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24.05.2012

09:23 Uhr

Fahrtest Range Rover Evoque

Zu sexy für eine Schlammschlacht

VonFrank G. Heide

Selten hat ein Auto so schnell so starke Emotionen hervorgerufen. Nach einem halben Tag hätte ich den neuen Range Rover Evoque am liebsten stehen lassen. Doch das Beste kam dann zum Schluss.

In Sachen Gelände braucht sich der alte Landy nicht vor der modernen Konkurrenz zu verstecken. In puncto Komfort allerdings liegt der Vorteil beim Range Rover Evoque. Frank G. Heide

In Sachen Gelände braucht sich der alte Landy nicht vor der modernen Konkurrenz zu verstecken. In puncto Komfort allerdings liegt der Vorteil beim Range Rover Evoque.

DüsseldorfSein Name deutet die Richtung an: Evoque, eine Wortschöpfung aus dem englischen evoke (hervorrufen) und dem französischen (en) Vogue (Welle, Trend). Ein Engländer mit den Qualitäten eines französischen Beaus, der zunächst mal optisch die große Welle macht.

Der kleinste Range Rover ist ein echter Hingucker, und das macht beim ersten Date natürlich einen tollen ersten Eindruck. Aussehen tut er wirklich gut, modern und stylish, mit seinen riesigen Reifen, der ultraflachen Fensterlinie und der kantigen Designmischung aus Gelände-Luxus und Coupé. Die große Frage, beim ersten Date, wie beim SUV-Crossover: Was steckt hinter der schönen Verpackung? Ein freundliches Wesen? Ein zuverlässiger Charakter, mit dem man Pferde stehlen kann? Oder ist die optische Zehn eine taube Nuss?

Die Mittelkonsole ist breit und groß, sehr breit und sehr groß. Viel zu oft stößt das Knie gegen Metall. Frank G. Heide

Die Mittelkonsole ist breit und groß, sehr breit und sehr groß. Viel zu oft stößt das Knie gegen Metall.

Der gute äußere Eindruck setzt sich innen zunächst fort. Die Ausstattung des Range Rover kann man als hochwertig bezeichnen, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Materialmix herrscht. Metalloptik von gebürstet bis hochglänzend, Klavierlack, PVC von wertig bis na ja, der Engländer nennt es wohl „cheap“, dazu kommt rotes Leder auf den Sitzen, Holzmaserung am Armaturenbrett, - viele Geschmacksfragen eben und darüber lässt sich ja nicht streiten. Erstes Fazit: Ist man mit dem Evoque unterwegs, darf man kein Freund gepflegten Understatements sein, mit dem Wagen fällt man auf.

Fahrerlebnisse im Range Rover Evoque

Ein schönes Lastentier

Das natürliche Habitat des Evoque liegt zwischen Kö und Pferdestall. An letzterem angekommen wirkt er magnetisch. Die Reiterinnen sind vom Design des Range Rovers beeindruckt, wollen in den Kofferraum schauen, zur Probe sitzen, fragen sogar nach Preisen und Ausstattung. Einer der wenigen Herren schaut auf die Anhängerkupplung, fragt knapp: Was zieht der?
Nicht so viel wie der große alte Range, das ist sicher. Aber bei 1.860 Kilo gebremster Anhängelast reicht es knapp für einen 700-Kilo-Hänger mit zwei 500-Kilo-Durchschnittspferden. Aber nicht für zwei Kaltblüter. Die Damen lächeln immer noch.

Was sagen die Nachbarn?

Der ist aber unübersichtlich, sagt Michael von links nebenan. Sieht aber trotzdem gut aus. Aber noch viel besser hat ihm der Audi RS 5 Coupe gefallen, den ich vor dem Evoque zum Testen hatte.
Das nette Studentenpäärchen von unten bitte ich, mal zu schätzen, was so ein modernes und ziemlich komplett ausgestattetes SUV kostet. Er sagt 70.000, sie 50.000 Euro. Sie ist deutlich näher dran. Das ist wohl "win win", für Hersteller und Käufer, wenn das Produkt nach mehr aussieht.

Darf ich mal anfassen?

Nächste Station: Futtermittel- und Tierzubehör-Handel. Auf dem Parkplatz hat der Evoque unter all den anderen Gelände-Nutztieren den schönsten Auftritt und erntet die meisten Bewunderungsblicke. Eine Verkäuferin wagt sich vor: Haben Sie den neu? Darf ich mal in den Kofferraum schauen?
Sie darf, ist aber ein bisschen enttäuscht, denn sie hatte etwas mehr erwartet. Aber die Innenausstattung, das Design, sind doch so gelungen, dass sie schnell noch zwei Kolleginnen herbeiruft: Guckt doch mal, sieht der nicht scharf aus? Ich muss nicht lang überlegen, wann mir das zuletzt mit einem anderen Auto passiert ist.

