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15.03.2012

10:35 Uhr

Die große Sprit-Lüge

So tricksen die Hersteller bei den Normverbräuchen

VonFrank G. Heide

Wie viel schluckt das Wunschauto? Meist mehr als angegeben, das ist ein offenes Geheimnis. Bei der Frage nach dem Spritverbrauch Hersteller nicht die Wahrheit. Das soll sich aber in Zukunft ändern.

Im Abgaslabor: Die Experten des ADAC prüfen und bewerten Autos auf Verbrauch und Umweltverträglichkeit ADAC

Im Abgaslabor: Die Experten des ADAC prüfen und bewerten Autos auf Verbrauch und Umweltverträglichkeit



DüsseldorfWieviel Sprit verbraucht der neue (Gebraucht-)Wagen? Zu Zeiten von Spritpreisen auf Rekordniveau eine wichtige Frage, die sich Käufer von Neu- und Gebrauchtwagen gleichermaßen stellen. Die offizielle Antwort dürfte aber in den meisten Fällen eine Lüge sein, wenn sie nämlich vom Hersteller oder Autohändler kommt und sich auf den sogenannten Normverbrauch bezieht, der auch EG- oder Euro-Mix genannt wird. Unabhängig von der mehr oder weniger richtigen Bezeichnung liegt er rund ein Fünftel bis ein Drittel unter den Verbräuchen, die Otto Normalfahrer auf die Straße bringt. Das bestätigen Fachzeitschriften, Prüforganisationen wie TÜV und Dekra, Autoclubs und professionelle Autotester schon seit Jahren immer wieder.

So ergab beispielsweise eine Auswertung des Autoclub Europa (ACE) im Februar 2012, dass bei knapp 250 getesteten Neuwagen der Verbrauchsschnitt bei 8,5 Liter pro 100 Kilometer lag, - und damit um 19,6 Prozent höher als von den Herstellern angegeben. Die hatten im Durchschnitt aller Verbrauchsangaben nach dem sogenannten EG-Mix 7,2 l/100 km genannt. Bei Benzinern lag die Differenz bei +17,2 Prozent, bei Selbstzündern gar bei + 23,8 Prozent. „Auto Bild“ weist in den eigenen Fahrzeugtests regelmäßig Mehrverbräuche von bis zu 30 Prozent nach, im Vergleich zu den Herstellerangaben.


Und der Münchener Autoclub ADAC bestätigt diese für Autofahrer ärgerlichen Resultate am 15. März 2012 indirekt mit eigenen Testergebnissen für acht Fahrzeuge im Rahmen seines neuen EcoTests. So lagen Audi A4 2.0 TDI und BMW 328i mit +13 und +14 Prozent mehr Spritverbrauch noch tolerierbar daneben.

Besonders ärgerlich wird es aber, wenn modernste Elektrofahrzeuge – und damit Öko-Aushängeschilder - wie der Volvo C30 oder der Renault Fluence Z.E. 80 bis 90 Prozent über den Hersteller-Verbrauchsangaben liegen. Dann wird ganz offensichtlich, dass es hier einen Fehler im System geben muss.

Der ist allerdings längst ausgemacht, er trägt den sperrigen Namen MNEFZ. Das steht für Modifizierter Neuer Europäischer Fahrzyklus gemäß Richtlinie 93/116/EWG). Wie der und andere internationale Fahrzyklen funktionieren, und was Experten daran auszusetzen haben, erklären wir für technische Interessierte an anderer Stelle ausführlich. Hier nur soviel: Das 1996 eingeführte und im Jahr 2000 überarbeitete Messverfahren ist hoffnungslos veraltet, hat mit unserem täglichen Fahrverhalten nur sehr wenig zu tun.

Empörung über Benzinpreise

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So wird es auf dem Rollprüfstand ermittelt, und die Hersteller dürfen mit verbrauchsmindernden Spritsparreifen und Leichtlaufölen tricksen, bei Maximaltempo 120, während so realistische – und den Spritverbrauch steigernde - Verbraucher wie Klimaanlage oder Fahrtlicht ausgeschaltet bleiben. Laut ADAC schluckt aber beispielsweise ein Auto mit aktivierter Sitz- und Heckscheibenheizung, Beleuchtung und Lüftung auf 100 Kilometern etwa einen halben Liter Kraftstoff zusätzlich.

Fahrzeug auf dem Prüfstand für den EcoTest. ADAC

Fahrzeug auf dem Prüfstand für den EcoTest.


