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03.06.2016

12:47 Uhr

Fahrbericht Yamaha MT-10

Das Gesicht in der Menge

VonUlf Böhringer
Quelle:Spotpress

Mit der neuen, an der Front höchst ungewöhnlich gestylten MT-10 schließt Yamaha seine MT-Baureihe nach oben ab. Das starke Naked-Bike gefällt Fahrern, Sozias eher weniger.

Fahrbericht:  Yamaha MT-10 - Das Gesicht in der Menge Markus Jahn

Yamaha MT-10

Ganz im Sinne der Yamaha-Philosophie der leichten Beherrschbarkeit ist die mit 210 Kilogramm klassenüblich leichte Maschine ohne große Anstrengungen fahrbar

Ja, sie schaut böse. Wer ihr zum ersten Mal gegenübersteht, hat gar keine andere Möglichkeit, als die aggressiv-eckige Frontmaske der neuen Yamaha MT-10 als „böse“ zu empfinden. Ob man dieses Böse als positiv empfindet oder als teuflisch abstoßend, ist Geschmackssache. Nach 260 Kilometern Landstraßenfahrt anlässlich des ersten Fahrtests im regnerischen Andalusien tönt ein Signal gen Mitteleuropa: Es lohnt, sich demnächst einmal in den Sattel des jüngsten Nakedbikes von Yamaha zu setzen und sie ausgiebig zur Probe zu fahren.

Im Segment der sogenannten Hyper-Nakeds ist Yamaha mit der 118 kW/160 PS starken MT-10 eher zu den Nachzüglern zu zählen: Insbesondere KTM mit der 1290 Superduke R (173 PS, 17.995 Euro) und BMW mit der S 1000 R (160 PS, 13.350 Euro)  dominieren seit ihrer Präsentation 2014 den Markt, deutlich geringere Stückzahlen realisieren die Suzuki GSX-S 1000 (145 PS, 11.990 Euro), die Kawasaki Z 1000 Performance (142 PS, 12.195 Euro) und die Aprilia Tuono V4 1100 RR (175 PS, 16.490 Euro).

Jetzt also Yamaha – und wer spät kommt, muss Besonderes bieten, um noch ein möglichst dickes Stück vom Kuchen abzukriegen. Die Besonderheit der MT-10 liegt nicht nur in der aggressiven Frontmaske, sondern in ihrer vom Superbike R1 abgeleiteten Motor-Technik.

Im Segment der sogenannten Hyper-Nakeds ist Yamaha mit der MT-10 eher zu den Nachzüglern zu zählen Markus Jahn

Yamaha MT-10

Im Segment der sogenannten Hyper-Nakeds zählt sie eher zu den Nachzüglern

Der sogenannte Crossplane-Vierzylinder mit 90-Grad-Hubzapfenversatz der Kurbelwelle pulsiert nämlich in einer ganz außergewöhnlichen Art: Nur wenige Triebwerke machen dermaßen an wie dieser Reihenvierer es vermag. Dumpf grollt die Edelstahl-Auspuffanlage, extrem hurtig orgeln die Kolben bei Bedarf bis an die 12.000 Umdrehungen. Natürlich liegt das Leistungsvermögen des technisch abgespeckten Motors weit unter dem des R1-Aggregats.

Dort werden dank feinster Materialien und vieler technischer Kniffe bei 13.500 U/min 200 PS realisiert. Für den Landstraßenbetrieb benötigt man Spitzenleistung bei höchsten Drehzahlen nicht, dort ist satter Punch in der Drehzahlmitte gefragt: Die Leistungskurve des MT-10-Motors ist zwischen 3.000 und 7.500 Touren denn auch besonders kräftig. Ein kurzes Zucken der rechten Hand genügt, und die MT-10 schnellt nach vorne. Die Fahrmodi „Standard“ und „A“ (verschärfte Gasannahme) passen prima,  „B“ bringt als „crazy mode“ nur den Vorteil seiner Existenz. Immer wird volle Leistung geliefert.

Gute Noten  gibt’s für das recht gut ablesbare, aber nur monochrome Digital-Zentralinstrument Markus Jahn

Yamaha MT-10

Gute Noten gibt’s für das recht gut ablesbare, aber nur monochrome Digital-Zentralinstrument

Ganz im Sinne der Yamaha-Philosophie der leichten Beherrschbarkeit ist die mit 210 Kilogramm klassenüblich leichte MT-10 ohne große Anstrengungen fahrbar. Dabei helfen die vorderradorientierte, entspannte Sitzposition, die leichte Frontlastigkeit des Fahrzeugs selbst und die hochwertigen Federelemente, die vorne wie hinten voll einstellbar sind. Freilich ist ein wenig Tüfteln vonnöten, um das volle Potenzial des Fahrwerks auch ausschöpfen zu können, denn eine semiaktive Ansteuerung der Dämpfer hätte den Preis zu hoch getrieben. Yamaha-Käufer sind erfahrungsgemäß etwas preissensibler als beispielsweise BMW- oder KTM-Kunden.

Dennoch: Note eins minus fürs MT-10-Fahrwerk mit sehr straffer Grundabstimmung. Dieselbe hohe Bewertung gebührt der vorzüglichen Dreischeiben-Bremsanlage mit fein regelndem ABS neuester Bauart von Bosch; das „minus“ gibt’s wegen der nicht vorhandenen Kurvenbrems-Regelfunktion.

Dumpf grollt die Edelstahl-Auspuffanlage, extrem hurtig orgeln die Kolben bei Bedarf bis an die 12.000 Umdrehungen Markus Jahn

Yamaha MT-10

Dumpf grollt die Edelstahl-Auspuffanlage, extrem hurtig orgeln die Kolben bei Bedarf bis an die 12.000 Umdrehungen

Insgesamt ist die MT-10 ein formidables Mitglied der Hyper-Naked-Familie. Böse an ihr ist nicht nur die Frontmaske, sondern auch die Sitzposition in der zweiten Reihe: So gut wie jede Sozia dürfte schlankweg gegen diese Art des Transports protestieren – außer sie ist eine besonders zierliche junge Dame mit Fakir-Diplom; die Positionierung der Knie auf Höhe der Fahrerohren muss man schon mögen.

Wegen etwas zu kurzer Ausleger ist die Rücksicht in den Spiegeln nur knapp ausreichend, auch fehlt der MT-10 eine automatische Blinkerrückstellung. Und weil wir schon beim Meckern sind: 7 Liter Durchschnittsverbrauch bei keineswegs drehzahlgieriger Fahrweise erscheinen eher üppig, was angesichts des 17 Liter-Tanks alle 200 Kilometer zum Nachfassen zwingt.

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