Quittung? Brauch ich nicht!

Was am Touchscreen-Navi am meisten nervt: Jedes mal kommt ein Warnhinweis auf den Bildschirm, wenn man das Gerät einschaltet. Der besagt, man habe gerade das Navi eingeschaltet. Das lenke aber möglicherweise vom Verkehr ab.
Man muss diese Warnung auf dem Touchscreen mit Fingerdruck quittieren, um weiterzumachen. Der Handgriff dafür lenkt dann tatsächlich vom Verkehr ab. Premium-Nonsense, aber das machen leider viele andere Hersteller auch so.

Schall und Rauch

Männer sind so: Natürlich bin ich einfach erst mal losgefahren, das Bedienungshandbuch blieb im Handschuhfach, dessen Deckel einer zierlichen Beifahrerin die Knie ruinieren kann, wenn sie ihn unbedacht öffnet. So verlief leider die Fahndung nach der Anzeige für den Durchschnittsverbrauch tagelang erfolglos.
Was das Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser stattdessen anzeigte, war eine aufwändige farbige Balkengrafik mit Angabe des momentanen CO2-Ausstoßes. Die gibt es nur im Evoque Diesel. Wirklich schön. Und vollkommen sinnlos.

Sie werden assimiliert. Widerstand zwecklos!

Wie hab ich schon geschimpft über teuren Luxus, der Autos nur schwer und teuer macht, und kaputt gehen kann. Was hat es gebracht? Meine Frau hält mir immer noch vor, ich hätte damals gesagt, im VW Golf brauche kein Mensch eine Servolenkung.
Im Evoque gabs dreistufige Anwärmung des verlängerten Rückens und Lenkradheizung. Als es im April morgens noch ein wenig frisch war, hab ich natürlich beides genutzt. Wahnsinn, wie schnell man sich daran gewöhnt.
Von einem Kollegen mit einem Jeep hab ich jetzt gehört, der kann sogar die Getränke in den Cupholdern heizen und kühlen. Am Ende kriegen sie uns doch alle rum, die Entwickler der aufpreispflichtigen Extras.

Weniger kostet mehr

Als Testfahrer kann es mir ja egal sein, aber als Käufer würde ich mich schon fragen: Warum kosten zwei Türen weniger 1.000 Euro mehr? Der Zweitürer macht den Einstieg nach hinten zum peinlichen Balanceakt, vier Türen sind Pflicht.

Safety first

Sobald man losgefahren ist, deutet ein dezentes Klack-Klack an, dass beide Türen automatisch verriegelt wurden. Keine schlechte Idee, so kann an der nächsten Ampel kein Langfinger die Tür aufreißen, um die Designerhandtasche vom Beifahrersitz zu klauen. Typische SUV-Käufer finden das bestimmt besonders gut, das sind doch alles Sicherheitsfreaks, oder?

Anprobe im eigenen Sarg

Wer als erwachsener Mann mit XL- bis XXL-Abmessungen hinten rein muss, den überkommt im Zweitürer-Testwagen das Gefühl er klettere in den eigenen Sarg. Der schwarze Himmel zwingt in strenge Rumpfbeuge, ein Fuß fädelt unter den Sitz ein, da hindert die riesige Mittelkonsole schon das Knie am Vorwärtsdreh, doch noch ist das Hinterteil nicht an der Türleiste vorbei.

Beim folgenden Versuch an der Rückenlehne Halt zu finden, bitte jetzt nicht an den innen oben versteckten Knopf zur elektrischen Sitzverstellung kommen, sonst fährt das schwere Lederfauteuil zurück bevor man drin ist.

Andererseits: Ein Riesenspaß für die ganze Famile. Die Kinderlein quietschen vor Vergnügen: „Schaut mal, wie Papa im Auto feststeckt“, und verteilen spontan Haltungsnoten.

In splendid isolation

Deutlich größer als die Solidarität unter Motorradfahrern, die sich immer gegenseitig so lässig grüßen, ist die unter Oldtimer-Fahrern, speziell wenn es um die gleiche Marke geht. Ich kenne das aus meinen alten Land Rovern. Man grüßt überschwenglich und freut sich immer so, Artgenossen in freier Fahrt zu treffen. Gerade bei alten Briten ist geteiltes Leid die halbe Miete.
Im Evoque habe ich versehentlich und aus alter Gewohnheit auch ein paar Fahrer von Range und Land Rovern gegrüßt, - und schnell wieder eingestellt. Da kommt jetzt gar nichts mehr zurück.

