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13.02.2014

08:01 Uhr

Ferrari F12 Berlinetta im Handelsblatt Autotest

Die ultimative Fahrmaschine

VonSebastian Schaal

Ein Ferrari mit 740 PS ist ein radikales Sportgerät – denkste. Der F12 Berlinetta ist zwar stärker und schneller als die meisten anderen Sportwagen, aber gleichzeitig wahnsinnig komfortabel – und sogar alltagstauglich.

Sie können sich entweder einen F12 Berlinetta in die Garage stellen. Oder aber auch ein schickes Einfamilienhaus bauen. Sie haben die Wahl. Sebastian Schaal

Sie können sich entweder einen F12 Berlinetta in die Garage stellen. Oder aber auch ein schickes Einfamilienhaus bauen. Sie haben die Wahl.

Ein Ferrari ist von Natur aus kein langsames Auto. Selbst das untere Ende des Angebots, das derzeit auf den Namen California hört, ist ein sehr fähiger Sportwagen. Doch der Mythos der Geschosse mit dem springenden Pferd auf der Haube lebt nicht von den Einsteiger-Modellen, sondern von den schnellsten Exemplaren.

Egal ob ein Turbo-beatmeter F40 aus den 1980er Jahren oder ein V12-befeuerter Enzo aus dem 21. Jahrhundert: Die schnellsten Ferraris für die Straße waren stets extreme Gefährte, ihr Kampfanzug gespickt mit allerhand Spoilern, um ihre brachiale Power auch nur ansatzweise auf den Asphalt zu bringen. Im Ergebnis waren diese PS-Protze meist nur von Könnerhand sicher und schnell zugleich zu bewegen und vermittelten Otto Nomalautofahrer gerne den Eindruck, unkontrolliert aus einer Kanone abgeschossen zu werden. 

Ein Auto, das noch schneller als diese Benzin-Ikonen alter Schule ist, muss ein radikaler Sportwagen sein. Inzwischen gibt es diesen Wagen, der die hauseigene Ferrari-Strecke in Fiorano stolze zwei Sekunden schneller umrundet als der 660 PS starke Enzo. Ausgerechnet dieses Auto sieht aber gar nicht nach einem drahtigen Extremsportler aus, sondern eher wie eine Skulptur auf vier Rädern.

Kein Wunder – schließlich ist der F12 Berlinetta ein Gran Turismo und kein Rennwagen. Also eher ein schnelles Reiseauto für die große Tour als ein Vollblut-Racer für die Rennstrecke. Und trotzdem soll dieses flügellose Langstreckenauto schneller sein als ein Enzo?

Dass der F12 ohne Flügel oder ähnliches Blendwerk auskommt, hat er ein paar schlauen Einfällen seiner Designer zu verdanken. Mit einigen Kniffen und Anleihen aus dem Rennsport – etwa dem mächtigen Diffusor am Heck – ist es den Entwicklern gelungen, auch ohne Spoiler genügend Abtrieb zu erzeugen. Ein ganz besonderes Highlight sind hier die sogenannten „Aero-Bridges“. Durch diese beiden armdicken Löcher zwischen Motorhaube und Kotflügel streift so viel Luft, dass der Wagen von zusätzlichen 50 Kilogramm Anpressdruck auf den Asphalt geklebt wird. Und schön anzusehen sind die ausgeprägten Sicken in Motorhaube und Türe ganz nebenbei auch noch.

Die entscheidenden Fragen und Antworten zum Ferrari F12

Alltagstauglich?

Mehr Stauraum als ein Golf, im Alltag so einfach zu fahren wie ein Fiat, sehr angenehm auf der Autoahn. Und einen Sekundenbruchteil später ist der F12 schneller als alles, was Sie zuvor gefahren sind.

Das schönste Detail?

Das Grinsen, das der F12 auf den (meisten) Gesichtern seiner Passagiere hinterlässt.

Enttäuschend?

