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20.12.2012

10:21 Uhr

Dacia Lodgy im Test

Ein Wal-Kalb aus den 90ern

VonAlexander Möthe

Raumwunder, Preiswunder, blaues Wunder: Der Dacia Lodgy beeindruckt mit Kampfpreis und stattlichem Platzangebot. Naturgemäß bleibt dabei das ein oder andere auf der Strecke. Das gilt besonders für das Fahrerlebnis.

Schon wieder Dacia: Der Lodgy 1,6 MPI 85 – im Bild das Handelsblatt-Testmodell – ist Sieger in der Kategorie Minivan. Vom ohnehin geringen Preis (9.990 Euro) verliert der Van in den vier Jahren nach dem Kauf gerade mal 4.645 Euro an Wert. Sebastian Schaal

Schon wieder Dacia: Der Lodgy 1,6 MPI 85 – im Bild das Handelsblatt-Testmodell – ist Sieger in der Kategorie Minivan. Vom ohnehin geringen Preis (9.990 Euro) verliert der Van in den vier Jahren nach dem Kauf gerade mal 4.645 Euro an Wert.

DüsseldorfAuf den ersten Blick kann er einem ein wenig leidtun, der Lodgy. Seine Frontpartie funkelt den Verkehr schnittig, ja fast böse an. Doch schon ein Blick von der Seite enttarnt ihn als das, was er ist: ein Nutztier. Wer einen Van zu einem Preis ab 9.990 Euro anbietet, kann sich nicht lange mit aufregendem Design aufhalten. Er ist nicht hässlich, der Lodgy, aber schlicht und funktional. Ein Leitmotiv, das sich durch das gesamte Fahrzeug zieht. Aber der Reihe nach.

Das Fahrzeug im Test ist nun nicht das Einstiegsmodell, sondern die Ausstattungsvariante „Ambiance“ mit einem 1,5-Liter-Diesel, der mit 90 PS um die Ecke kommt. Das wirkt nicht allzu üppig, doch die 200 Newtonmeter Drehmoment, die der Wagen schon bei 1.750 Umdrehungen auf die Straße bringt, ziehen mehr als ordentlich. Leer wiegt der Fünfsitzer 1,28 Tonnen. Optional wird der Van sogar mit zwei zusätzlichen Sitzplätzen im Heck versehen. Platz dafür ist genug vorhanden, die Gesamtlänge beträgt rund 4,5 Meter, der Kofferraum fasst laut Hersteller bis zu 2.617 Liter.

Die Ausstattungsvariante bietet einige wohltuende Extras verschiedenster Qualität mehr: kleine Helferlein wie einer Steckdose im Innenraum, Klimaanlage, elektrische Fensterheber vorn und Umluft-Regulierung stehen die eigentlich „Must Haves“ Bordcomputer, Beleuchtung im Kofferraum und Zentralverriegelung mit Fernbedienung gegenüber. Zusammen mit der in diesem Fall verbauten Soundanlage mit MP3-Wiedergabe sowie USB- und Bluetooth-Schnittstelle samt Lenkradsteuerung klettert der Preis vom Basismodell ausgehend auf 13.490 Euro (plus 250 Euro für das Soundsystem). Das ist dann aber, zugegeben, in diesem Segment noch immer unschlagbar. Die Sicherheitsoptionen ABS, ESP, Airbags und Seitenairbags vorne müssen nicht extra erwähnt werden.

So viel zur grauen Theorie. Wie schlägt sich der Lodgy in der Praxis? Nun, dem Dacia wird kein Unrecht getan, wenn er als graue Maus bezeichnet wird – nicht nur wegen der serienmäßigen Lackierung. Schon beim Öffnen der Türen wird klar, dass hier die Funktionalität komplett im Vordergrund steht, was aber nicht von Nachteil sein muss. Kein designter Neuwagengeruch, kein sanftes Türschließen. Rumms, Tür zu, ist das Motto. Einen ganz besonderen Haken hat sich Dacia übrigens für alle einfallen lassen, die gerne Gegenstände auf dem Beifahrersitz ablegen: Der Alarm für nicht angelegte Sitzgurte reagiert offenbar auf Gewicht – und sei es noch so klein. In diesem Fall sorgte das achtlos auf den nebensitz geschmissene Portmonee für einen akustischen Amoklauf des Alarmtons.

