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29.06.2011

10:26 Uhr

Die Patente des Herrn Hüttlin

Wie der Kugelmotor die Autowelt revolutionieren könnte

Quelle:WirtschaftsWoche

Der Maschinenbauer Herbert Hüttlin besitzt mehr als 160 Patente. Die meisten erleichtern das Beschichten von Pillen und Kapseln. Sein größter Schatz aber ist ein Kugelmotor, der besser sein soll als heutige Automotoren.

DüsseldorfHerbert Hüttlin musste da hin. An den Bodensee, nach Lindau. Sein Ziel: Felix Wankel, der größte deutsche Motorenbauer neben Nikolaus Otto und Rudolf Diesel. Hüttlin, der junge Ingenieur, wollte Wankel für sich gewinnen. Als Mentor, als Paten. Wankel, immer streitbar, manchmal witzig, oft überheblich, war Erfinder des berühmten Wankelmotors, dessen Kolben sich nicht wie im Verbrennungsmotor primitiv auf und ab, sondern elegant im Kreis bewegten.

Zwei Dauerläufer: Erfinder Hüttlin und sein Kugelmotor, der besonders sparsam im Verbrauch ist. Wikimedia Commons CC-BY-SA 3.0

Zwei Dauerläufer: Erfinder Hüttlin und sein Kugelmotor, der besonders sparsam im Verbrauch ist.

So einer wie Wankel war der Richtige für Hüttlins Ideen. Ihm konnte Hüttlin, der Maschinenbauer und Strömungstechniker, zeigen, warum das mit dem Wankelmotor einfach nicht funktionieren konnte. Und so schrieb Hüttlin seinem Vorbild in den Siebzigerjahren viele Briefe. Sie blieben unbeantwortet.

Hüttlin, damals Anfang 30, war in der Autowelt ein Niemand. Doch er ließ sich nicht abwimmeln, schrieb immer wieder - bis der Meister sich erbarmte. An einem Freitagvormittag im Sommer 1978 machte Hüttlin sich von der Gemeinde Steinen ganz im Süden Deutschlands über den Schwarzwald auf zum Bodensee.

Überheblichkeit, die anspornte

In Lindau, wo Wankels Werkstatt noch heute steht, empfing der große Mann den Tüftler aus dem Badischen und hielt ihm einen Vortrag: über trochoide (achterförmige) Kolbenlaufbahnen und asymmetrische Massen. Später fuhren sie in einem Boot mit zwei Wankelmotoren über den See. Als der Tag fast vorüber war, fragte Wankel endlich: "Was haste denn mitgebracht, mein Junge?"

Hüttlin zückte seine Tuschezeichnungen, auf denen er dargestellt hatte, wie bessere Dichtungen dem Kreiskolbenmotor das Spritschlucken abgewöhnen sollten. Kaum hatte Wankel erfasst, was Hüttlin sagen wollte, war das Gespräch beendet. In einer theatralischen Geste riss Wankel die Arme hoch und rief: "Ach mein Gott, das funktioniert doch nicht. Das habe ich längst ausprobiert." Damit war die Audienz beendet, und Hüttlin kehrte heim.

Er brauchte Tage, um die Demütigung zu verdauen. Doch irgendwann wandelte sie sich in Trotz, und er schwor: "Ich komme wieder."

Wenn der heute 67-jährige Hüttlin die Szene schildert, sieht er mit seinen leicht welligen, grauen Haaren aus wie ein in Würde ergrauter Daniel Düsentrieb. Nicht allzu groß gewachsen, ist er immer in Bewegung, gestikuliert mit den Händen - voller Energie und Ideen. Die Begegnung mit Wankel, das wird klar, war ein Schlüsselerlebnis: "Heute weiß ich, dass Wankel richtig lag", sagt er. Aber dessen Überheblichkeit hat ihn angespornt, einen besseren Motor zu entwickeln.

Alles so schön rund hier: Der Hüttlin-Kugelmotor auf dem technischen Prüfstand. Pressefoto

Alles so schön rund hier: Der Hüttlin-Kugelmotor auf dem technischen Prüfstand.

Der ist längst fertig und hat sich schon auf Prüfständen eines Instituts der ETH Zürich, des renommierten Motorenentwicklers FEV in Aachen oder der Maschinenbauer der Fachhochschule Amberg bewährt. Er hat gezeigt, dass er nicht nur mechanische Vorteile hat, sondern dank der raffinierten Technik auch ein Drittel weniger Sprit braucht als vergleichbare Triebwerke traditioneller Bauart.

Kommentare (4)

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aha

30.06.2011, 06:37 Uhr

Der neue Kugelmotor beeindruckt wegen seiner Raffinesse. Nur 35% Wirkungsgrad ist nicht wirklich viel. Bei der vollen Prozesskette vom Öl zur Bewegungsenergie kommen beim herkömmlicher Motor (optimale Drehzahl: 30%, Durchschnitt: 18%) tatsächlich 7-8% an, der Rest geht verloren.
Leute von der Bahn prahlen aber schon mit 95% mit ihren riesigen Lokmotoren, wobei dazu noch Bremsenergie ins Netz zurückgegeben wird. Natürlich gibt es auch beim Elektromotor ordentlich Verluste, aber allein netto 35% zu 85% sind schon kaum aufzuholen.
Auch durch so tolle Köpfe wie Hüttlin nicht.

Liebe Pyromanen, ihr hattet sehr viel Spaß, bald ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Tschüß schonmal.

Mollemopp

30.06.2011, 13:10 Uhr

"Leute von der Bahn prahlen aber schon mit 95% mit ihren riesigen Lokmotoren, wobei dazu noch Bremsenergie ins Netz zurückgegeben wird."

Heißt für Schlaumeier aha wahrscheinlich, dass durch das Bremsen die an das Netz zurückgegebene Energie den Wirkungsgrad von 95 Prozent auf 115 Prozent erhöht. So gesehen müssen wir nur noch bremsen um Energie zu erzeugen (wohlgemerkt "erzeugen", nicht "wandeln" wie es mal in der Schule gelehrt wurde). Schlaumeiergerede propagiert eine Welt ohne Verbrennungsmotoren. Die nächsten 50 Jahre aber definitiv noch nicht. E-Loks sind eine super saubere Sache. Obendrüber hängt ein Seil und da sprühen immer Funken raus. Wie die da rein gekommen sind, weiß man nicht genau. Aber irgendwie machen die Funken, dass die Lok sich wie von Zauberhand vorwärts bewegt. Wir können es ja wie beim Atomausstieg machen. Also erst die AKWs abschalten und dann schauen wo wir den Strom herbekommen. Genauso können wir erstmal alle Tankstellen abreißen und dann hinterher schauen, wie wir vorwärts kommen. Wieso leben in Deutschland nur noch dumme Menschen?

Primopto

30.06.2011, 16:01 Uhr

Ich hatte schon Gelegenheit diesen Motor 1:1 am Automobilsalon in Genf zu sehen. Die Kinematik ist absolut einfach und einleuchtend - nur auf die Idee muss halt erst einmal einer kommen. Danke Herbert Hüttlin!
Dass dieser Motor dazu nur gute 60 Kilo wiegt und ein Viertel der Bauteile eines 4-Zylinder-Hubkolbenmotors hat, sind weitere nicht zu unterschätzende Vorteile.
Wenn es geht würde ich mich gerne an diesem Projekt beteiligen, kann mir jemand dazu weiter helfen?

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