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17.09.2014

12:10 Uhr

Zweiter Blitz-Marathon

Neue Jagd auf Temposünder

Die Zahl der Verkehrstoten steigt wieder. Dagegen setzt die Polizei bundesweit zum zweiten Mal auf eine Idee aus Nordrhein-Westfalen: den Blitz-Marathon. Morgen früh ist es soweit. Kritik regt sich schon jetzt.

Geschwindigkeitsmessung per Laser: Beim zweiten bundesweiten "Blitz-Marathon" kontrolliert die Polizei ab Donnerstag Morgen 24 Stunden lang verstärkt. 13.000 Beamte sind an 7.600 Messstellen im Einsatz. dpa

Geschwindigkeitsmessung per Laser: Beim zweiten bundesweiten "Blitz-Marathon" kontrolliert die Polizei ab Donnerstag Morgen 24 Stunden lang verstärkt. 13.000 Beamte sind an 7.600 Messstellen im Einsatz.

DüsseldorfDie Radargeräte und Laserpistolen sind justiert - die Polizei bläst erneut zur bundesweiten Jagd auf Temposünder. Mehr als 13.000 Polizisten werden ab Donnerstagmorgen beim zweiten bundesweiten „Blitz-Marathon“ im Einsatz sein, um 24 Stunden lang Millionen Autofahrer in Deutschland zu kontrollieren. An 7.500 Stellen im Bundesgebiet wird ab 6 Uhr morgens früh geblitzt und gelasert.

Bei der ersten bundesweiten Großaktion dieser Art waren im Oktober 2013 trotz umfangreicher Vorwarnungen und Bekanntgabe der Kontrollstellen 83.000 Autofahrer als zu schnell erwischt worden - drei Millionen wurden kontrolliert.

Erneut wollen alle 16 Länder und Stadtstaaten mitmachen. In vielen Bundesländern beteiligen sich zusätzlich Mitarbeiter von Kommunen an der Aktion. Zudem machen laut NRW-Innenministerium viele der 60.000 ehrenamtlichen Mitglieder der Verkehrswachten bei den Geschwindigkeitskontrollen mit.

Mit dem Blitzlicht-Gewitter stemmt sich die Polizei in diesem Jahr gegen die Trendwende, die sich bei der Zahl der Verkehrstoten abzeichnet. Nach jahrzehntelangem Rückgang und historischem Tiefstand im Jahr 2013 war im ersten Halbjahr dieses Jahres erstmals wieder ein Anstieg bei den Todesopfern auf den Straßen registriert worden - und zwar um deutliche 9,5 Prozent.

Blitz-Marathon: Was Autofahrer wissen sollten

Was ist der „Blitz-Marathon“?

Beim „Blitz-Marathon“ postieren sich Polizisten insgesamt 24 Stunden lang an Tausenden Stellen in Deutschland, um das Tempo von Auto- und Motorradfahrern zu kontrollieren. Die Stellen werden vorab bekanntgegeben.

Woher kommt das Konzept?

Die Idee stammt von der nordrhein-westfälischen Polizei. Das Konzept ist eine Reaktion auf die dortige Zunahme der Verkehrstoten im Jahr 2010. Der erste „Blitz-Marathon“ fand im Februar 2012 in NRW statt. Dort gab es bereits sechs „Blitz-Marathons“.

Wozu das Ganze?

Die Großaktion soll vor allem über ihre Öffentlichkeitswirkung die Autofahrer nachhaltig zu langsamerem Fahren motivieren und so die Zahl der Verkehrstoten senken. Die Aktion verdeutlicht das Risiko, zu jeder Uhrzeit und an jedem Ort beim zu schnellen Fahren erwischt zu werden.

Wie lief der erste bundesweite „Blitz-Marathon“?

Im Oktober 2013 gingen erstmals Polizisten bundesweit in Lauerstellung. 15.000 Beamte blitzten an 8.600 Messpunkten in Deutschland. Drei Millionen Autofahrer wurden kontrolliert, 83.000 mit zu hohem Tempo erwischt. Rekordverstöße wurden auf der A1 bei Schwelm in Nordrhein-Westfalen gemessen. Binnen zehn Minuten rasten zwei Wagen mit Tempo 250 statt 120 in eine Kontrolle.

Was ist diesmal neu?

Besonderheiten gibt es beim „Blitz-Marathon“ in NRW. Dort haben Kinder die Messstellen vorgeschlagen und der Polizei gesagt, wo es aus ihrer Sicht im Straßenverkehr besonders gefährlich ist. In Ostdeutschland sollen Disco-Unfälle im Mittelpunkt stehen.

Wirkt der „Blitz-Marathon“?

Ob sich der ganze Aufwand lohnt, ist unter Politikern, Experten und Wissenschaftlern sehr umstritten. Prozentual werden bei einem „Blitz-Marathon“ weniger Autofahrer erwischt als bei unangekündigten Kontrollen.

Lokale Vergleichsmessungen in Dortmund legen nahe, dass die Autofahrer nach einem „Blitz-Marathon“ im Durchschnitt etwas langsamer unterwegs sind als vorher. Ob und wie lange der Effekt anhält, ist aber bislang noch nicht erforscht.

