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17.07.2012

12:14 Uhr

Autos, die es nur in Japan gibt

Die Meister des Raums

VonMartin Kölling

Honda hat mit dem NBox ein Mini-Auto mit genug Kniefreiheit für Vorstandsbosse gebaut. Unser Ostasien-Korrespondent hat das Raumwunder getestet und die Variante für den Rollstuhl-Transport unter die Lupe genommen.

Den Honda NBox gibt es nur in Japan. Ist sein Design, das wie mit dem Brotmesser geschnitten wirkt, zu ungewöhnlich für den europäischen Geschmack?

Den Honda NBox gibt es nur in Japan. Ist sein Design, das wie mit dem Brotmesser geschnitten wirkt, zu ungewöhnlich für den europäischen Geschmack?

TokiyDownsizing ist der Trend in der Wirtschaft wie auch in der Autoindustrie. Unternehmen reduzieren oft Personal, um profitabler, die Autobauer Hubraum, um umweltfreundlicher zu werden. Nun hat der japanische Autohersteller Honda diesen Zeitgeist in ein Automobil gegossen: den Mini mit genug Platz für den anspruchsvollsten Vorstandsboss.

Auf nur 3,395 Meter Länge bietet der Kleinstwagen auf der Rückbank eine Beinfreiheit wie in einer Stretch-Limousine. Die Breite von 1,475 Metern reicht immerhin, dass neben dem gewichtigen Chef/der Chefin ein Begleiter/eine Begleiterin und zwischen beiden eine Flasche Champager Platz haben.

Für standesgemäße Beförderung sorgt zudem die Innenraumhöhe von 1,40 Meter. Damit kann selbst ein Fahrer mit Zylinder einsteigen, ohne den Hut abnehmen zu müssen. Mit derart viel Stil kann der Boss nicht mal in der Oberklasse „Made in Germany“ chauffiert werden.

Kei-Cars, die innovativste Autogattung der Welt

NBox heißt das Raumwunder, das derzeit in Japan den Markt abräumt. Das Gefährt gehört zu einer Gattung, die es nur in Japan gibt: den Kei-Cars (Kei gleich leicht). Dabei handelt es sich um Autos mit maximal 660 ccm Hubraum, die nicht mehr als 3,40 Meter lang und 1,48 Meter breit sein dürfen. Doch so klein sie sind, so groß ist ihr Reiz.

Der Honda NBox ist nur 3,39 Meter lang und 1,47 Meter breit. Aber auf der Rückbank gibts Beinfreiheit wie in einer Stretch-Limousine. Martin Kölling

Der Honda NBox ist nur 3,39 Meter lang und 1,47 Meter breit. Aber auf der Rückbank gibts Beinfreiheit wie in einer Stretch-Limousine.

Ihr Absatz explodiert derzeit, weil Kei-Cars bei der Steuer, den Parkplatz-, Autobahn- und anderen Gebühren bevorzugt behandelt werden. Inzwischen machen sie schon mehr als ein Drittel des Automarktes aus, sehr zum Missfallen ausländischer Konzerne. Denn außer Daimler mit einem allerdings verschlankten Smart hat kein ausländischer Hersteller etwas in diesem Wachstumssegment anzubieten.

Grenzwerte beflügeln die Kreativität

Dementsprechend lautstark beschweren sich besonders die amerikanischen Hersteller über eine vermeintliche Wettbewerbsverzerrung. Die Kei-Cars, einst als Billigsegment für ärmere Landbewohner und Handwerker lanciert, haben sich nach der Meinung der Detroiter Autobosse überlebt. Die Japaner sollen gefälligst richtige Autos kaufen. Aber die Beschwerde verhüllt nur eins: den Mangel an Fantasie.

Wie in allen steuerbegünstigten Kei-Cars üblich, ist der Hubraum auf 660 ccm beschränkt. Das reicht aber für 47 kW Leistung und rund 140 km/h in der Spitze.

Wie in allen steuerbegünstigten Kei-Cars üblich, ist der Hubraum auf 660 ccm beschränkt. Das reicht aber für 47 kW Leistung und rund 140 km/h in der Spitze.

Anstatt zu lamentieren, lassen sich Japans Ingenieure inzwischen von den gesetzlichen Beschränkungen zu kreativen Höhenflügen inspirieren. Die einstigen Billigautos haben sich zur innovativsten Autogattung der Welt gemausert. Der noch unter Daimlers Vorherrschaft entwickelte Mitsubishi „i“ ist mit seiner Bohnenform, Heck- oder Elektroantrieb schon heute eine Design-Ikone. Und Hondas NBox hebt die Innenraumgestaltung auf neue Höhen.

Der Praxistest: Das Cleverle

Natürlich sind nicht CEOs die Hauptzielgruppe, sondern Familien mit Kind. Im großen Rückraum können die Kleinen stehen und sich auch bei Regen ungestört umziehen. Doch um zu sehen, ob das Auto gehobene Ansprüche erfüllt, hat sich der Handelsblatt-Korrespondent mit Bertel Schmitt, dem Chefredakteur des Fachblogs „The Truth about Cars“, zusammengetan.

