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10.12.2015

06:20 Uhr

BMW X4 xDrive 30d im Handelsblatt-Test

Der Sportwagen, der zu hoch geriet

VonFrank G. Heide

Er sieht aus wie eine Mischung aus SUV und Coupé, ist aber kein Angeber-X6. Und fährt sich trotz Dieselmotor wie ein Sportwagen. Ist es also berechtigt, dass so viele dem X4 anerkennend hinterhergucken?

Der X4 ist ein Crossover. Als Mischung aus bulligem SUV und elegantem Coupé ist er „der kleine Bruder“ des X6, dessen Verkaufserfolg selbst seine Macher überraschte. Im Gelände wird man ihn trotz Allradantrieb wohl nie sehen. Auf Einkaufs-Boulevards und Überholspuren schon eher. Frank G. Heide

Wenn Stil wichtiger ist als Nutzwert

Der X4 ist ein Crossover. Als Mischung aus bulligem SUV und elegantem Coupé ist er „der kleine Bruder“ des X6, dessen Verkaufserfolg selbst seine Macher überraschte. Im Gelände wird man ihn trotz Allradantrieb wohl nie sehen. Auf Einkaufs-Boulevards und Überholspuren schon eher.

DüsseldorfEs gibt Autos, deren Erfolg ist auch nach Jahren mit Vernunft nicht zu erklären. Der BMW X6 ist ein solches Gerät. Die extreme Mischung aus SUV (schwer, hoch, breit, durstig) und Coupé (unübersichtlich, wenig Nutzwert, nicht Gelände- und Parkhaus-tauglich) war lange Zeit die Nummer Eins bei Autodieben, außerdem besonders beliebt in Russland und China. Dabei taugt er so wie er dasteht eigentlich nur zum Angeben. Dass BMW ihm nun einen kleinen Bruder zur Seite stellt, könnte man also missverstehen. Wenn der neue Crossover namens X4 im Detail nicht so überzeugend gut gemacht wäre.

Das Auto ist, ganz ähnlich wie sein großer Bruder, so auffällig als hochbeinige Mischung aus SUV und Coupe, dass es sich gar nicht erst für Menschen eignet, die nicht angestarrt werden möchten. Andererseits ist an ihm alles eine Nummer kleiner, böse Zungen würden behaupten, halb so schlimm wie beim X6. Im Vergleich zu seinem Bruder, dem provokanten Elefant im Porzellanladen, wirkt der Kleine wie ein Motörhead-Fan mit Ohrenschützern.

Der neue X4 eröffne in der Mittelklasse eine Nische, die es noch gar nicht gäbe, hieß es aus der BMW-Entwicklungsabteilung. Mit anderen Worten: Man hat was gebaut, was bisher nicht gebraucht wurde. Das ist heutzutage richtig Aufwand: Erst bockt man die Karosse hoch, damit sie wie ein Geländewagen wirkt. Dann gibt man ihr ein Coupédach und macht sie flacher und breiter, damit der Geländewagen mehr wie ein Sportwagen auf den Breitreifen hockt. Am Ende ist er weder das eine noch das andere. Aber das sehr souverän. 

Als mein Nachbar ihn das erste Mal sah, fragte er: „Und das soll jetzt schön sein?“ Ich hab mal nichts dazu gesagt, sondern ihn eine Runde mitgenommen. Danach war Ruhe im Karton. 

Uns beiden gefiel neben der perfekten Verarbeitung des guten Leders und der klaren Aufteilung der Bedienelemente, dass wir von innen die enorme Außenwirkung des Wagens plötzlich intensiv spürten. Wenn alle deinem Auto hinterhergucken, macht das schon Spaß. Keine Frage: Wer ein bisschen auffallen möchte, liegt beim X4 genau richtig.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Alltagstauglich?

Platz genug für vier Personen oder 590 Kilo Zuladung. Das reicht für den Alltag. Wenn er nur nicht so unübersichtlich wäre.

Das schönste Detail?

Intelligent Safety. Ein einziger Knopfdruck und alle Assistenten passen auf mich und mein Auto auf.

Enttäuschend?

Der Blick von innen durch die Rückscheibe nach außen und der Blick von außen aufs Heck. Einfach nicht schön.

Ist er`s wert?

Nur, wenn man sich über Geld keine größeren Gedanken macht. Der Testwagen rangiert im Segment Mittelklasse und kostet weit über 70.000 Euro.

Sound?

Unaufdringlich, komfortabel. Nur bei höherem Tempo pfeift uns der Wind sein Lied von Breitreifen und Luftwiderstand.

Wie grün ist das Auto?

Für einen 1,8-Tonner mit riesigem Dieselmotor kann man ihn erstaunlich sparsam bewegen. Grün wird er dadurch nicht.

Vorbildlich?

Prestige und Hinguck-Effekt. Auffallend, aber nicht so prollig-protzig wie der X6. Und deutlich eleganter als der X3.

Was sagt der Nachbar?

„Ist bei Ihnen jetzt der Wohlstand ausgebrochen?“

Wer guckt?

Mehr Menschen als beim Durchschnitts-Testwagen. Vor allem SUV-Interessierte. Manche sind irritiert, ist das jetzt ein X6, oder ... ?

Wie fährt er sich?

Kraftvoll, souverän, fast richtig sportlich. Besser in Kurven als erwartet, sehr entspannend im Komfortmodus. Und dank Allrad ein König beim Ampelsprint, wenn man das mag.

Wo gehört er hin?

In die Hände von Normal-Autofahrern, die ihren Besserverdiener-Status zeigen möchten. Eine echte Alternative zum Porsche Macan.

Genau das war auch der Plan von BMW, nämlich Käufer anzusprechen, die es bewusst emotional angehen, nicht so rational wie beim X3, sondern einfach ein bisschen extravaganter. Das Problem dabei: Der Marktforscher Dataforce hat rausgefunden, dass 77 Prozent der X4-Käufer auch vorher schon eine Niere am Kühlergrill spazieren fuhren. Man gewinnt - anders als etwa der Porsche Macan - nur wenige Kunden als Wechsler von anderen Marken. Die meisten fuhren vorher X3.

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