Die entscheidenden Fragen und Antworten zum Dacia Lodgy

Alltagstauglich?

Absolut. Eher nur alltagstauglich als auch. Kann auch gemütliche Spazierfahrten und Urlaubsreisen. Bieder, mit der Neigung zu Übertreiben. Letzteres steht ihm nicht gut. Kurz und knapp: Schluckt wenig, kostet wenig, trägt viel – Nutzfahrzeug durch und durch.

Das schönste Detail?

Eine schwere Frage. Alle Details an diesem Wagen sind nützlich, daher per Definition eigentlich kein Detail. Ich habe jedoch bei der Haptik der Lüftungsbestandteile immer ein kleines Lächeln auf den Lippen gehabt. Klare Abstufungen, ohne schwergängig zu sein. Trivial, aber macht glücklich.

Enttäuschend?

Das Kurvenverhalten. Natürlich, der Lodgy ist hoch. Aber die gefährliche Divergenz zwischen Pkw-Fahrgefühl und Lkw-Verhalten ist punktuell sogar schockierend.

Ist er`s wert?

Ja. Da gibt es keine zwei Meinungen. Man bekommt, was man für das Geld erwartet, nicht mehr und nicht weniger. Ob das dem Käufer genügt, die Frage kann er nur selbst beantworten.

Sound?

Dass ein Commonrail-Diesel nicht wie ein Sportwagen klingt, ist klar. Erwartet beim Dodgy auch niemand. Aber diese kleine Hupe am Blinker... es klingt, als würde ein 1,2 Tonnen schwerer Motorroller einen Schluckauf haben. Reden wir nicht weiter darüber.

Wie grün ist das Auto?

Grüner wird's nicht: 109 Gramm pro Kilometer ist beim Thema Minivan und CO2-Emission unter den Vergleichsmodellen die Spitze.

Vorbildlich?

Nein. Diese Aussage kommt aus tiefstem Herzen. Für jemanden, der mit Leidenschaft Auto fährt ist der Lodgy eine Herausforderung. Angesichts des geringen Preis gibt es viel, was hätte besser gemacht werden können. Punkt.

Was sagt der Nachbar?

„Hast Du dir auch einen Dacia zugelegt?“ In dem Fall ging es um einen befreundeten Handwerker mit ebenfalls befreundeter Frau und zwei Kindern. Sonst sagt keiner was – der Lodgy ist der Ninja unter den Großstadtautos.

Wer guckt?

Keiner. Wirklich niemand. Außer dem Vater meiner besagten kleinen Cousine. Und der, Sie ahnen es vielleicht, hat zwei Kinder, einen Hund und eine Fußballmannschaft.

Wie fährt er sich?

Im Stadtverkehr gibt es wirklich nichts herumzunörgeln. Die Beschleunigung begünstigt das Vettel-Feeling des kleinen Mannes, das Handling ist solide. Das Parkplatzproblem haben auch andere Autos. Nur auf der Autobahn und der Landstraße wird der Dacia zu Deinem Wagen, dem unbekannten Wesen. Flattern, Schunkeln, Schieben, Rutschen – wären wir im Karneval, wär's okay. So hinterlässt es ein Geschmäckle.

Wo gehört er hin?

Minivans parken immer am besten in Carports von Einfamilienhäusern auf dem Land. Wer sich das alles jedoch leisten will und kann, wird auch nicht zum Lodgy greifen. Sein Revier ist die Stadt und das ist auch gut so. Gelegentliche Ausflüge oder gemächliche Überlandfahrten zur Arbeit tun ihm und der Besatzung nicht weh. Aber Berufspendler und Dauerurlauber sollten die Finger davon lassen.

Was dann auffällt ist das Raumangebot. Mit 1,70 Metern Höhe und besagter Länge macht der Lodgy es auch hochgeschossenen und breitgebauten Mitfahrern einfach. Die Beinfreiheit, auch auf den hinteren Sitzen, schreckt nicht vor langen Fahrten ab. Unter der Prämisse „bedenke, was der Wagen kostet“ lässt sich auch gegen das Vollsynthetik-Interieur Nichts sagen. Dennoch jagt einem die Verarbeitung immer wieder einen satten Schuss Beunruhigung in die Venen. Beim Testfahrzeug wackelt zum Beispiel die Handbremse, wenn sie angezogen ist. Der Dachhimmel um die Innenbeleuchtung herum gibt spielend nach, wenn der Daumen mal nicht exakt die Knöpfe an der Decke trifft. Es knarzt und ächzt, aber es bleibt alles an seinem Platz. Das darf angesichts des ersten Eindrucks durchaus als Gewinn angesehen werden.

