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11.08.2014

10:43 Uhr

BMW R NineT im Handelsblatt-Test

Der Boxer, der direkt aufs Herz zielt

VonFrank G. Heide

Das erste Motorrad, mit dem BMW Kapital aus der eigenen Vergangenheit schlägt, ist etwas Besonderes. Es verursacht starkes Herzblubbern. Und ist weltweit ausverkauft. Weil es voll auf Nostalgie setzt.

Für viele Fahrer schafft die BMW R nineT etwas Emotionales, was gut zur Optik passt: Leistungsdaten und Technikfakten rücken in den Hintergrund, weil sich Leistung, Sound, und Handling immer richtig gut anfühlen. Sebastian Schaal

Für viele Fahrer schafft die BMW R nineT etwas Emotionales, was gut zur Optik passt: Leistungsdaten und Technikfakten rücken in den Hintergrund, weil sich Leistung, Sound, und Handling immer richtig gut anfühlen.

DüsseldorfDieses Motorrad hat sich BMW praktisch selbst zum Geburtstag geschenkt. NineT, das steht für Ninety und das 90-jährige Jubiläum der Marke, die 1923 mit dem Motorradbau überhaupt erst den Grundstein für die spätere Autoproduktion legte.

Der Hersteller hat lange gebraucht, bis das Bike fertig war: Die Basis, die Aufsehen erregende Konzeptstudie Lo Rider, wurde schon 2008 in Mailand gezeigt. Aber das Warten hat sich gelohnt.

Seit März ist die R nineT, sprich: „Ahrneintie“, auf dem Markt, und noch während die ersten Testberichte veröffentlicht wurden, liefen die Bestellungen heiß. Bis Mitte Juli waren über 4.100 Maschinen verkauft. Wer erst jetzt zum Händler geht, kommt auf die Warteliste. Und die ist lang, denn die Jahresproduktion von 7.500 Bikes für 2014 ist komplett weg.

Auf die dunklen Speichenräder hat die Truppe um Projektleiter Roland Stocker einen puristischen Roadster gestellt, mit genau so viel Vintage-Design, dass man beim ersten Hinsehen gar nicht merkt, wie modern das Bike eigentlich ist.

Hochwertige Werkstoffe, aufwändig gestaltete Oberflächen und zahlreiche feine, neue Details, mit denen BMW die eigene Boxer-Historie ausleuchtet, unterstreichen den Manufaktur-Charakter. Ein ganz klassisch runder Frontscheinwerfer etwa, mit einem witzig integrierten BMW-Logo als Reflektor. Oder ein handgefertigter, matt glänzender Alu-Höcker, der den Solosattel begrenzt, wie bei einem britischen Cafe-Racer der 60er Jahren.

Teile tauschen ist Trumpf

Doch die R nineT muss und soll gar nicht so bleiben, wie man sie kauft. Die Münchener haben diesen abgespeckt wirkenden Werks-Customizer vom Kabelbaum bis zur Heckrahmenverschraubung direkt so konzipiert, dass er sich leicht mit entsprechendem Originalzubehör umbauen, sprich weiter individualisieren lässt.

Das ist wichtig, weil die Zielgruppe sich wandelt. Sie trägt Chucks statt Sicherheitsstiefeln, Jeans statt Neonfarben. Der Integralhelm wird ausgemustert, und unterm Jethelm flattert der Vollbart im Wind. Retro- und Vintage-Bikes sind bei jungen und junggebliebenen Karohemden- und Lederjackenträgern ebenso angesagt wie Umbauten von Roland Sands, Deus Ex Machina, Blitz Motorcycles, Wrenchmonkees und El Solitario.

Wer die Bikes dieser Profi-Customizer mag, wird keine vollverkleidete Sänfte mit Touchscreen-Navi, Tempomat, mehrteiligem Kofferset und beheizten Armlehnen für die Sozia akzeptieren. Die stetig wachsende Zahl der Fans puristischer Bikes probt die Lust am Verzicht: Das Motorrad soll so aussehen wie vor 40, 50 Jahren.

Wer umbauen möchte, hat bei der R nineT die Möglichkeit auf viele Teile aus dem BMW-Zubehörregal zuzugreifen ... PR

Wer umbauen möchte, hat bei der R nineT die Möglichkeit auf viele Teile aus dem BMW-Zubehörregal zuzugreifen ...

Diese Zielgruppe will Low Tech statt Computer auf Rädern, sie möchte lieber das Ursprüngliche wiederentdecken: Motorradfahren wie früher, mit mehr Gefühl, und weniger Technik-Schnickschnack.

Genau das hat BMW mit der R nineT gut hingekriegt, auch weil moderne Details und zeitgenössische Technik „versteckt“ wurden. Man kann einfach aufsteigen und cruisen, ohne vorher ein Handbuch lesen zu müssen.

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