Dass man all dies in einem gelungenen, seit Jahren erfolgreich angewandten Fahrzyklus unterbringen kann, der Autofahrer auch nicht mit vorgetäuschten Minderverbräuchen irreführt, beweisen die Amerikaner mit ihrem FTP 75. Der simuliert eine Fahrt im Berufsverkehr und zeigt der bisherigen Erfahrung nach vielleicht mal zehnprozentige Abweichungen von den Prüfstandtests der Hersteller, aber keine 30-prozentigen.

Und selbst der ADAC, der mit seinem EcoTest besonders strenge Maßstäbe anlegt, kann sich mit dem US-Fahrzyklus anfreunden. So sagt Reinhard Kolke, Leiter der ADAC-Abteilung Test und Technik: "Unbestritten ist der FTP 75 einer der besten Zyklen. Er ist sehr dynamisch und stellt hohe Anforderungen an Verbrauch und Abgasemissionen. Aber jedes Land und jeder Kontinent wünscht eigene Identität."

Wie sich der Benzinpreis zusammensetzt

Steuern und Einkaufspreis

Der Benzinpreis an der Tankstelle setzt sich überwiegend aus Steuern und dem Einkaufspreis am europäischen Großmarkt für Ölprodukte in Rotterdam zusammen.

Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer

Je Liter Benzin werden festgeschriebene 65,5 Cent Mineralölsteuer fällig, außerdem werden 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben.

Deckungsbeitrag

Zieht man noch den Einkaufspreis ab, der im Januar - dies sind die neuesten Daten - durchschnittlich bei 56,1 Cent lag, bleibt in der Rechnung des Branchenverbandes der sogenannte Deckungsbeitrag (Januar: 10,8 Cent). Daraus müssen auch die Kosten für die Tankstelle, Transport, Lagerung, Werbung, Verwaltung und die Beimischung von Biokomponenten gedeckt werden.

Gewinnerwartung der Konzerne

Als Gewinn streben die Ölgesellschaften einen Cent je Liter an.

Erhöhung der Bruttomarge

In der aktuellen Studie des Energieexperten Steffen Bukold wird geschrieben, dass sich die Bruttomarge der Mineralölwirtschaft (Tankstellenpreis minus Rohölpreis) von 11,5 Cent Ende November 2011 auf 16,3 Cent je Liter Superbenzin Anfang März erhöht habe. Darin ist nicht nur der Gewinn der Tankstellen enthalten, sondern ebenso die Marge der Raffinerien. Bei der abweichenden Darstellung der Mineralölwirtschaft ist der Gewinn der Raffinerien in der Position der Einkaufskosten enthalten.

Kommentare (28)

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15.03.2012, 11:04 Uhr

...und wenn ich mir dann all diejenigen im Berufsverkehr und während der Wochenendpendelei zur Familie auf den Autobahnen ansehe, die überwiegend alleine an mir vorbeihasten, als wären sie von der Tarantel gestochen, komme ich mehr zu der Überzeugung, daß die größte Abweichung von Normverbrauch im Gasfuß des Einzelnen zu finden ist. Und der Treibstoff scheint da auch noch nicht zu teuer zu sein. Ich sammle mir immer Mitfahrer über ein Portal ein, fahre auf Autobahnen eher verhalten und komme dann auch mit weniger als 6 Litern Diesel auf 100km mit meinem Touran voran. Und das liegt im Bereich der Normangabe.

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15.03.2012, 11:12 Uhr

@GSN
Unstrittig ist der Gasfuß (egal in welche Richtung) DER entscheidende Spritverbrauchsauslöser. Diese individuelle Entscheidung ist hier aber nicht der Punkt: Sie können so sparsam fahren, wie Sie wollen, den Normverbrauch werden Sie nicht erreichen. Allein der Unterschied Sommer - Winter kostet ca. 1 Liter. Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Sie im Winter ohne Heizung fahren?

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15.03.2012, 11:23 Uhr

Sicher nicht ohne Heizung. Aber die unter 6 Liter Diesel sind bei über 50.000km im Jahr gut nachvollziehbar und belegbar. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich recht schnell auf die Autobahn komme und daher der Wagen recht schnell warm wird. Besonders dann, wenn ein notwendiges Fahrzeug einen nicht unbeträchtlichen Kostenfaktor im Familienbudget darstellt, halte ich sowohl die Anschaffungs- als auch die Betriebskosten genauestens im Auge. Neben dem gibt es für die Winterzeit noch angepaßte Kleidung... ;-)

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