Der Moment, als ich den Schlüssel wieder abgeben musste. Die richtige Enttäuschung machte sich allerdings breit, als ich mit einem Opel Insignia bei dem Ferrari-Händler vom Hof fuhr – und auf einen Schlag 600 PS weg waren.

Ist er's wert?

268.400 Euro sind eine beeindruckende Summe – der Gegenwert, den Ferrari dafür bietet, ist aber mindestens genauso beeindruckend.

Sound?

Von tiefen Grummeln im Leerlauf über ein sattes Brüllen in der Mitte bis hin zu einem heiseren Kreischen nahe des Drehzahlbegrenzers ist alles dabei. Klingt von außen noch besser als im Fahrersitz.

Wie grün ist das Auto?

Gegenüber dem Vorgänger ist der CO2-Ausstoß von rund 500 auf noch etwa 300 Gramm pro Kilometer gesunken – macht aber immer noch Effizienzklasse G.

Vorbildlich?

Oberklasse-Autos von Mercedes, Audi oder BMW haben einen hochwertigen Innenraum, keine Frage. Aber wie Ferrari das Leder im Interieur des F12 eingepasst hat, lässt deutlich werden, dass der enorme Preis nicht nur für den Zwölfzylinder drauf geht.

Was sagt der Nachbar?

Steht dem Ferrari zunächst etwas abweisend gegenüber und philosophiert über Sinn und Unsinn so teurer und schneller Autos. Als er allerdings sieht, dass ein anderer Nachbar für eine kleine Runde auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, will er plötzlich auch. Von Sinn und Unsinn ist danach keine Rede mehr.

Wer guckt?

Man muss schon ein sehr überzeugter Benzin-Verweigerer sein, um nicht einen Blick auf den F12 zu werfen. Zwar ist auch vereinzeltes Kopfschütteln dabei, der überwiegende Anteil der Reaktionen fällt aber sehr positiv aus.

Wie fährt er sich?

Atemberaubend.

Wo gehört er hin?

In meine Garage. Scherz beiseite, der F12 dürfte seinen Platz als Viert- oder Fünftwagen in einem sehr gut sortierten Millionärs-Fuhrpark finden – vielleicht neben einem Rolls-Royce für die Oper, einem Range Rover für den Einkauf, einem Oldtimer für’s Herz und einem Ferrari 458 Spider für einen sonnigen Sonntag.

Trotz all der Aerodynamik-Kniffe ist unter dem maßgeschneiderten Kleid des F12 auch noch Platz für Gepäck. Der Kofferraum fasst ordentliche 320 Liter, nimmt man die Ablage hinter den beiden Sitzen, auf denen das Gepäck mit edel vernähten Leder-Bändern fixiert werden kann, noch hinzu, bietet der Wagen mehr Stauraum als ein Golf.

Gut, neben der intelligenten Epidermis braucht der F12 auch noch etwas Elektronik, um die 740 Pferde seines V12-Frontmittelmotors einigermaßen brauchbar auf die Straße zu bringen. Sie haben richtig gelesen, der F12 Berlinetta hat einen 740-PS-Motor unter der adretten Haube. Und diese Leistung geht ausschließlich an die Hinterachse. Ja, ein Ferrari ist schon etwas besonderes.

Das größte Problem in diesem Bild: Die Straße ist leicht feucht. Denn 740 PS mit Heckantrieb und feuchte Landstraßen vertragen sich nicht sehr gut. Sebastian Schaal

Das größte Problem in diesem Bild: Die Straße ist leicht feucht. Denn 740 PS mit Heckantrieb und feuchte Landstraßen vertragen sich nicht sehr gut.

Es ist nicht so, dass vor meiner Haustüre noch nie ein extrem schnelles oder wahnsinnig teueres Auto stand. Aber mit einem Ferrari in der Garage stellen sich die wichtigen Fragen des Lebens: Kann ich am Morgen kurz in Jogginghose zum Brötchen holen fahren? Darf ich den F12 vor einem gewöhnlichen Supermarkt parken oder muss ich jetzt zum Feinkosthandel?

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