Bertel mimt wie zuvor schon einmal in einem Toyota Lexus 450 den Chef, Martin den Chauffeur. Die Luxusanmutung beginnt bei den Schiebetüren, die beidseitig den Weg frei in den Fond machen. Sie lassen sich sowohl fernbedienen wie auch vom Fahrersitz per Knopfdruck öffnen und schließen. Das erleichtert das Fahrerdasein ungemein. Und Chef Bertel muss nur leicht das Haupt beugen, um einzusteigen.

Der Innenraum wirkt aufgeräumt und trotz viel Kunststoff auch ein bisschen edel. Listenpreise zwischen 12.000 und 17.000 Euro sind aber auch kein Pappenstiel. Martin Kölling

Der Innenraum wirkt aufgeräumt und trotz viel Kunststoff auch ein bisschen edel. Listenpreise zwischen 12.000 und 17.000 Euro sind aber auch kein Pappenstiel.

Das Heck des weich gefederten Vehikels sackt daraufhin merklich ab. Doch davon merkt der Passagier nichts. Stattdessen freut er sich über das Platzangebot: „Ich habe hier ja mehr Platz als in mancher Business-Klasse“, lobt Bertel. Die Sitzbank vermittelt zwar nicht ganz den Komfort der Ledersessel aus Stuttgart oder München. Und der Kofferraum bietet gerade genug Platz für ein paar Aktentaschen. Doch für die Stadt reicht es. Und hat man mal mehr Gepäck, können die Rücksitze teilweise oder ganz hoch- oder umgeklappt werden. Dann passt sogar ein Fahrrad in den Mini.

Mini-Flitzer für den Stadtverkehr

Auch der Rest des Autos spielt seine Stärke in der Stadt und auf Kurzstrecken aus. Wir fahren die fast 17.000 Euro teure „Custom Version“ mit Turbo-Motor, der 47 kW (64 PS) aus dem Maschinchen kitzelt. Bei einem Leergewicht von knapp unter einer Tonne stellt man damit zwar keine Beschleunigungsrekorde auf. Aber ein beherzter Tritt aufs Gas sorgt damit allemal für flottes Fortkommen an der Ampel.

Auch auf der Autobahn wirkt der Motor agil, wenigstens bis zu den 100 km/h, die in Japan erlaubt sind. Schneller fahren kann man auch. Aber bei 140 km/h regelt der Motor ab, wohl zum Schutz des Führerscheins. sehr viel schneller will man ohnehin nicht fahren, weil der hohe Wagen ab Tempo 120 ein wenig zu schlängeln anfängt.

Ein großer Pluspunkt ist dabei die schmale Bauweise. Der NBox flutscht sogar noch durch Lücken, vor denen die größere Limousinen eher bedächtig bremsen müssen. Als besonderes Gimmick kann der Fahrer mit einer Wippenschaltung am Lenkrad manuell das stufenlose Automatikgetriebe in den nicht vorhandenen nächsten Gang schalten. Cruise Control so wie die Bedienung der Autonavigation am Lenkrad, der schlüssellose Anlasser und die Wahl zwischen Sport- und Öko-Modus runden die Luxusbeigaben ab.

Wo der Raum begrenzt ist, sind clevere Falt- und Klappmöglichkeiten Trumpf, um das Beste aus dem Volumen zu machen. Martin Kölling

Wo der Raum begrenzt ist, sind clevere Falt- und Klappmöglichkeiten Trumpf, um das Beste aus dem Volumen zu machen.

Fahrkomfort und Ideenreichtum

Auch auf der Straße hört man aus dem Fond kein klagen. Der Wagen ist angenehm weich gefedert und schluckt die Stahlverbindungen der auf Stelzen durch die Stadt gebauten Autobahnen Rücken schonend. Dies Gleichzeitig ist sie aber doch hart und durch die elektronische Fahrstabilisierung stabil genug, damit die Kutsche auch bei rascheren Lastwechseln nicht so arg rollt wie eine toplastige Galeone in schwerer See. CEO-Bertel wird wenigstens nicht seekrank auf seinem Rücksitz. Doch würde der Wagen auch einen Elchtest bestehen? Den Test überlassen wir europäischen Testern.

Eine zweite Variante, der NBox+ ist nicht als reiner PKW konzipiert. Die Ingenieure haben offenbar alle Nutzungsvarianten durchdacht. Martin Kölling

Eine zweite Variante, der NBox+ ist nicht als reiner PKW konzipiert. Die Ingenieure haben offenbar alle Nutzungsvarianten durchdacht.

Doch damit gehen dem Wagen die Ideen nicht aus. Mit clever angebrachten Spiegeln schafft Honda etwas, für das andere Hersteller Kameras verbauen: Mit einem Blick schräg zur Seite kann der Fahrer über zwei kleine im Dreieckfenster auf der Beifahrerseite angebrachte Spiegel den toten Winkel am Radkasten überwachen. Für den Trick ist am Außenspiegel ein kleiner Spiegel angebracht, der den Raum vor ihm in die Innenraumspiegel reflektiert. Ein Spiegel in der Heckklappe gewährt mir Blick auf den toten Winkel hinter der Stoßstange. Ein anderes Detail: Um den Insassen mehr Ellenbogenfreiheit zu gewähren, sind im Türfutter kleine Einbuchtungen eingearbeitet.

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