Wo wird geblitzt?

Wie im vergangenen Jahr werden die Standorte der Messstellen vorher genannt, zumindest ungefähr. Das handhabt aber jedes Bundesland eigenständig. Man findet sie meist über eine einfache Suchmaschinenabfrage in Internet. Die Polizei in Düsseldorf informiert beispielsweise auf Ihrer Website in Form eines PDF darüber, auf welchen Straßen geblitzt wird, aber nicht genau, wo die Blitzer stehen.

Was ist mit Radarwarnern?

Der Kauf von Radarwarnern ist erlaubt, die Nutzung während der Fahrt aber verboten. Wird man dabei erwischt, drohen 75 Euro Strafe und ein Punkt in Flensburg sowie der Einzug des Geräts.

Apps, die vor Blitzern warnen, bringen Nutzer in eine rechtliche Grauzone. So ist es erlaubt, sie herunterzuladen und vor Fahrtantritt oder in einer Fahrpause zu nutzen, während der Autofahrt ist dies aber nicht erlaubt. Wer zu zweit unterwegs ist, sollte diese Aufgabe also dem Beifahrer anvertrauen.

Mit den flächendeckenden Kontrollen sollen die Autofahrer daher zu dauerhaft vorsichtigerem Fahren aufgefordert werden: „Geschwindigkeit ist bundesweit der Killer Nummer Eins. Jeder dritte Verkehrstote ist Opfer von zu hoher Geschwindigkeit“, mahnt NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), der auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz ist.

In Nordrhein-Westfalen waren diesmal Kinder aufgerufen, die Stellen zu benennen, an denen aus ihrer Sicht kontrolliert werden sollte. In den ostdeutschen Bundesländern soll die Raserei nach Disco-Besuchen Schwerpunktthema sein, kündigte der Präsident der Deutschen Verkehrswacht, Kurt Bodewig, an. Jedes Bundesland setzt seinen eigenen Schwerpunkt.

Abzocke mit Show-Effekt?

Wie im vergangenen Jahr werden die Standorte der Messstellen vorher genannt, zumindest ungefähr. Das handhabt aber jedes Bundesland eigenständig. Man findet sie meist in lokalen Medien oder über eine einfache Suchmaschinenabfrage in Internet. Die Polizei in Düsseldorf informiert beispielsweise auf Ihrer Website in Form eines PDF darüber, auf welchen Straßen geblitzt wird, aber nicht genau, wo die Blitzer stehen.

Die Quote der Tempoverstöße war beim ersten Blitz-Marathon geringer als bei den regulären Kontrollen üblich. Die höchste Quote an Tempoverstößen stellte die Polizei in Schleswig-Holstein fest. 5,8 Prozent waren dort zu schnell.

Lautstarke Kritik an der diesjährigen Aktion kommt unter anderem vom Verein „Mobil in Deutschland“, der sich selbst als ADAC-Alternative bezeichnet. Dort heißt es, man habe 2012 einen Blitzer-Atlas erstellt und tausende Hörer- und Online-Meldungen über Blitzer-Standorte den Top 10-Unfallstraßen der Polizei Berlin und Polizei München gegenübergestellt. Das Ergebnis: Wenig bis gar keine Überschneidung. Das heißt aus Sicht von Vereins-Präsident Michael Haberland: „Geblitzt wird vor allem dort, wo nichts passiert, und wo viel passiert, wird nicht geblitzt.“

Er sieht das so: In der Regel sei vor Schulen nichts zu holen. Daher würde letztlich doch wieder auf zweispurigen Ein- und Ausfallstraßen kontrolliert. Da, wo eben ein wenig schneller gefahren wird, weil es jeder tut. Und wo nichts oder nur wenig passiert. Wie immer.

„Eine Show ohne Sinn und Verstand. Eine Inszenierung, bei der Polizisten an anderer Stelle fehlen, wo sie viel dringender gebraucht werden als diese Abzocke am deutschen Autofahrer zu betreiben“, sagt Haberland.

Kommentare (9)

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Herr Woldemar von Stechlin

17.09.2014, 12:19 Uhr

Es wird abkassiert ohne Ende. Mit Sicherheit hat das gar nichts zu tun.

Und da wundern sich die etablierten Politiker noch, dass die Leute die Schnauze voll haben und AfD wählen?

Herr walter danielis

17.09.2014, 12:39 Uhr

Wer sich nicht an die vorgegebene Geschwindigkeit hält muß zahlen. Und das ist gut und richtig.

Herr Jürgen Bertram

17.09.2014, 12:58 Uhr

bei uns in der Gegend wird meist an Stellen geblitzt, wo ich noch nie einen Unfall gesehen habe.....

Oft gut ausgebaute Strassen, bei denen es für den "normalen" Faher unerklärlich ist, warum man nun an der Stelle ein Tempolimit haben muss.....
Unser fürsoglicher Staat will ja nur unser "Bestes"!!!

Aber es sind leider auch viele Deppen unterwegs (250km/h bei erlaubten 120) - da trifft es dann wirklich die Richtigen.....


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