Ein großes Problem für Fahrästheten ist die Haptik. Der Wagen brüllt einem seinen Preis fortwährend entgegen. Das Lenkrad hat viel Spiel, die Bedienelemente sehen edler aus als sie sich anfühlen. Die deutlich einrastenden Belüftungsschlitze sind schon vorbildlich, dafür ist der Scheinwerferwinkel nur über einen stufenlosen Drehschalter auf Schienbeinhöhe zu bedienen.  Sobald die Zündung an ist, macht sich im Innenraum ein unschönes Staubsaugergeräusch breit.

Die Innenverkleidung verträgt keinen Druck: Wer an der falschen Stelle hinlangt, sieht sich mit der Schattenseite der Billigfabrikation konfrontiert. Sebastian Schaal

Die Innenverkleidung verträgt keinen Druck: Wer an der falschen Stelle hinlangt, sieht sich mit der Schattenseite der Billigfabrikation konfrontiert.

Und schnell ist klar: Ein- und Ausparken ist nicht wirklich eine Freude, was aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass Wagen in dieser Klasse heutzutage großzügig mit Parkhilfen um sich schmeißen. Das dem Lodgy vorzuwerfen, ist eigentlich nicht fair. Das wandelnde Wal-Kalb wirkt an vielen Stellen wie ein Relikt aus den 1990er Jahren, während denen das Fahrzeug sich vom Komfort her nicht hätte verstecken müssen. Heute sind viele Extras Standard und der Lodgy im untersten Preissegment angesiedelt. Äußerlich erinnert, wen wundert es, viel an den Renault Kangoo. Entsprechend unspektakulär ist die Linienführung. Dieses Auto will gar nicht auffallen, wie es der Hersteller gerne selbst in seiner Werbung vertritt.

Kommentare (10)

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svebes

20.12.2012, 11:09 Uhr

Lieber paar Euro mehr und keinen Franzosen aus Nordafrika.
Die Franzosen an sich glänzen schon nicht mit Verarbeitungsqualität, aber das ist noch eins obendrauf.Im Tageseinsatz sind diese Büchsen innert kürzester Zeit wieder Material für den Weg zurück nach Nordafrika. Miese Ökobilanz.

DM_DEM

20.12.2012, 11:47 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

20.12.2012, 12:37 Uhr

Alle - auch der so süffisant schreibende Autor - werden sich noch wundern, wie viele Lodgys künftig die Straßen bevölkern werden. Nicht weil er das automobile Minimum darstellt, sondern deshalb, weil er das hat, was man zum Autofahren mit vielen Personen und viel Gepäck braucht. Ob das jetzt Technik und Stand der 90er ist, wäre mir - sofern ich sowas brauchen würde - völlig gleichgültig. Fakt ist, daß nicht der Lodgy zu wenig drin hat, sondern die meisten anderen zu viel von Zeug, das man nicht wirklich braucht, wenn man umsichtig fährt. Ich habe einen Kombi von 1983 und das Auto mag zwar kein ESP und keine Airbags haben, dafür kriege ich in den deutlich mehr rein, als in einen aktuellen Kombi mit ähnlichen Außenmaßen. Mal abgesehen davon, daß er übersichtlicher ist und VOR ALLEM, daß er nicht mit Gepiepse und Geblinke nervt. Das macht alles nochmal entspannter. Ich kann viel oder wenig auf dem Beifahrersitz haben - nie meldet sich ein elektronisches "Nerverlein" zu Wort. Den ganzen Pseudo-Premium-Herstellern sei zugerufen: Verkauft Eure Kisten an all jene, die hier das Hohelied der Sicherheit und des Komforts singen - und laßt sie kräftig dafür bezahlen. Mir werdet Ihr aber keine solch überteuerte Kiste verkaufen. Es ist doch schön, daß es unterschiedliche Ansichten diesbezüglich gibt.

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