. Ich gab Gas, bis ich ihn nah vor mir hatte. Ohne Bühne, ohne Photoshop, ohne geheime Verführungen.

Am Stil, geradlinig, scharf, präzise, ist nichts auszusetzen. Doch die Figur ist grotesk. Wo es sonst eine Stoßstange gibt, zeigt das Objekt gigantische Auspuffröhren im quadratischen Mikrowellen-Stil - die Katze des Nachbarn würde problemlos reinpassen. Wo normalerweise die Heckklappe ist, sitzt die Stoßstange. Statt des Dachs kommt dann die Heckklappe.

Trotz des feinen Stils wirkt das Ganze brutal animalisch

Darüber sind Schlitze, hinter denen ich eine Heckscheibe vermute, ungefähr so durchsichtig wie eine Scheibe Carpaccio. Darüber kommt noch das eigentliche Dach, das platt nach hinten fällt, als ob der Wagen sich bereits überschlagen hätte. Trotz des feinen Stils wirkt das Ganze brutal animalisch.

Genau das, stelle ich fest, macht die Faszination des Evoques aus. Er vermittelt den Eindruck, man würde damit nicht flach fahren wie jeder andere, sondern wild von Baum zu Baum springen - auch wenn die Schweißnähte aus Savile Row stammen. Wie eine Erscheinung rast mein erster und letzter Evoque mit Tempo 180 auf holländischer Autobahn davon - ganz eindeutig ein Fall für Pre-Crime.

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