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17.03.2016

07:42 Uhr

BMW 740Li im Handelsblatt-Test

Freude am gefahren werden

VonFrank G. Heide

Wie gefährlich kann der neue 7er-BMW der Mercedes S-Klasse werden? Das Münchener Oberklasse-Flaggschiff ist gespickt mit Luxus, Fahren wird zur Nebensache. Doch einige exklusive Extras zeigen im Alltag so ihre Tücken.

Mit der sechsten Generation des Siebener will BMW bei Fahrdynamik und Reisekomfort den Ton angeben. Und natürlich auch bei Fahrerassistenz und Verbrauch zeigen, was heute möglich ist. Neben den üblichen Features einer Oberklasse-Limousine strotzt das Flaggschiff nur so vor modernen elektronischen Systemen wie Gestensteuerung, ferngesteuertem Einparken oder dem um Kurven lenkenden Autobahnpiloten.   PR

Volle Breitseite

Mit der sechsten Generation des Siebener will BMW bei Fahrdynamik und Reisekomfort den Ton angeben. Und natürlich auch bei Fahrerassistenz und Verbrauch zeigen, was heute möglich ist. Neben den üblichen Features einer Oberklasse-Limousine strotzt das Flaggschiff nur so vor modernen elektronischen Systemen wie Gestensteuerung, ferngesteuertem Einparken oder dem um Kurven lenkenden Autobahnpiloten. 

DüsseldorfWas für ein Schiff und welch ein Luxus! Es dauert tatsächlich nur Sekunden, um sogar wenig Auto-begeisterte Mitmenschen von den Stärken des neuen 7ers zu überzeugen. Raum und Luxus in dieser Fülle und Qualität bieten nur wenige andere Fahrzeuge. Was auch daran liegt, dass BMW uns als Testwagen eine voll ausgestattete Langversion namens 740Li geliehen hat, die einer Lounge auf Rädern gleichkommt.

Also einfach dem Passagier für den besten Platz - auf der Beifahrerseite hinten - den schweren Verschlag freundlich aufhalten, und ihn Platz nehmen lassen. Auf feinst beledertem Massage-Liegesitz hinter schallschluckender Privacy-Verglasung plus Jalousie legt der Chauffierte die Füße auf den automatisch ausfahrenden Hocker, klappt Arbeitstisch und Laptop auf, genießt Ambientelicht und Klimazone mit Aktiv-Beduftung. Nun kann er, von diversen Monitoren umrahmt, Konzerne lenken, Regierungen stürzen. Oder einfach mal wieder durch voll entfaltete Zeitungsdoppelseiten blättern.

Soll sich der Chauffeur vorne doch einfach um den Rest kümmern. Der bekannte BMW-Slogan „(Aus) Freude am Fahren“ wird zur Annehmlichkeit, gefahren zu werden. Wer hinten sitzt, fühlt sich im doppelten Wortsinn befördert. Um die Beschaffenheit des Asphalts, den unsere klammen Kommunen immer weiter verkümmern lassen, muss sich der Passagier nicht sorgen. Er wird sänftenartig sanft und ruhig, scheinbar anstrengungslos beschleunigt, wie ein VIP.

Aber: Die Gefahr von Enttäuschungen wächst proportional zur Erwartungshaltung, wenn der Kaufpreis locker über die 100.000-Euro-Marke rauscht. Neben den üblichen Features einer Premium-Oberklasse-Limousine strotzt der Herausforderer der Mercedes-S-Klasse nur so vor modernen elektronischen Systemen wie Gestensteuerung, ferngesteuertem Einparken oder um Kurven lenkendem Autobahnpiloten. Doch was sich zunächst nach futuristischen James-Bond-Gimmicks anhört, verblasst im Alltag zu einem Technik-Überangebot, das vier von fünf Testern und acht von zehn Passagieren mit „unausgereift“ und „überbewertet“ beschreiben.

Der erste Fahreindruck überrascht, denn der lange 7er wirkt auf der Straße handlicher als er eigentlich ist. Die schieren Ausmaße und vor allem den Wendekreis spürt man eigentlich nur beim Parken – da aber umso stärker: Das enge Altstadt-Parkhaus und das 60er-Jahre-Garage zählen zu den größten Herausforderungen für Wagen und Chauffeur.

Doch sobald das 5,23 Meter lange Schiff einmal rollt, läuft es verdammt souverän. Seine Domäne liegt aber nicht in den Kurven, sondern auf der Zielgeraden zum nächsten Geschäftsabschluss, auf der linken Spur. Der normale 7er ist die sportliche Interpretation einer Oberklasse-Limousine, die Langversion ist es nicht mehr. Hier wird der Erfolg der 200-Kilo-Diät durch Komfortsitze und weitere Extras direkt wieder zunichte gemacht.