Und dieser „Looker“ weckt vor allem die Aufmerksamkeit von Frauen. Auf welchem Parkplatz auch immer: Ikea, Supermarkt, oder Reithalle, - man wird angesprochen und nicht selten gefragt, ob es vielleicht möglich wäre auch mal Platz zu nehmen und auch ein schnelles Foto, vielleicht? Wer den Evoque datet, der wird beneidet. Das muss man(n) ja nicht schlecht finden.

Dass der Wagen vor allem Frauen gefällt ist, freundlich ausgedrückt, beim Komfort kein Nachteil. Während alle weiblichen Testfahrerinnen genügend Beinfreiheit fanden, die Mittelkonsole als angenehme Ablagefläche für den Arm empfanden und auch den Gurt schmerzfrei einklicken konnten, hat man als Mann da schon eher so seine Probleme. Vor allem, wenn man nicht zur Kategorie „lap size“ sondern XL bis XXL zählt.

Handelsblatt Online-Redakteur Frank G. Heide hat das Fahrzeug getestet. Am liebsten bewegt er Honda CBR 1000 RR oder BMW R 100 S. Handelsblatt Online

Handelsblatt Online-Redakteur Frank G. Heide hat das Fahrzeug getestet. Am liebsten bewegt er Honda CBR 1000 RR oder BMW R 100 S.

Denn dann schrumpft der Spalt zwischen Hüfte und Mittelkonsole auf gefühlte zwei Millimeter. Gurt anlegen wird zum Stochern in einer dunklen Ritze. Bei längerer Fahrt wird klar: Ein kurzes, schmales Bein ist von Vorteil. Denn sonst drückt das Knie an die Metallschiene der Mittelkonsole und man fragt sich mit zusammengebissenen Zähnen wie der verdammte kleine Knochen wohl heißt, der da so weht tut.

Wer im täglichen Leben mehr als „nur“ den Beifahrer transportiert, sollte unbedingt die Variante mit vier Türen wählen. Auf die Rückbank des 2-türigen Modells schlüpfen allenfalls Kinder bis zum Ende des Grundschulalters problemlos, danach ist eine gewisse artistische Begabung kombiniert mit vorausschauender Planung notwendig um „einfach“ einzusteigen. Dazu mehr im Kasten „Fahrerfahrungen“.

Dass ich den Testwagen schon nach einem halben Tag am liebsten stehen gelassen hätte, und neugierig nachfragenden Kollegen empfahl „Kick it like Beckham“, ist aber nicht meiner grundsätzlichen Abneigung gegen SUVs geschuldet. Ich fand die ersten Fahrerfahrungen einfach enttäuschend.

Kommentare (27)

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G4G

24.05.2012, 09:45 Uhr

Als Fahrer eines echten "Range Rover V8" habe ich den Evoque auch mal gefahren.
Der Evoque trifft meiner Meinung genau das, was 97% aller SUV Fahrer brauchen: Hohe Einstiegsposition, Komfort, nicht zu groß für die Stadt, angenehmer Spritverbrauch und Eleganz.

Der Evoque hat davon alles. Er ist superschick und höchst komfortabel ausgestattet. Eine top Straßenlage und ein Design hinter dem sich alle anderen verstecken können.
Zudem der Duft nach feinem Leder...

Mehr gibt es in dieser Liga nicht.

Wer mehr will und braucht, fährt dann aber auch mit knapp 3 Tonnen, fast 5 Metern, 2,40 m Breite einen echten Range Rover oder den neuen Discovery 4 HSE. Dann grüßen alle und man ist im Club der Geniesser, die ohne Probleme und Stress bei jedem Wetter (egal ob 40° plus oder minus) durch jeden Dreck kommen und auf der Autobahn bis Tempo 200 eine gute Figur machen.
Nebenbei bemerkt, bei Land Rover ist man wirklich Kunde und wird auch so bedient. Das kann man beim Stern nicht mehr feststellen...

Gaffel

24.05.2012, 10:40 Uhr

Es zeugt nicht gerade von ökonomischem Denken, ein Fahrzeug auf die Räder zu stellen, welches ca. 80 kg Mensch mit einem Aufwand von über 2000 kg Leergewicht durch die Gegend befördert. Wer gerne Leder riechen möchte, sollte sich doch eher eine schöne Couch zulegen.
Kaum einer der Kunden fährt so ein Auto in Geländeformationen, in denen der Einsatz solch eines Autos notwendig wäre. Im Stadteinsatz zeigt der/die Fahrer(in) lediglich, daß seine Intelligenz deutlich geringer ist als sein Bankkonto oder sein verkümmertes Ego...

Edelzwicker

24.05.2012, 11:25 Uhr

Ja, er gefällt.
Allerdings werde ich den Eindruck nicht los, dass der Evoque etwas Halbseidenes hat, das ihn für mich -trotz des günstigen Preises- nicht erstrebenswert macht.
Das ist ein Rover für Mutti, die damit ihre Freundinnen zur Sonnenbank rodelt.

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