Der Fokus liegt somit weniger auf Fahrdynamik als auf Reisekomfort. Während die Passagiere hinten relaxen, schrumpft vorne die Versuchung allzu dynamisch um die Kehren zu sprinten. Das adaptive Luftfeder-Fahrwerk ist auch in der „Sport“-Stellung so auf Komfort getrimmt, dass Souveränität und Gelassenheit stets die dominierenden Reiseerlebnisse sein werden. 

Nicht ganz so losgelöst von der Straße wie bei der S-Klasse, aber verdammt nah dran. Selbst bei hohem Reisetempo hört man nur den Wind und die Reifen, Tempo 200 fühlt sich an wie 80 km/h. Die Geräuschdämmung liegt auf S-Klasse-Niveau, sogar die Scheibenwischer verkneifen sich Geräusche, das ist einfach wunderbar entspannend.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Alltagstauglich?

Für den vielfahrenden Aufsichtsrat, Wirtschaftskapitän und Regierungschef auf jeden Fall. Er genießt die Klimazone, die Ruhe, die Rückenmassage. Und kann die Wirtschaftszeitung komplett aufschlagen.

Das schönste Detail?

Die Auswahl fällt schwer, weil die Executive Lounge gespickt wurde mit feinsten Details. Ich sage mal: Die Ruhe an Bord des Flaggschiffs.

Enttäuschend?

Die stark beworbenen Extras Display-Key und Gestensteuerung sind nicht ausgereift. In dieser Preisklasse eine echte Enttäuschung.

Ist er`s wert?

Wahrscheinlich schon. Aber wir sprechen ja nicht über Geld.

Sound?

Alles wie in der S-Klasse.

Wie grün ist das Auto?

Wer auf die Beantwortung dieser Frage überhaupt Wert legt, muss sich für die Dieselmotorisierung oder den kommenden Hybrid entscheiden. Mich hat der Alltagsverbrauch zwischen 8 und 9 Liter aber absolut positiv überrascht.

Vorbildlich?

Die Souveränität des Understatements. Der Wagen protzt nicht, er überzeugt durch Präsenz.

Was sagt der Nachbar?

„Ach, und für den neuen Zwölfzylinder hat es nicht gereicht?“

Wer guckt?

Erstaunlich viele. Die neuen Laser-Scheinwerfer üben eine magnetische Wirkung aus.

Wie fährt er sich?

Da müssen Sie schon meinen Chauffeur fragen.

Wo gehört er hin?

Überall dorthin, wo man große Sänften traditionell zu schätzen weiß. Also hauptsächlich China.

Nur wer tatsächlich noch mehr wie auf einem fliegenden Teppich zwischen Villa und Büro gleiten mag, muss BMW-intern zu einem Rolls-Royce greifen – da wird „Magic Carpet Ride“ gelebt, bei BMW darf es auch etwas Freude für Selbstfahrer und Chauffeure sein.

Den Motor fand ich durch und durch überzeugend. Der Sechszylinder-Benziner mit zwei Turboladern wird in Diesel-Deutschland zwar nur eine sehr kleine Rolle spielen, lässt aber andererseits den Wunsch nach Acht- oder Zwölfzylinder verblassen. Auch die 326 PS (240 kW) reichen völlig aus.

Zumal der 3,0-Liter-Motor (trotz der 40 im Namen) es schafft, dass der gewaltige, wogenartige Vortrieb zusammen mit der – mal wieder – famosen ZF-Achtgangautomatik immer die passende Leistung zu liefern. Das maximale Drehmoment von 450 Newtonmeter stellt er zwischen 1.380 und 5.000 Touren bereit, das wirkt fast immer sehr souverän. Und abgesehen vom Kickdown so „effortless“, wie es sich sonst immer Rolls-Royce auf die Fahnen schreibt.

Das helle Leder ist nur wenig alltagstauglich, weil recht empfindlich. Begeistern können die Komfortsitze mit Massagefunktion und enorm weitem Verstellbereich, letzteres gilt auch für das Lenkrad. PR

Materialauswahl und Verarbeitung sind Spitzenklasse

Das helle Leder ist nur wenig alltagstauglich, weil recht empfindlich. Begeistern können die Komfortsitze mit Massagefunktion und enorm weitem Verstellbereich, letzteres gilt auch für das Lenkrad.

Erstaunlich: Bei normaler Fahrweise im Komfortmodus blieb der Verbrauch dem ein oder anderen Kickdown zum Trotz knapp einstellig. Und die Laufruhe, die der Sechszylinder dabei bietet, macht auch fast den Mehrverbrauch zum 730d wett – deutlich unter acht Litern wird der sich auch nicht fahren lassen.

Wer wirklich hartnäckig den Verbrauch reduzieren möchte, wählt den EcoPlus-Modus, dann wird es auch im sonst so potenten 740er etwas zäh. Aber wer sich die Langversion mit Luxusausstattung für einen Basispreis von 95.300 Euro zuzüglich ca. 20.000 Euro für Extras leistet, wird wohl beim Tanken kaum auf den Euro gucken.

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